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Der Erbe des Radscha

Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:

Indien heißt das neue Ziel der Abenteurer. Hier treten sie in die Dienste der berüchtigten Ostindien-Kompanie und geraten mitten in die politischen Wirren des hart heimgesuchten Landes. Tscham, ein junger Eingeborener, will den unterdrückten Bauern helfen: sein Mordpfeil gilt dem reichen Radscha von Bihar. Doch dann erfährt er am eigenen Leibe, wer die eigentlichen Unterdrücker im Lande sind und daß es gegen sie kein Aufkommen gibt. Zusammen mit seinem Freund, dem Pfeifer, flieht er aus dem brennenden Palast, mit dem die Freiheit Bihars in Schutt und Asche versinkt.
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»Nimm das nicht wörtlich. Und denke nicht an heute und morgen. Aber wenn der Geist nicht doch noch die Oberhand gewinnt, dann vielleicht in zweihundert, dreihundert oder vierhundert Jahren. Hundert Jahre sind ein Nichts im Leben eines Volkes.«

»Aber wie ist es mit Indien? Wir haben tausend, zweitausend Jahre lang eine Fülle von Geist gehabt. Und wo stehen wir heute?«

»Frag lieber, wo ihr morgen stehen werdet, wenn ihr euch den Geist erhaltet. Glaubte nicht Sadharan, ein großer Weiser, an die Freiheit Indiens durch die Gewaltlosigkeit?« »Ja, du hast recht. Aber was soll jetzt mit mir werden?«

»Du bleibst bei mir, solange es dir gefällt. Ojo und ich werden dich beschützen. Wir sind deine Freunde.«

»Und wenn ihr das Land verlaßt?« »Wir verlassen es nicht ohne dich, Tscham. Vorausgesetzt, daß du bei uns bleiben willst. — Reiten wir weiter.«

Tscham sah grübelnd auf den Hals seines Pferdes.Noch oftmals wandte er den Kopf zurück, bis der Widerschein des brennenden Palastes nicht mehr zu sehen war.

Die drei ritten nebeneinander. Michel und Ojo hatten den jungen Radscha in ihre Mitte genommen.

Nach einer Weile fragte Tscham: »Was ist unser Ziel?« »Zunächst Kalkutta«, antwortete Michel. »Werden sie mich dort nicht verhaften?«

»Es kennt dich dort niemand. Du bist ganz einfach irgendein Junge, der uns den Weg gezeigt hat, wenn man dich fragt. Keiner wird sich Gedanken darüber machen, daß du der Radscha von Binar sein könntest.«

Tscham nickte still. Er war mit allem einverstanden. Er malte sich im Augenblick noch keine Zukunftsbilder; denn er war damit beschäftigt, den immer wieder aufkeimenden Drang nach Vergeltung zu unterdrücken. Alle Vernunftsgründe Sadharans, soweit er sich ihrer noch erinnern konnte, bot er auf, um den Lockungen der Rachegöttin zu widerstehen.

Als der erste Schein der Morgenröte heraufkam, erreichten sie einen kleinen Ort.

»Hier sind wir schon außerhalb von Bihar«, sagte Tscham. »Dieses Dorf gehört nicht mehr zu meinem Fürstentum.«

»Ich denke, wir machen im nahen Wald eine Rast«, sagte Michel.

Und so geschah es. Sie durchritten den Ort und suchten sich dann abseits des Weges ein schattiges Plätzchen, auf dem sie den versäumten Schlaf nachholten. —

Gegen Mittag, als sie von den mitgeführten Vorräten gezehrt und die Pferde in einem nahen Bach getränkt hatten, setzten sie ihre Reise fort.

»Wir werden scharf nach Süden reiten«, meinte Michel.

»Wenn wir zu nah an die große Straße kommen, steigt die Gefahr des Entdecktwerdens.« »Wirst du in dieser weg- und steglosen Gegend auch nicht die Richtung verfehlen?« fragte Tscham besorgt.

»Nein. Am Tag können wir uns nach der Sonne und nachts nach den Sternen richten. Wir kommen schon zum Ziel.« -

Bald war Steppe unter den Hufen der Pferde. Sie trafen kaum noch auf Reisplantagen. Es hatte den Anschein, als verirre sich nur selten ein Mensch in diese Gegend. Sie ließen die Pferde weit ausgreifen; aber sie jagten sie nicht.

»Wie lange wird es dauern, bis wir nach Kalkutta kommen, Senor Doktor?« fragte Ojo und gähnte.

»Oh, wenn wir uns nicht zu sehr beeilen, höchstens vierzehn Tage«, lächelte Michel. »Vierzehn Tage?« Ojo blickte ihn entsetzt an. »Vierzehn Tage bei Quellwasser und Reis? Heilige Mutter Gottes, wer soll das aushalten?«

»Du und ich und Tscham. Haben wir nicht schon viel größere Strapazen gemeinsam bestanden, amigo?«

»Si, si«, erwiderte Ojo. »Wo werden wohl jetzt unsere companeros sein?« »Irgendwo im Indischen Ozean wahrscheinlich.« »Dort ist es sicher nicht so eintönig wie hier.«

»Vielleicht sind sie auch schon wieder in Kalkutta«, sagte Michel und überschlug die Zeit seit ihrer Trennung.

»Und wenn wir ankommen, dann sind sie wieder weg, und wir müssen uns vielleicht noch eine

Ewigkeit in diesem alten Indien herumtreiben.«

»Wann wirst du nur einmal mit dem zufrieden sein, was ist!«

Ojo seufzte und schwieg für den Rest des Tages.An diesem Abend rasteten sie wieder in einem Waldstreifen. Jetzt, da die Gefahr hinter ihnen lag, wollten sie lieber bei Tag reiten und nachts ruhen.

Die Pferde suchten sich frische Grashalme. Durch die dichten Baumkronen konnte die Sonne

nicht so stark die Erde versengen und das Gras verdorren lassen wie draußen auf freiem Plan.

Die drei Reiter sattelten die Pferde ab, breiteten ihre Decken aus und legten sich nieder. Michel wollte, daß sie abwechselnd wachten. Aber die beiden anderen widersprachen.

»In diese Gegend kommt kein Mensch«, meinte Tscham, »und wenn sich ja einer hierher verirrt, dann ist er selber froh, wenn er unbehelligt ziehen darf.«

Bald lagen sie in traumlosem Schlaf.

Nach Mitternacht schrak der Pfeifer plötzlich hoch. In sein Unterbewußtsein waren Geräusche gedrungen. Sein durch viele Abenteuer geschärftes Ohr nahm auch im Schlaf jeden Laut wahr. Er richtete sich langsam auf und lauschte ins Dunkel. Es war still.

Dann plötzlich zerschnitt eine scharfe Stimme die Nacht.

»Rührt euch nicht, Fremde, wenn ihr nicht wollt, daß ihr von Speeren durchbohrt ins Reich Bhowanees geht.«

Die Worte waren auf englisch gesprochen. Ehe Michel zu einer Reaktion fähig war, ehe Ojo und Tscham den Schlaf abgeschüttelt hatten, fiel eine Meute vermummter Gestalten über sie her. Im Nu waren sie gefesselt. Und seidene Schlingen lagen um ihren Hals. Wieder sagte die Stimme:

»Das Ende der Schlingen ist mit euren Armen verbunden. Wenn ihr eine unerlaubte Bewegung macht, so erdrosselt ihr euch selbst. Verhaltet euch still, bis ich es euch anders befehle.« »Mann«, sagte Tscham auf Hindustani, »wie kannst du es wagen, den Radscha von Bihar und seine Begleiter zu — —«

»Schweig«, donnerte die Stimme, »ich will nichts hören. Wenn mich deine Zunge noch einmal ärgert, so ziehe ich die Schlinge zu. Seid still!«

Sie ergaben sich in ihr Schicksal. Sie mußten auf ihre Pferde steigen, und ihre Füße wurden mit Stricken, die unter den Bäuchen der Tiere entlangführten, zusammengebunden. Dann ritten sie hinaus auf die Steppe. Von einem Kordon schwarz vermummter Gestalten umgeben, jagten sie wieder nach Norden. Man hatte ihnen die Schlingen wieder vom Hals genommen; denn die Erschütterungen des scharfen Galopps hätten sie erwürgen können.

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