Der Erbe des Radscha
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #3
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Erbe des Radscha». Краткое содержание книги:
52
Jardin wurde beim Grauen des Tages unsanft aus dem Schlaf gerissen. Die Schiffsglocke läutete Alarm. In sein Erwachen tönte eine Stimme. Er vermochte die Worte »Alarm! Alarm!« zu unterscheiden. Mit einem Satz war er aus der Koje. Er nahm sich nicht die Zeit zum Anziehen, sondern warf nur einen Mantel um die Schultern und stürmte an Deck.
Dort sah er, daß sich der größte Teil der Mannschaft am Bug versammelt hatte. Sie starrten geradeaus und unterhielten sich über das Verschwinden der »Mapeika«.
Jardin trat zu ihnen. Er brauchte nicht zu fragen; denn er sah sofort, daß Porquez' Schiff nicht mehr sichtbar war.
Die Matrosen blickten ihn fragend an. »Steuermann, gebt mir ein Glas.«
»Hab mir selbst schon die Augen ausgestiert, Captain«, meinte dieser in Pidgin-Englisch. Dieses Pidgin-Englisch war ein Gemisch aus allen möglichen Sprachen. Es diente der internationalen Seefahrt zur Verständigung. Und da sich die Mannschaft der »Lundi« zum größten Teil aus Engländern zusammensetzte, konnte Jardin hier mit seinem Spanisch nicht viel anfangen.
Trotz der Worte des Steuermanns suchte er sorgfältig den Horizont ab. Aber er konnte kein Segel entdecken.
Die »Mapeika« und mit ihr die Besatzung war spurlos verschwunden.
Jardin setzte das Rohr ab und schüttelte den Kopf. Dann fragte er den Steuermann.
»Wer hat heute nacht Wache gehabt, Mr. Higgins?«
»Tom Crawler und John Blue waren abwechselnd im Mastkorb. Ich habe sie schon zur Rede gestellt; aber sie haben während der Nacht nichts bemerkt.«
»Diablo«, schimpfte Jardin, »was heißt hier, nichts bemerkt! Sie müssen doch die Hecklampe gesehen haben. Irgend etwas muß vorgefallen sein; ich glaube nicht daran, daß die »Mapeika« einfach untergeht, ohne daß man uns ein Zeichen zu geben versucht.«
»Vielleicht ist sie mit dem Gespensterschiff zusammengetroffen«, warf der Moses mit schreckweiten Augen ein.
Jardin lachte ihn aus und meinte:
»Du liest zu viel Spukgeschichten, muchacho, Gespensterschiffe gibt es nicht.« Mißbilligendes Murmeln erhob sich im Kreis. In den Augen von Seeleuten war ein Kapitän, der weder an den Fliegenden Holländer noch an den Klabautermann glaubte, kein richtiger Seemann. Spuk gehört zur Seefahrt wie ein Steuermannspatent zum Steuermann. »Geht an eure Arbeit, Leute«, befahl Jardin jetzt. »Vielleicht taucht die »Mapeika« in den nächsten Stunden wieder auf. Es ist wohl möglich, daß sie vom Kurs abgekommen ist. Wird alles nicht so schlimm sein. Porquez wird uns finden.«
Die Matrosen folgten zwar dem Befehl; aber man sah am Ausdruck ihrer Gesichter, daß sie an ein natürliches Verschwinden des Schiffes nicht glaubten. Der Erste Offizier trat heran und sagte:
»Offen gestanden, Captain, ich kann mir nicht denken, daß der alte Porquez bei verhältnismäßig ruhiger See völlig den Kurs verliert.«
»Ich auch nicht«, antwortete Jardin, »ich habe manches Meer mit ihm durchkreuzt, als er noch Kapitän der »Trueno« war. Senor Porquez wußte immer, wo das Schiff
stand oder auf welchen Kurs er zu gehen hatte, wenn wir tatsächlich einmal abgetrieben worden waren.«
»Ja, und — was, glaubt Ihr, ist nun wirklich passiert?« »Ich kann mir keinen Reim darauf machen, Mr. Corner.« »Vielleicht — Meuterei?«
»Weshalb sollten die Leute meutern. Sie bekamen anständige Heuer und waren außerdem am Gewinn beteiligt. Der Dienst war leicht, und das Schiff ist so solide gebaut, daß man sich auf seinen Planken wie in Abrahams Schoß fühlt.«
Sie unterhielten sich noch eine Weile und kamen dabei auf die ausgefallensten Vermutungen. Nur an die Gefangenen im Kielraum dachte niemand.
»Wir können nichts tun als abwarten«, sagte Jardin. »Wir wollen wenigstens die »Lundi« und die »Dimanche« sicher nach Diamond Harbour bringen. Schätze, daß die Kompanie nicht gerade begeistert sein wird über unsere erste Fahrt.«
»Meint Ihr nicht, daß die Gräfin wieder zu uns stoßen wird?«
»Quien sabe — wer weiß?« antwortete Jardin.
53
Als sich die drei Reiter ein paar Meilen von Bihar entfernt hatten, zügelte Tscham sein Pferd. »Was gibt es?« fragte der Pfeifer. »Wir sind noch lange nicht in Sicherheit. Wir müssen sehen, daß wir ein anständiges Stück Weg hinter uns bringen, damit du außer Gefahr bist.« »Aber ich will ja gar nicht die Gefahr fliehen. Ich will um mein Recht kämpfen. Wir werden die Thags aufsuchen und Bihar mit ihnen befreien.«
»Du siehst die Situation falsch«, antwortete Michel. »Auch die Thags werden nicht stark genug sein, um gegen die Kanonen der Kompanie zu kämpfen. Sieh zurück. Am Horizont kannst du noch den Feuerschein erkennen. So wie dort dein Palast brennt, wird ganz Bihar in Flammen aufgehen, wenn du die Thags zum Kriege hetzt.«
Tscham wurde nachdenklich. Die letzten Worte seines Lehrers und langjährigen Freundes Sadharan klangen noch in seinen Ohren. Hatte Sadharan nicht gesagt, daß Indien und damit auch Bihar nur auf friedlichem Wege zu befreien war? Hatte er ihn, Tscham, nicht ausdrücklich davor gewarnt, das Land mit Krieg zu überziehen? — Dennoch war der Rachedurst stärker als die Vernunft.
»Ich will Rache haben. Verstehst du das nicht?«
»O ja, ich verstehe nur zu gut. Alle Menschen wollen sich für das rächen, was man ihnen angetan hat. Aber der Rachedurst entspringt dem Instinkt. Er hat mit Geist oder Verstand nichts zu tun. Wut und Zorn sind Gefühle, deren Spitzen sich im Lauf der Zeit von selbst abschleifen. Man soll solchen Regungen nicht rasch nachgeben. Rache führt zu nichts. Rache erzeugt wieder Rache. So entsteht der ewige Kreislauf von Mord und Krieg. Und niemand sieht, daß diese beiden nur auf dem Misthaufen der menschlichen Dummheit und Unzulänglichkeit gedeihen können.«
Tschams Augen blitzten. »Das heißt, daß du mich für dumm hältst.«
»Nein. Nur für ein wenig zu jung, um schon ein festgefügtes Weltbild zu haben.«
»Haben deine Freunde aus der Kompanie ein solches?«
»Ja. Aber ein falsches. Und zudem sind sie nicht meine Freunde.«
»Sie sind doch aber nicht zu jung. Weshalb sind sie unzulänglich?«
»Weil sie engstirnig sind. Weil sie nichts sehen als den augenblicklichen Vorteil, als Geld und Reichtümer. Aber der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ein Volk, das nur nach Brot strebt, verkümmert geistig. Und wenn der Geist verkümmert, dann ist dies der Anfang vom Ende.« »Du meinst also, daß die Engländer dem Ende entgegengehen?«