El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Meine Generäle teilen unsere berittenen Heerhaufen in zwei Teile. General Murat-Khan geht mit dem größeren Haufen nach El Kisem, wo die Spanier ihre Schiffe haben, und greift die Soldaten unvermittelt an. Ich selbst aber ziehe mit dem anderen Haufen gen Abend und zerreibe die Spanier, die sich unserer Stadt bereits bis auf vier Tagesreisen genähert haben. Ich hoffe, ihr stimmt meinem Beschluß zu.«
Allgemeines Beifallsmurmeln erhob sich. Baba Ali merkte, daß niemand eine gegenteilige Meinung vertrat. Deshalb rückte er jetzt mit einer Erklärung heraus, bei der ihm nicht ganz wohl war.
»Ich sehe, daß ich eure Zustimmung gefunden habe. Ich kann nun auch sagen, daß Murat-Khan schon seit sieben Tagen unterwegs ist, um die Spanier anzugreifen. Ich gab diesen Befehl, weil ich euer Einverständnis voraussetzte.«
Die bärtigen Mitglieder des Staatsrates sahen einander schweigend an. In dem einen oder anderen glomm Mißtrauen auf. Der von ihnen gewählte Daj handelte ihnen zu eigenmächtig. Natürlich hatte man ihm eine gewisse Souveränität übertragen; aber die Staatsräte wachten streng darüber, daß ihre eigenen Rechte nicht dabei geschmälert wurden. Der Daj hatte die Macht über Leben und Tod der Untertanen, nicht aber über die Offiziere der Milizen, wenn diese nicht von einem ordentlichen Soldatengericht abgeurteilt waren. Der einfache Einwohner dieser eigenartigen Republik bedeutete den Janitscharen nichts. Mit ihm mochte der Daj machen, was er wollte. Er konnte ihm den Kopf abschlagen. Was lag daran?
Der republikanische Gedanke dieser Regierung endete bei den Janitscharen. Milizen und Daj mit dem Staatsrat bildeten eine Hierarchie, eine Art Politbüro. Das Volk — der kleine Mann auf der Straße, wie wir sagen würden — galt nichts und hatte nichts zu sagen. Ihm gegenüber war der Daj der absolute Alleinherrscher.
Der Staatsrat begann wieder zu murmeln. Dann nickten die dunkelhäutigen Männer. Die Eigenmächtigkeit des Daj war damit legalisiert.
»Der Prophet wird euch für euer Vertrauen mit allen Genüssen des siebten Himmels belohnen«, ergriff der Daj wiederum das Wort. »Wir werden große Beute machen, und ihr, meine Freunde, sollt nicht leer ausgehen. — Nun noch ein anderer Punkt. Es wird sich inzwischen herumgesprochen haben, daß mir fünf Sklaven gebracht wurden, die wohl wert sind, daß man sie beachtet. Der eine von ihnen ist ein wahrer Teufel in Menschengestalt — — aber er kann Waffen bauen. Während ich abwesend bin, werde ich Hussejn die Erlaubnis geben, über ihn zu wachen und dafür zu sorgen, daß er mit dem Gewehrbau beginnt. Ich verspreche mir viel davon;
denn dieses Gewehr--hört nicht auf zu schießen! Man braucht nur den Abzug zu drücken, und Kugel auf Kugel kommt aus seinem Lauf. Wir werden eine Armee damit ausrüsten — sofern ich eure Zustimmung erhalte«, fügte er vorsichtigerweise ein, »und damit die ganze Welt erobern. Wir werden den Sandschak-Scherif[5] wieder auf dem Krelat al-ham-rah[6] aufpflanzen. Wir werden Herrscher sein über alles Land zwischen Morgen und Abend.« Schweigen. Dann erhoben sich die Männer, die den Staatsrat bildeten. Ihre fanatischen Augen funkelten.
»La ilaha ila Allahu wa Mohammad rasul al-mahdi«, gurgelten sie begeistert. Das war so viel wie eine felsenfeste Bekräftigung.
Baba Ali atmete auf. Er hatte gewonnen. Die Schweißperlen auf seinem dicken Gesicht zeigten, daß auch ein Pascha vor Angst schwitzen kann. Die Sitzung war beendet.
Als des Muezzins Stimme vom Minaren verklungen war, sammelten sich die Heerhaufen der Milizen mit ihren Pferden im großen Hof des Palastes und auf der Straße vor dem Portal. Wilde Janitscharenmusik schlug schmerzhaft gegen das Trommelfell.
Man muß sich, wenn man unsere Achttonfolge gewöhnt ist, vergegenwärtigen, daß in diesen Janitscharen-kapellen nur wenige Instrumente die Melodieführung innehatten, daß die vielen Begleitinstrumente jedoch alle nur auf ein und denselben Ton gestimmt waren. Sie dienten lediglich zu lärmvoller Unterstreichung des Rhythmus. Für europäische Ohren war das fast unerträglich. —
Der Daj trat auf einen Balkon und grüßte seine Reiterscharen. Seine Augen glühten fanatisch. Wenn er auch ein beleibter und behäbiger Herr war, so konnte man ihm doch keine Feigheit nachsagen.
»Allah wird uns führen, ihr Tapferen, ihr Mutigen, ihr Bannerträger des Propheten! Nun gehet hin und ruht euch aus. Morgen nach Sonnenaufgang reiten wir!« Wieder dröhnte die ohrenbetäubende Musik durch den Hof. Dann verliefen sich die Menschenmassen, und es wurde still in Algier. Die Stadt schlief. Die Krieger fieberten dem Morgenrot entgegen . . .
Michel fühlte sich durch den so unharmonischen Lärm der ungewohnten Musik seltsam aufgeregt. So sehr er sich auch bemühte, fand er doch keinen Schlaf. Bald hierhin, bald dorthin schweiften seine Augen. Bei dem kleinsten Geräusch fuhr er zusammen und griff unter das Ruhebett, wo der Säbel lag. Aber es ereignete sich nichts.
Stunde um Stunde verrann. Tausenderlei Gedanken und Erinnerungen schwirrten ihm durch den Kopf. Charlotte Eck trat mehr als einmal vor sein inneres Gesicht. Aber darüber schob sich ein anderes Antlitz: Marina, die sich nun Gräfin de Andalusia nannte. Im Halbschlaf wechselten diese beiden Erscheinungen stets miteinander ab. Michel fuhr unvermittelt auf.
Es war nichts. Ein Janitscharenoffizier kürzte sich den Weg ab und schritt durch das Gemach auf den Innenhof.
Michel war empört. Achtete man ihn bereits so gering, daß man sich erlaubte, einfach seine Ruhe zu stören? Er würde sich morgen mit Nachdruck beim Daj beschweren. Morgen! Wie würde das Leben morgen aussehen?
Der Offizier schritt dicht an seinem Lager vorbei. Direkt neben Michel ließ er wie unbeabsichtigt etwas fallen, etwas Weißes.
Michel reagierte anfangs nicht darauf. Aber als der Mann außer Sicht war, stand er auf und hob jenes Etwas auf. Ein Papierknäuel. Eine Nachricht etwa?
Er faltete das Blatt auseinander. Im Schein der trüben Öllampe erkannte er flüchtig hingeworfene Schriftzeichen. Und siehe da, es waren nicht etwa kufische, arabische Buchstaben, nein, lateinische!
»Wenn morgen früh der gleiche Lärm einsetzt, den Ihr heute Abend hörtet, so haltet Euch bereit, Sir. Vielleicht naht dann die Stunde der Freiheit. Die Wachen werden sich durch das Schauspiel des Aufbruchs der Truppen ablenken lassen. Ich bete, daß alles gelingt. Isolde Hawbury.«
Michels Herz schlug schmerzhaft schnell. War es möglich? War die Freiheit wirklich so nah? Er zerknüllte den Zettel in der Faust. War es nicht seine Pflicht, ihn zu vernichten? Stück um Stück verschlang er das Papier. Die Nachricht ließ ihn nun erst recht keine Ruhe finden.
Jardin, Porquez, Deste und Ojo erging es nicht besser.
Hatte ihnen die weiße Sklavin nicht gesagt, daß sie sich für diese Nacht bereithalten sollten? Warum geschah nichts?
5
Die grüne Fahne des Propheten
6
Albambra