El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Es muß schon nach Mitternacht sein«, brach Porquez das Schweigen; er war am ungeduldigsten.
Deste verschränkte die Arme unter dem Kopf. Er wollte nicht mutlos werden. Irgendwie fühlte er, daß sich etwas ereignen würde.
»Wenn es nicht in dieser Nacht ist, so wird es in der nächsten sein, Senor Capitan«, versuchte er den Alten zu beruhigen.
»Ich überlege schon die ganze Zeit, wie diese Flucht überhaupt vonstatten gehen soll. Wohin fliehen wir denn? In die Wüste Sahara vielleicht? Ja, wenn wir ein Schiff hätten!« »Vielleicht liegt die »Medina« noch im Hafen?« wagte Ojo zaghaft einzuwenden. Niemand antwortete ihm.
Im Innern hatte sicher ein jeder diesen Gedanken schon erwogen. Aber es war Irrsinn, irgend welche Hoffnungen an diesen Segler zu knüpfen; denn man mußte mit der Mannschaft rechnen. Vielleicht hatte sich schon ein neuer Kapitän dort eingenistet? Es wurde spät und später. Kein Zeichen kam, daß es soweit war. Der Morgen graute.
Der Sprechgesang des Muezzins erklang vom Minareh. Seine eintönige Weise durchdrang die Mauern des Palastes. Die Wachen — hüben und drüben je eine, wie Michel feststellte — knieten mit dem Gesicht gen Mekka und beteten.
Michel blieb liegen und täuschte Müdigkeit vor, obwohl er hellwach war. Seine Nerven fieberten. Langsam bemächtigte sich seiner eine fast unerträgliche Spannung. Die Stunde der Entscheidung nahte. Das Gebet war vorüber. Und fast im selben Augenblick erhob sich draußen ein Lärm, als seien tausend Teufel losgelassen.Das Heer des Daj versammelte sich zum Aufbruch.
Man muß wissen, daß solch ein Aufbruch die Betriebsamkeit eines Volksfestes hatte. Kampf war das eigentliche Handwerk des Mohammedaners. Hier war er in seinem Element. Abschieds Stimmung gab es nicht; denn der Tod auf dem Schlachtfeld war ja nach der Verkündung des Propheten etwas Süßes. Niemand konnte den siebten Himmel so schnell erreichen wie der Krieger, der im Kampf gegen einen ungläubigen Gegner gefallen war. Hinzu kam, daß hier das weibliche Element keinen Teil hatte. Die Frauen zeigten sich nicht in der Öffentlichkeit. Sie netzten nicht mit Tränen des Trennungsschmerzes die Schwerter der Kämpfer für den Propheten. Sie blieben unbeachtet hinter den verschlossenen Türen ihres Harems und waren vergessen, sobald ihr Herr und Gebieter sich zum Kriege rüstete.
Wieder hämmerte wilde Janitscharenmusik an Michels Ohren. Die Stimmen der einzelnen Befehlshaber brüllten durcheinander, man schrie Befehle hinaus, um Ordnung in die regellosen Haufen zu bringen.
Dann trat plötzlich eine unheimliche Ruhe ein. Das mußte der Augenblick sein, in dem der Daj mit seiner Leibgarde erschien.
Die Posten, die Michel bewachten, wurden unruhig. Sie schienen es hier im Palast nicht mehr aushalten zu können. Jetzt setzte die wilde Musik wieder ein. Der aufpeitschende Rhythmus fuhr ihnen in die Beine, jagte Schauer über ihre Rücken.
Die Wachen blickten dorthin, wo der Mann lag, den sie bewachen mußten. Er schlief, schlief fest. Und auch wenn er wach war, würde er es nicht wagen zu fliehen. Wohin sollte er auch flüchten? Die Stadt war ständig von mehreren Postenketten umgeben, die beim Nahen von Juden und Christen bestimmt aufmerksam würden.
Michel stellte fest, daß der Wachthabende aus dem Säulengang verschwunden war. Er erhob sich und ging zum Innenhof. Niemand, der ihn aufhielt.
»He!« rief ihn plötzlich eine Stimme an, die von der anderen Seite kam.
Er fuhr herum.
Dort hinten im Säulengang stand ein Janitscharenoffizier, der ein paar arabische Wörter schrie und heftig gestikulierte.
Michel nahm sich zusammen, verbarg seine Enttäuschung und ging langsam zu ihm hin. Als er in Höhe seines eigenen Diwans war, sagte der Offizier plötzlich auf Englisch: »Vergeßt Euern Säbel nicht, Sir, ich habe noch keine weitere Waffe besorgen können. Kommt jetzt. Die Luft ist rein.«
Michel unterdrückte einen Ausruf der Überraschung. »Isolde Hawbury?« fragte er. »Yes, ich bin es. Kommt.«
Die gertenschlanke, kleine Figur des verkleideten Mädchens wandte sich der ersten Tür zu und öffnete sie.
»Dieser Weg ist frei!«
Sie nahm Michel den Säbel ab und schritt mit der Waffe in der Hand hinter ihm. Jeder zufällig Vorüberkommende hätte die beiden für Gefangenen und Wächter gehalten. »Wo sind meine Kameraden?« flüsterte Michel zurück.
»Auf der ändern Seite des Palastes. Wir müssen durch die Privatgemächer des Daj hindurch. Der einzige, den wir im Augenblick zu fürchten haben, ist Hussejn, der Leibdiener und Kanzler des Pascha.«
»Habt Ihr einen Plan?« fragte Michel. »Oder gehen wir ins Blaue hinein?«
»Ich habe einen, weiß natürlich jetzt noch nicht, ob er gelingen wird. Hoffen wir das Beste.
Bitte, schweigen wir jetzt.«
Sie gingen langsam weiter. Nirgends zeigte sich eine Menschenseele. Das Innere des Palastes lag wie ausgestorben. Man konnte seine eigenen Schritte kaum hören; denn der Lärm des Auszugs hatte sich mittlerweile zu einem orkanartigen Brausen entwickelt.
»Miß Hawbury!« ergriff Michel nochmals das Wort. »Was wird, wenn die Sache mißlingt und man uns wieder fängt?«Die Antwort kam nicht sofort. Sie schien zu überlegen. Dann meinte sie: »Spielen wir mit offenen Karten. Ihr habt starke Nerven. Ich brauche Euch also nichts vorzumachen. Werden wir erwischt, so kommt Ihr ohne Zweifel in den Gefangenenturm. Daraus gibt es kaum ein Entrinnen. Steinbrucharbeit am Rand der Wüste kommt danach. Mir wird der Daj eigenhändig einen Genickschlag mit seinem Krummsäbel versetzen, das ist die übliche Strafe für entlaufene Sklaven. Unter hundert gibt es einen, der einen solchen Schlag überlebt. Er behält dann ein steifes Genick und wird freigelassen. Das ist eine schöne Sitte, nicht wahr?« Michel verzog das Gesicht. Es überlief ihn kalt. »Eine sehr schöne Sitte«, erwiderte er. »Und dieser Gefahr wollt Ihr Euch aussetzen?«
»Pah. Ihr wißt nicht, was man als Sklavin hier alles erlebt. Wißt nicht, was es heißt, Tag für Tag für den hohen Herrn zu tanzen, bis man zusammenbricht, bis man, an allen Gliedern zitternd, schweißgebadet hinausgetragen wird! Bis jetzt ist meine Sklaverei mit Tanzen abgegangen. Aber was meint Ihr, wie es aussieht, wenn des Paschas weitere Begierden erst erwachen? Wenn ihm seine eingeborenen Frauen nicht mehr zusagen? Dann schon lieber tot oder ein steifes Genick.« »Ihr seid sehr tapfer.«
»Well, ich bin die Tochter des britischen Generals Lord Robert Hawbury.« »Ah«, sagte Michel, »daher.«
Sie hatten eine Flucht von acht Sälen durchquert und standen jetzt vor den Privatgemächern des Fürsten. Hier schien es angebracht, sich möglichst nur noch durch Zeichen zu verständigen.
Trotzdem fragte Michel flüsternd.