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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Doña Leonor hörte verhaltenen Atems zu, wie die Mutter mit beiläufigen Worten Pläne vor ihr ausbreitete, die in solche Weite und in solche Zukunft griffen. Es war Leonor klar, daß die Mutter, als sie die normannischen Grafschaften abtrat, vor allem ihr eigenes Reich sichern wollte vor dem Zugriff des gefährlichen Philipp August für die Zeit, da ihr Lieblingssohn Richard auf seiner Kriegsfahrt war. Aber welche Gründe immer hinter diesem Ehevertrag standen, sie, Leonor – damit hatte die Mutter recht –, hatte den Vorteil davon: diese Heirat öffnete ihr einen lockenden Weg zur Macht.

Da hatte sie sich für eine große Regentin gehalten, ihrem Alfonso weit überlegen, weil sie hartnäckig daran arbeitete, Kastilien und Aragon zu vereinigen. Aber über die Pyrenäen hinaus waren ihre Träume nie gegangen. Wie karg und armselig waren ihre Strebungen, maß sie sie an dem staatsmännischen Spiel ihrer Mutter. Die setzte Länder ein vom Westen der Welt bis weit in den Osten, Irland und Schottland und Navarra und Sizilien und das Königreich Jerusalem. Ihr Spielbrett war die Welt.

»Ich habe mir deine Töchter angeschaut, meine Liebe«, sagte jetzt Ellinor. »Sie scheinen gut geraten, sowohl die ältere mit dem häßlichen Namen, heißt sie nicht Urraca?, als auch die jüngere. Ich habe mich noch nicht entschieden, welche wir wählen. Du wirst mir an einem der nächsten Tage beide vorstellen in großer Zeremonie. Wir müssen da wohl auch den Bischof von Beauvais zuziehen als Vertreter Philipp Augusts und seines Erben; aber das ist reine Formalität.«

Was die Mutter sagte, bewegte Leonor. Doch tiefer in ihr war die heiße Erwartung, was ihr die Mutter über Alfonso und die Jüdin sagen werde.

Und nun, endlich, sagte sie: »Ich hörte in meinem Turm von Salisbury allerlei über das, was du mit deinem Alfonso durchzumachen hattest. Es war nichts Genaues, und eins widersprach dem andern, aber ich konnte es mir zusammenreimen; du weißt, ich bin selber nicht ohne Erfahrung in diesen Dingen.« Sie nahm die eine Hand Leonors zwischen ihre beiden, und nun, wohl zum erstenmal, faßte sie in Worte, was sie fühlte. »Dir kann ich es ja sagen«, vertraute sie der Tochter an, »natürlich bin ich froh, daß mein Heinrich in der Erde liegt unter seiner schönen Grabschrift« – und genießerisch zitierte sie:

»König Heinrich war ich von Engelland, Über ein groß Stück Welt hielt ich die Hand. Bedenke, der du dieses liest, Wie klein zuletzt der Größte ist. Ich kriegte der Erde nie genug, Jetzt hab ich hier zweimal sieben Schuch.

Er liegt gut dort in seinen zweimal sieben Schuch. Trotzdem wünsche ich, die Erde möge ihm leicht sein. Es ist mir leid um ihn. Ich hab ihm nach dem Leben getrachtet, mehrere Male; einmal wär es mir um ein Haar geglückt, und er wäre hingewesen. Er hat recht gehabt, als er mich einsperrte; ich hätte es an seiner Stelle ebenso gemacht. Ich habe ihn sehr geliebt. Er war der einzige Mann, den ich liebte. Außer einem. Außer zweien. Er war der gescheiteste Mann der Christenheit. Er hatte Vernunft genug, seine Leidenschaft manchmal durchgehen zu lassen. Denn wie soll man sonst leben?« meinte sie duldsam und weise. »Andernteils hat freilich auch meine Freundin recht, die Äbtissin Konstanze: die irdische Liebe ist ein Honiglecken an Dornen.«

Doña Leonor, unvermittelt, sagte: »Mutter, was soll ich mit der Jüdin tun?« Die alte Königin schaute hoch. Lächelnd, fast gemütlich riet sie: »Warte ab, bis die Zeit reif ist, kleine Tochter, ehe du sie aus dem Weg schaffst. Ich habe viel leiden müssen, weil ich nicht warten konnte. Wahrscheinlich wird er sie ohnehin vergessen im Krieg.«

Doña Leonor sagte: »Er hat ein Kind von ihr, einen Sohn.« Sie sprach leise, hilflos.

Die alte Königin überlegte sachlich: »Dem Kind würde ich nichts tun an deiner Stelle. Sie hängen an ihren Bastarden, mehr als an den Müttern. Sogar mein Richard, dem weiß Gott nichts liegt an seinen Weibern, seine Bastarde hat er gern. Heinrich muß ihrer eine Menge gehabt haben. Zwei kenne ich, einen William und einen Geoffrey. Dieser Geoffrey ist ehrgeizig und schielt nach dem Thron. Ich muß ihn an der Leine halten, solang Richard außer Landes ist. Aber er ist ein netter Mensch und tüchtig. Ich hab ihn zum Bischof von York gemacht.«

Leonor sagte: »Ich habe sehr gelitten. Ich hoffe, du hast recht und der Krieg spült sie vollends aus seinem Blut. Aber wer will das wissen? Er hat mir bei seiner Seele geschworen, er werde sie lassen, und kaum hatte er Burgos hinter sich, lief er zu ihr zurück.«

Ellinor sagte: »Kein Feind hat’s mir so schwer gemacht wie dein Vater Heinrich, und er hat mich doch geliebt und ich ihn. Und dein Vater hat seine Söhne geliebt, und sie haben ihn gehaßt, weil er größer war als sie, und er hat sie verzogen, und sie haben ihm mehr Leid zugefügt als er mir, und sicherlich mehr als dir dein Alfonso. Und er hat ihnen verziehen wieder und wieder, und sie haben ihn verlacht und sich von neuem gegen ihn empört. Er hat, als ich noch mit ihm lebte, in Manchester drei Wände unseres Schlafzimmers mit Fresken bemalen lassen, die vierte blieb leer. Als ich jetzt Manchester wiedersah, war auch die vierte Wand bemalt. Da ist zu sehen ein großer, alter Adler mit vier Jungen. Zwei reißen mit ihren Schnäbeln Wunden in seine Flügel, der dritte schlägt ihm die Krallen in die Brust, der vierte hockt ihm auf dem Hals und haut nach seinen Augen.«

Sie hustete, vor Leonor unterdrückte sie den Husten nicht, der sie in den letzten Jahren quälte. Sie schloß die Augen, sie war auf einmal eine alte Frau. Mit geschlossenen Augen und seltsam gleichmäßiger Stimme, als leierte sie ein Gebet, meditierte sie: »Mit Louis habe ich nur Töchter gehabt, das schien mir ein Unglück. Mit Heinrich hatte ich Söhne, aber ob es ein Glück war, weiß ich nicht. Söhne machen Sorgen, wenn sie gut und wenn sie schlecht geraten. Keine Mutter möchte sie sanft haben, ich möchte keinen Heiligen zum Sohn. Doch wenn sie Helden sind, dann schlagen sie um sich, und die andern schlagen nach ihnen, und so soll es wohl auch sein, und sie kommen einem um. Die ersten zweie sind mir umgekommen, und mein dritter Nestling, dein Bruder Richard, macht mir das Herz schwer. Er ist ein lieber Sohn, aber er haust wild, und es ist keine Nacht mehr, da ich nicht schlaflos liege, weil ich Sorgen um ihn habe.«

Sie riß sich zusammen. »Komm näher«, sagte sie, »ganz nahe!« Und mit wilder Vertraulichkeit, leise, befahl sie: »Auf keinen Fall darfst du etwas tun, bevor Alfonso tief verstrickt in seinen Krieg ist. Sowie er im Feld steht, tu, was naheliegt. Geh nach Toledo, übernimm die Regentschaft. Die Moslems sind zähe Feinde, dein Alfonso wird nicht nur Siege erleben. Jedes Unglück hat sein Glück, jede Niederlage bietet Möglichkeiten. Da beschuldigt der General den Minister, der Bischof den General, der Christ den Juden, jeder ist jedem ein Verräter, vielen wird dein jüdischer Escrivano der Schuldige und Verräter sein. Du wirst ihn natürlich verteidigen. Du wirst dich decken vor Alfonso und vor der Welt. Du wirst dich mühen, dem Zorn des Volkes Einhalt zu tun. Aber wer kann das? In solchen Tagen läßt es sich nicht verhüten, daß da und dort Gewalt über das Gesetz siegt, und viele kommen um, Verdächtige und die einem Verdächtigen nahestehen.«

Doña Leonor trank jedes der leisen, harten Worte ein. »Warten«, sagte sie vor sich hin, »warten«, und es war nicht klar, ob sie klagte oder ob sie sich einen Befehl gab. »Ja, warten!« befahl scharf die Mutter. Und: »Geh nach Toledo!« befahl sie. »Das ist eine gute Stadt, und die weiß, wie man mit Feinden umgeht. Schon die alten Könige von Toledo haben es verstanden, die rechte Nacht abzuwarten, bevor sie die Köpfe springen ließen. Una Noche Toledana, eine Toledanische Nacht, sagen sie auch bei uns. Warte ab, und decke dich gut.«

Sie hustete, das leise, scharfe Sprechen strengte sie an. Sie lächelte, schlug um, die kalte Leidenschaft der wilden Greisin wandelte sich in die Courtoisie der Dame, und hatte sie bis jetzt provençalisch gesprochen, so ging sie jetzt ins Lateinische über. »Vielleicht«, meinte sie leichthin, »solltest du den Liebeshandel deines Alfonso einmal auch von seiner andern Seite betrachten. Er hat nämlich auch sein Gutes. Dieser dein Alfonsus Rex Castiliae ist ein großer Ritter, ein wahrer Miles Christianus, aber in der Liebe scheint er mir – nimm mir’s nicht übel – ein wenig verschlafen. Da ist es wohl ein Glück auch für dich, daß er in seinen Mannesjahren noch aufgewacht ist. Ich habe zu meiner Freude gesehen, daß du Funken geben kannst. Ich denke, was du erlebt hast, wird nicht so bald wieder Asche werden.« Don Alfonso fühlte sich wohl in der Hauptstadt seiner Väter, in der alten, strengen, verwinkelten Burg. Er fühlte sich eins mit Doña Leonor, er hatte vergessen, daß jemals zwischen ihnen Streit gewesen war. Er wurde zum früheren Alfonso, liebenswürdig, generös, strotzend jung.

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