Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
»Aber nicht zu spät«, sagte der Pfeifer. »Nimm Abschied von dem weisen Mann und komm mit mir!«
Sadharan lächelte.
»Ich wußte, daß der Freund nicht weit ist«, flüsterte er mit ersterbender Stimme. »Hier, nimm dieses Pergament« — er zog einen Brustbeutel hervor — »und bewahre es gut. Vielleicht kann es dir einmal helfen, Bihar zurückzugewinnen. Aber versprich mir, daß es nicht durch Blut geschehen wird.«
»Weiser Mann«, rief Tscham schmerzlich, »weiser Mann!«
Sadharan war tot. Ein entrücktes Lächeln lag auf seinen Zügen.»Komm, Tscham«, sagte Michel. »Wenn du nicht willst, daß man dir in Kalkutta den Prozeß macht und dich hängt, dann komm!« Der junge Radscha erhob sich taumelnd. Er drückte das Vermächtnis des Brahmanen fest an sich und warf einen letzten Blick auf den teuren Toten. —
Es gelang Michel, mit dem Flüchtling ungesehen aus dem brennenden Palast zu entkommen. Draußen wartete bereits Ojo mit vier Pferden. Eins davon war ein Packpferd. Sie saßen auf und ritten in die Dunkelheit hinein. —
Hinter seiner Gartenhecke stand Lord Hawbury. Er sah, wie die Reiter unerkannt entkamen. Seine verkrampften Hände lockerten sich. Ein Lächeln war auf seinem Gesicht, als er das Haus betrat.
Oberst McLee, Steve und noch einige weitere Offiziere waren anwesend.
»Denkt Euch, im Palast ist alles tot. Viele der Leichen sind so verstümmelt, daß man sie nicht zu unterscheiden vermag. Gräßlich«, schüttelte sich McLee.
»Krieg ist immer gräßlich, Oberst«, sagte Lord Hawbury.
»Das finde ich nicht«, meinte Steve. »Wir haben's ihnen ordentlich gegeben, diesen dreckigen Hindus.« Er setzte sein Glas Whisky an und trank es aus.
Die anderen blickten zu Boden. Sie mochten nicht schimpfen. Irgendwie fühlten sie sich doch im Unrecht. Leutnant Draper meinte:
»Ich finde sie gar nicht so dreckig. Wenigstens sieht man auch an den Trümmern noch, daß der Palast ein Kunstwerk gewesen sein muß.«
»Ihr seid ein weichlicher Bursche, Draper«, knurrte Steve. »Sie sind dreckige Hunde. Sie müssen weg.«
Schweigen.
»Weshalb haßt du sie eigentlich so?« fragte der Lord seinen Sohn.
»Weshalb? — Nun — weil — ja, weshalb eigentlich? Verdammt, woher soll ich das wissen? Wahrscheinlich, weil sie eben Hindus sind!«
»Es gibt die unglaublichsten Gründe, aus denen Menschen einander hassen«, sagte der General sarkastisch. »Hoffentlich hassen sie später nicht einmal uns, nur, weil wir oder unsere Nachkommen Engländer sind.« Draper sah auf.
»Bitte, Sir, werft die Engländer nicht mit uns in einen Topf.« »Herr!« sagte Steve zornig. »Er hat recht«, nickte sein Vater.
50
»Trueno«, »Mapeika«, »Lundi« und »Dimanche« befanden sich auf der Rückfahrt nach Kalkutta. Zur Zeit war ihr Standort auf 99 ° östlicher Länge und 5 ° nördlicher Breite. Mit vollen Segeln liefen sie dem Ausgang der Malakkastraße zu, um den Indischen Ozean zu gewinnen. Ihre Fracht bestand aus indischem Pfeffer und vor allem dem begehrten Zinn, von dem die Halbinsel mehr als fünfzig Prozent des gesamten Bedarfs der Erde lieferte. Die »Trueno« fuhr wie immer an der Spitze.
Ihre Fahrt nach Singapur war bei gutem Wetter ohne jeden Zwischenfall verlaufen. Zu ruhig, wie Marina Abend für Abend bedauernd feststellte. Sie hätte für ihrLeben gern mit einem fremden Schiff angebunden, nur um einen kleinen lustigen Privatkrieg zu haben, in dem sie sich austoben konnte. Wohl fünfzigmal am Tag zog sie ihren Degen aus der Scheide, hieb sausend ein paarmal durch die Luft und steckte ihn mißmutig wieder weg.
Kapitän Porquez, der sich damit abgefunden hatte, die »Mapeika« zu führen, hatte auf der Mole des Hafens von Singapur seine liebe Not mit der andalusischen Gräfin. Sie achtete nicht auf die Menge der Pfeffersäcke, interessierte sich nicht dafür, ob auch die volle Anzahl der Zinnbarren ordnungsgemäß verfrachtet wurde, saß meistens in einer malaiischen Hafenkneipe, starrte trübsinnig vor sich hin und trank — trank — trank.
Gegen Abend gelangte sie dann unsicheren Schrittes an Bord und war kurz darauf in ihrer Kabine verschwunden.
Die alte Mannschaft der »Trueno« wunderte sich keineswegs darüber. Jeder wußte, daß die Ursache für ihr Verhalten in der Trennung vom Pfeifer lag. Man achtete ihre Gefühle. Senor Virgen hatte unmerklich die eigentliche Führung des Schiffes übernommen. Wenn irgendwelche Manöver technischer Art auszuführen waren, so erteilte er die Befehle. Er verständigte sich auch ohne Rücksprache mit Marina mit den Kapitänen der anderen Schiffe über die Festsetzung des Kurses, die Schnelligkeit der Fahrt und die navigatorischen Einzelheiten.
Marina stand allein auf der Brücke. Sie starrte mit sehnsüchtigen und bennenden Augen weit übers Meer, als erwarte sie jeden Augenblick ein großes Ereignis, das für ihren Seelenzustand eine Änderung herbeiführen würde.
Aber es geschah nichts, gar nichts.
Der Indische Ozean war wie ein Spiegel, so glatt und bewegungslos. Es herrschte eine Flaute. Die Schiffe kamen nur langsam voran. Als sich nach Stunden endlich eine Brise erhob, meldete der Ausguck zwei Schiffe an Steuerbord. Marina, immer noch auf der Kommandobrücke verharrend, zuckte die Achseln. Was kümmerten sie zwei Schiffe? Was ging sie das schon an? Da kam die Stimme des Ausgucks wieder:
»Senorita Capitan, die beiden Schiffe verhalten sich verdächtig. In dem Augenblick, als sie uns gewahrten, strichen sie eilig die Flaggen. Was soll das bedeuten?«
In Marinas Kopf arbeiteten die Gedanken. Was hatte das zu bedeuten, wenn zwei Schiffe bei der Begegnung mit anderen ihre Flaggen einholten? Sonst zeigte man bei solchen Gelegenheiten erst recht seine Flagge.
Die Gleichgültigkeit fiel von Marina ab. Die Burschen da drüben hatten sicher guten Grund, unerkannt zu entkommen! Darauf gab es nur eine Antwort: Sie würde der Sache auf den Grund gehen. Endlich schien die Gelegenheit gekommen, eine Unterbrechung der eintönigen Reise herbeizuführen.
Sie griff zum Sprachrohr und rief:
»Nehmt Kurs Ost-Nordost bei Ost. Seht zu, daß wir die flaggenlosen Schiffe erreichen, Senor Virgen.«
Virgen rief zurück:
»Wollt Ihr, daß die ganze Flottille abdreht, Capitan?« »Ja.«
Senor Virgen gab Befehl an den Flaggast, Marinas Wunsch an die drei anderen Schiffe zu signalisieren. —
Porquez auf der »Mapeika« schüttelte den Kopf.