Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
»Du hast auch bei hellstem Sonnenschein noch nie mit offenen Augen in die Welt geblickt. Es ist also ganz gleich, ob ich dich jetzt ausschimpfe oder später.«
Abbas mischte sich ins Gespräch. Er hatte allen Respekt vor seinem früheren Herrn verloren; denn Mustapha beanspruchte auch hier im finsteren Kerker, wo sie alle mit den gleichen Ketten angeschmiedet waren, noch immer, daß man ihn mit Bej ansprach.
»Schweig, Mustapha«, knurrte er wütend. »Durch dein Geschimpfe kommen wir weder frei, noch geht es uns besser. Ich schätze, es ist hoch an der Zeit, einmal etwas dafür zu tun, daß wir die »Mapeika« wieder in unsere Hände bekommen! Vierzehn Mann sind übriggeblieben. Mit Allahs Hilfe könnten wir also das Schiff führen.«
»Ja, ja, ja, du bist ein großer Schlaukopf! Du bist so klug, daß dich der Prophet hätte zu seinem Nachfolger madien müssen! Deine Ideen sind wunderbar! Nur willst du mir vielleicht sagen, wie wir die Ketten von unseren Hand- und Fußgelenken kriegen sollen?«
Mustapha erstarrte plötzlich. Er fühlte, wie ein Arm über seinen Nacken rieb. Er fühlte den Ellbogen dieses Armes, den Unterarm, den Handrücken und dann die Finger. Da waren keine Ketten.
»Bei Allah«, rief er, »wer war das?«
»Ich«, sagte Abbas. »Ich bin frei. Wochenlang habe ich mich bemüht, die Hände aus den Ringen herauszuzwängen, während ihr anderen euch strittet. Ich habe den ganzen Kielraum abgesucht, Stück für Stück. Fühle, was ich hier in der Hand halte!« Mustapha griff zu. Seine Finger berührten die Schärfe einer groben Feile. »Schejtan, Schejtan; du bist ein Held! Bei Allah, du bist das größte Genie, das ich je gesehen habe. Aber was nützt uns die Freiheit im Kielraum? Wie sollen wir an Deck kommen?« »Wir werden hier herauskommen, wenn sich zwei Mann übereinander stellen, so daß wir die Luke erreichen können.«
»Ja, schön, und was meinst du, werden die verfluchten Piratenschiffe der Spanier tun, wenn sie auch nur das geringste bemerken? Ein Schrei genügt. Und sie werden uns mit ihren Kanonen wieder dorthin zurückjagen, wo wir hergekommen sind.«
»Wir müssen eben nachts mit allem fertig werden. Bevor die Sonne aufgeht, müssen wir verschwunden sein.«
Alles schwieg. Das Schiff stampfte weiter. Niemand saß oder stand auch nur für eine einzige Sekunde still. Sie wurden von jedem neuen Stoß durcheinandergerüttelt. Muras Rejs hatte seine Beule vergessen.
»Gib mir die Feile«, wandte er sich an Abbas, »ich will sogleich mit der Arbeit beginnen.« Mustaphas Stimme dröhnte:
»Zuerst komme ich. Habt ihr verstanden, ihr Abkömmlinge von Wanzen und Läusen?« Abbas meinte:
»Ich werde dich befreien. Du befreist dann den nächsten und so weiter. Wenn wir uns anstrengen, können wir es in drei Tagen geschafft haben.« —
Der Sturm ebbte gegen Morgen ab. Er hatte keinen Schaden angerichtet. Kaum ein Brecher war über Deck gegangen.
Porquez und Don Hidalgo gingen in ihre Kajüten. Die Männer der Freiwache übernahmen ihre Posten, und die anderen legten sich in ihre Kojen. —
Drei Tage später war man auf der Höhe der Kleinen Andamanen. Wieder machte Don Hidalgo den Kapitän auf die günstige Gelegenheit aufmerksam, hier die Gefangenen loszuwerden. Aber auch diesmal lehnte Porquez ab.
Wieder kam die Nacht. Da nichts Ungewöhnliches zu erwarten war, schliefen die meisten. Manch einer träumte schwer. Im Traum spürte er förmlich, wie ihm ein Messer nach der Kehle fuhr, und wollte schreien. Der Schrei wurde zu einem gurgelnden Laut. Das war kein Traum, sondern Wirklichkeit. Siebzehn Mann hatten in ihren Kojen lautlos den Tod gefunden.
»Die schwerste Arbeit steht noch bevor«, flüsterte Abbas den anderen zu. »Wollen sehen, ob Kapitän und Steuermann in ihren Kabinen schlafen.« Porquez und Don Hidalgo aber waren noch an Deck.
»Sieht aus, als ob schon wieder ein Sturm aufzieht«, sagte Porquez. »Ist eine verdammte Wetterecke hier.«
»Wird auch diesmal nicht schlimm werden, Capitan. Das Schlimme ist nur, daß man die Hand kaum noch vor Augen sieht. Aber ich halte Kurs auch ohne Sterne. — Wa - wa — wa — Hilfe
--«, schrie Don Hidalgo plötzlich; denn wie Eisenklammern legten sich zwei Hände um seinen Hals. Ein Rauschen war in seinen Ohren; dann verlor er die Besinnung.
Bei Porquez genügte ein kurzer, harter Schlag. Stöhnend brach der alte Mann zusammen.
Messer blitzten.
»Halt«, schrie Mustapha, »bringt sie nicht alle um! Dazu haben wir später noch Zeit. Sie sollen auch einmal spüren, wie es im Kielraum ist.«
»Wozu sich mit den Kerlen noch belasten?« warf Abbas unwillig ein.
»Schweig, auf meinem Schiff bin ich der Herr. Wie viele leben noch?« fragte er einen der Umstehenden.
»Mit diesen beiden hier acht.«
»Das ist gut. Vergeßt nicht, daß wir nur vierzehn Mann sind. Wir werden die Hunde zwingen, an Bord zu arbeiten; aber die beiden Alten kommen in den Kielraum.«
Er beugte sich zu Porquez nieder, packte ihn beim Kragen, zog ihn zu sich hoch und ohrfeigte den Bewußtlosen. Dabei glänzte sein fettes Gesicht vor Zufriedenheit.»Laß deine Rachegelüste an den Kerlen später aus«, sagte Abbas. »Im Augenblick ist es stockdunkel, die beste
Gelegenheit, uns ungesehen davonzumachen. Ich gehe jetzt nach hinten und lösche die Positionslampe.«
»Welchen Kurs sollen wir nehmen?« fragte Muras Rejs, der schon am Steuerrad stand. »Das weiß ich nicht. Ich verstehe nichts vom Segeln. Fahr, wohin du willst, nur weg von den anderen.«
»Gut, dann weiche ich um 90° nach Steuerbord aus. Hauptsache, wir kommen aus dem bisherigen Kurs. Wenn die Sterne aufgehen oder die Sonne kommt, kann ich mich orientieren. Ich habe keine Ahnung, in welcher Richtung wir uns zur Zeit bewegen.« »Mach, was du willst, nur fort, fort«, sagte Mustapha voller Sorge.
Die türkischen Piraten gingen schweigend und mit Feuereifer ihrer Arbeit nach. Alle erfüllte der Drang, bis zum Anbrechen des Tages einen möglichst großen Abstand zwischen sich und die anderen zu bringen.
Muras Rejs fand an der Stelle, wo man den alten Hidalgo gewürgt hatte, ein Fernrohr. Er setzte es ans Auge und suchte die Finsternis zu durchdringen. Wie aus weiter Ferne sah er zwei kleine Lichtpunkte, die von den Bordlaternen der »Lundi« und der »Dimanche« herrührten. So sehr er sich auch anstrengte, das Licht eines dritten Schiffes konnte er nicht entdecken. »Ich vermisse ein Schiff der Flottille«, sagte er zu Mustapha. »Hinter uns waren zwei. Vor uns ist keins.«
Mustapha zuckte nur die Achseln. Was ging es ihn an, wo die anderen waren. Hauptsache, Muras gewann das Weite.