El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Wißt Ihr, wo mein Gewehr ist, Miß Hawbury?«
»Nein! Könnt Ihr nicht darauf verzichten?«
Michel schüttelte entschieden den Kopf.
»Die Waffe ist in der Hand dieser Araber ein furchtbares Instrument, ein sechsschüssiges Repetiergewehr, allerneueste Erfindung. Könnt Ihr Euch vorstellen, was das heißt?«
»Well, diese Araber sind keine sehr großen Schußwaffenkonstrukteure.«
»Dennoch, ich kann es nicht in den Händen des Daj lassen. Ein Versprechen bindet mich. Ich muß wenigstens versuchen, es wiederzubekommen.«
Sie zuckte resigniert die Achseln.
»Ich will Euch nicht daran hindern. Außerdem, glaube ich, würde eine solche Waffe meinen Vater und die britische Armee interessieren. Durchsucht die Zimmer des Daj. Ich will hier wachen. Aber beeilt Euch!«
Michel öffnete vorsichtig die Tür und trat ein. Er bewunderte das tapfere Mädchen, obwohl er ihr Verhalten und ihre Gedankengänge sehr unweiblich fand. Wie konnte eine Frau an die Nützlichkeit einer neuen Waffe für die britische Armee denken, wenn sie sich in einer so heiklen Lage befand? Nicht eine Spur von Angst hatte er in ihrem Benehmen festgestellt. Ihre Sicherheit war irgendwie unnatürlich.
Er erfaßte mit einem Blick den schier märchenhaften Luxus dieser Wohnräume. Unübersehbare
Kostbarkeiten waren hier angehäuft. Wo aber befand sich die Muskete?
Hastig schritt er auf das Portal der gegenüberliegenden Wand zu. Er öffnete. Hier war die Ausstattung noch prächtiger und gleißender.Fast wäre ihm ein Jubelruf entfahren. Über einer Ottomane hingen in malerischer Anordnung viele Waffen. Auf zwei vergoldeten, mit Arabesken verzierten Armen, die aus der Wand herausragten, lag das Gewehr.
Ein Griff, und Michel hatte es über der Schulter.
Eilig ging er zurück. Eine eiskalte Hand griff plötzlich nach seinem Herzen. Von der Tür her, wo Isolde Wache hielt, erklang ein unterdrückter Aufschrei, Poltern, wie von einem Handgemenge, Stöhnen.
»Gott beschütze mich«, kreischte eine Stimme.
Mit zwei Sätzen erreichte Michel die Tür und riß sie auf. Ein herkulisch gebauter Schwarzer, wahrscheinlich ein Eunuche, war dabei, sich des Mädchens zu bemächtigen, das er trotz seiner Verkleidung erkannt haben mußte.
Michel sprang den Mohren von hinten an und preßte ihm seine Finger um die Gurgel, aber der Kerl hatte Nackenmuskeln wie ein Stier. Wie eine lästige Fliege schüttelte er den unerwarteten Gegner ab.
Michel flog mehrere Schritte durch den Raum.
Schnell raffte er sich auf, packte sein Gewehr am Lauf und stürzte sich mit geschwungenem Kolben auf den Schwarzen. Zwei Schläge, und der Bursche verlor das Bewußtsein. Isolde hatte sich schon wieder gefaßt.
»Wir können ihn hier nicht liegen lassen. Er ist Haremswächter. Deshalb kannte er mich. Sobald er zu sich kommt, wird er Lärm schlagen.«
Michel bückte sich rasch, riß dem Ohnmächtigen die Schärpe vom Bauch, band ihm die Hände und Füße zusammen, stopfte ihm einen Knebel zwischen die Zähne, öffnete die Tür zu dem Gemach, das er soeben verlassen hatte, zog den Bewußtlosen hinter sich her, drückte ihn unter einen Diwan und band ihn mit dem Rest der Schärpe an einem Mauervorsprung fest. Losmachen konnte er sich ohne fremde Hilfe nicht, und bis ihn in den Privatgemächern des Daj jemand fand, konnten Tage vergehen.
Nach ein paar Minuten erreichten sie die Räume, in denen sich die Freunde befanden. Auch hier keine Wachen. Und draußen immer noch der Lärm, den die wilden Heerscharen des Daj verursachten.
»Senor Doktor!« schrie Jardin auf, als er Michels ansichtig wurde.
Deste und Ojo hatten Tränen in den Augen. Der Kapitän war in Sekundenschnelle auf den Beinen. »Ist es soweit?« fragte Deste. Michel nickte.
»Verlieren wir keine Zeit mit großen Reden. Wir müssen sehen, daß wir den Palast so schnell wie möglich hinter uns bringen.« Isolde trat ein.
»Beeilen wir uns«, drängte sie auf Spanisch. »Wir müssen uns verkleiden. Ich habe keine Uniformen. So bleiben uns nur die Tücher, die hier auf den Ottomanen herumliegen. Hängt sie euch um, Senores, und seht zu, daß ihr aus den Shawls dort drüben an der Wand ein paar turbanähnliche Gebilde zusammenbringt.«
Sie griff selbst mit zu. Mit geschickten Fingern umwand sie einen Kopf nach dem anderen mit Tüchern. Als die losen Diwandecken nicht mehr ausreichten, riß man in großer Eile die Stoffbezüge von den Polstern.
Wie Zirkusfiguren sahen sie jetzt aus. Isolde blieb bei ihrer Verkleidung.»Und wo kommen wir nun heraus?« fragte Michel. »Der große Hof ist voller Truppen, und draußen wimmelt es von Arabern. Wir können uns doch gar nicht in die Nähe des Ganges wagen, der Hof und Straße miteinander verbindet.«
»Wir müssen in die Verließe hinunter. Dort gibt es einen Weg, der allerdings bewacht sein wird. Vielleicht lassen sich die Wächter für einen Augenblick von meiner Uniform täuschen.« Man eilte den menschenleeren Gang entlang, stolperte in den ungewohnten Umhängen die Marmortreppen hinunter und gelangte schließlich an die westliche Seite des Riesenbaues. Noch eine Treppe und noch eine. Marmor und Pracht hörten auf; es wurde dunkler. Man hatte wieder eine Tür vor sich. »Hier muß es sein«, flüsterte Isolde.
Michel versetzte der Tür einen kräftigen Stoß. Sie flog auf. Auf der anderen Seite vernahm man eine kreischende Stimme:
»Mein Gott! Mein Gott! Mein Gott! Wer kommt durch diese Pforte und betritt das Gefängnis des erhabenen Herrschers von Al-Dschesair?« »Wir«, sagte Isolde kurz und trat vor.
Der Wächter verneigte sich tief vor dem Janitscharenofflzier. »Wohin willst du, Herr?« fragte er ehrfurchtsvoll.
»Wir müssen hier durch. Befehl vom Daj.«
Der Wächter nickte und ging voran. Er hatte nicht erkannt, daß eine verkleidete Weiße in der Uniform des Janitscharenoffiziers steckte, obwohl er durch die Bart-losigkeit des Gesichtes hätte stutzig werden müssen; doch zum Glück herrschte hier Dämmerlicht. Deste wandte sich an Isolde:
»Hier ist das Gefängnis des Daj, Senorita?« flüsterte er so leise, daß der Wächter die fremden Laute nicht vernahm. Sie nickte.
Da setzte Deste plötzlich zu einem gewaltigen Sprung an. Er riß den vorangehenden Gefängniswärter zu Boden.
Die anderen erstarrten vor Schreck über diese Unbesonnenheit.