El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
Virgen sprang erschrocken auf.
»Schweigt!« flüsterte er eindringlich. »Ich will solche Worte nicht hören!« »Ach was!« schrie Escamillo, den der Teufel ritt. »Ich werde doch wohl noch meine Meinung sagen dürfen! Meint Ihr, ich habe Lust, mich von einer Frau herumkommandieren zu lassen? Ich werde sie bei nächster Gelegenheit anzeigen. Das Ehrengericht wird sie verurteilen, und Capitan Porquez wird sein Schiff wiederbekommen.«
»Unsinn«, sagte Virgen, »wer weiß, wo der sich jetzt aufhält. Vielleicht hat er schon Anzeige in Spanien erstattet. Bedenkt immer, daß wir, solange er hier war, nicht zu den gewöhnlichen Piraten zählten, sondern einen Königlichen Kaperbrief hatten.«
»Eben darum! Ich lasse mich nicht von einer Hexe, auch wenn sie noch so hübsch ist, zum Seeräuber machen, nur damit sie Kleider aus Paris tragen kann. Aber mit der Mannschaft kann ich nicht reden. Mich kann niemand leiden. Ich dachte darum, daß Ihr der Richtige dafür wärt.« »Heilige Maria, Ihr müßt schon gehörig betrunken sein, daß Ihr solches Ansinnen an mich stellt! Nein, Don Escamillo, das schlagt Euch aus dem Kopf! Ich eigne mich nicht zum Aufrührer.« »Alle Teufel! Ihr seid doch ein Mann, Virgen! Ohne Euch ist das Schiff doch praktisch verloren; denn wer könnte es steuern außer Euch?!« »Dona Marina«, sagte der Steuermann einfach.
»Waaaaas?« lachte der Trunkene dröhnend auf. »Wo soll sie das gelernt haben?« »Bei mir.«
»Bei — — Euch? — Wann denn?«
»Während der Wochen, in denen Ihr im Bett lagt. Sie hat eine sehr rasche Auffassungsgabe. Sie ist bereits fast ein perfekter Capitan.« Escamillo sah brütend vor sich auf den Boden.
»Ihr habt diese Hexe in die »Religion des Seemanns« eingeweiht? Pfui Teufel! Ich betrachte Euch als Verräter, Senor Virgen. Ihr seid ein feiger Hund!«
Virgen zuckte nur die Achseln und erwiderte nichts. Er war beileibe kein Held. Derartige Eigenschaften verlangte nicht einmal Marina von ihm. Sein Können lag auf navigatorischem Gebiet. Und hier leistete er Erstaunliches.
Escamillo stand unvermittelt auf und wankte grußlos aus der Kabine.
»Interessant, interessant«, lächelte Marina und spielte mit einem venezianischen Dolch, »anzeigen will er mich also. Und Virgen sollte die Mannschaft aufhetzen, sagst du, Guillermo?« »Si, Dona Marina«, nickte der Zweite Offizier, der der Gräfin in ihrer Kabine gegenüber saß. »Und hat sich Virgen geweigert?«
»Si, si. Er hat sich sogar einen Feigling schimpfen lassen, ohne blank zu ziehen.«
»Ein Glück für uns, daß der gute Steuermann nicht so tapfer ist wie dein Kollege, Guillermo«,
meinte Marina belustigt. Dann wurde sie plötzlich ernst. »Virgen wird uns nichts tun. Er wird nichts gegen mich unternehmen. Escamillo hatte recht, als er ihn einen Feigling nannte. Vergiß auch nicht, daß wir ihn brauchen. Ich habe schließlich Wichtigeres zu tun, als mich den ganzen Tag um die Errechnung des Kurses zu kümmern.«
Guillermo kniff die Augen zusammen und blinzelte seine Herrin listig an.
»Stellt Euch vor, eine Bramstange fiele ihm zufällig auf den Kopf. Meint Ihr wohl, daß sein Schädel das aushalten würde?«
»Einen dicken Kopf hat er auf alle Fälle«, meinte Marina gut gelaunt. »Doch nicht dick genug, um solche Gewichte auszuhalten, nicht wahr?« Marina nickte bedächtig.
»Man könnte fast vor dir Angst bekommen, Guillermo.« »Wer Euch nicht treu ist, soll Angst haben, Senorita Capitan.«
»Also gut, Wir wollen das im Auge behalten. Laß dir vorläufig nichts anmerken. Ich gebe dir einen Wink, wenn es so weit ist.« »Wann ist das?«
»Wenn ich es für richtig halte. Frage nicht. Du mußt dir überhaupt das Fragen abgewöhnen, wenn ich dir vertrauen soll.«
Guillermo senkte den Kopf und sackte wie ein geschlagener Hund in sich zusammen. Marina hielt es für gut, ihm eine Sekunde lang ihre Hand auf den Arm zu legen. Die Berührung sprang auf ihn über wie ein elektrischer Funke. Er hätte die ganze Mannschaft umgebracht, wenn sie es verlangt hätte.
Marina verstand es, virtuos auf ihren Instrumenten zu spielen.
Die Nacht verstrich, wie die meisten Nächte bisher verstrichen waren, ruhig und trotz der frühen Jahreszeit verhältnismäßig warm. Als der Morgen graute, befand sich die »Trueno« auf einer Position von etwa 38 Grad nördlicher Breite und 51 Grad westlicher Länge. Sie segelte also am Rand einer ständigen Westströmung.
Die Korsaren lagen noch in ihren Kojen und schnarchten, als plötzlich der Ruf »Schiff in Sicht« ihrem behaglichen Schlummer ein plötzliches Ende bereitete.
Hastig schnallten sie die Entersäbel um und stürmten an Deck. Vielleicht gab es neue Beute. Von der Reling aus versuchten sie vergebens, mit bloßen Augen den morgendlichen Dunst zu durchdringen.
Da kam abermals der Ruf vom Ausguck:
»Schiff hat britische Handelsflagge gesetzt. Kann keine Kanonen oder Schießscharten an Bord erkennen. Wahrscheinlich Kauffahrteifahrer.«
Es durchlief die beutelüsternen Piraten wie ein elektrischer Strom. Wo blieb die Kapitänin so lange? Warum kam kein Zeichen zum Angriff?
Marina hatte eine schwere Nacht gehabt. Düstere Traumgesichter hatten Blei in ihre Glieder gegossen.
Von dem Lärm, der sich inzwischen erhoben hatte, erwachte auch sie. Rasch kleidete sie sich an. Diesmal trug sie kein Kleid, sondern Piratenhemd, Hose und Stiefel. Mit ihrer zarten Hand umfaßte sie fest den Knauf eines zierlichen Degens. Wenige Minuten später stand sie auf der Kommandobrücke. Guillermo war schon da. Aber Don Escamillo fehlte noch. Da tauchte auch das Schiff, für alle sichtbar aus dem Nebel auf.
Als Marina zum Glas griff, erkannte sie, daß drüben an Bord friedliches Treiben herrschte. Man dachte offenbar an nichts Böses.
»Setzt unsere Flagge!« rief sie durch das Sprechrohr.
Die Samtflagge mit den zwei Händen stieg am Hauptmast empor.
Noch immer suchten Marinas Blicke das fremde Schiff ab. Dort setzte plötzlich ein emsiges Treiben ein. Mehrere Damen, die sich an Bord befanden, flüchteten mit ängstlichen Gesten unter Deck. Das Aussehen des Frachters veränderte sich schlagartig. Planen wurden von irgendwelchen Gegenständen entfernt, die sich als Kanonen entpuppten, allerdings recht untauglichen Geschützen; denn sie waren nicht einmal fest aufmontiert. Es schien sich um gewöhnliche Feldschlangen zu handeln, die man wahrscheinlich nur zum Einsatz im Notfall vorgesehen hatte.
Die Besatzung stand, sofern sie nicht anders benötigt wurde, an der Reling und hielt Gewehre im Anschlag. Man hatte sich also vermutlich zu einer ernsthaften Verteidigung entschlossen. »Geschütze klar!« befahl Marina. »Ruder sechs Strich Steuerbord!« Die »Trueno« machte eine elegante Wendung und fuhr nun mit dem Bug direkt auf den Kauffahrer zu, der ihm die ganze Breitseite darbot.