Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Diese Lieder und Berichte und Romanzen der Bewunderer, vermischt mit den wilden, von Verwünschungen erfüllten Versen und Erzählungen der Feinde, hatten den meisten aus Ellinor de Guienne etwas Unwirkliches gemacht, eine Gestalt der fernsten Ferne oder eines andern Zeitalters, und sogar jetzt, da sie höchst wirklich in die Stadt Burgos einzog, leibhaft, in Fleisch und Blut, umgeben von ihren Rittern, Damen, Söldnern, Pferden, Hunden, Falken und Schätzen, war es vielen der kastilischen und aragonischen Herren, als ritte sie in einer goldenen Wolke einher. Wie schal und schäbig erschien ihnen ihr Heute, maßen sie es an dem Damals dieser großen Frau. Leuchtend bei ihrem Anblick stieg ihnen empor, was sie vom Zweiten Kreuzzug gehört hatten, der in Wahrheit Königin Ellinors Kreuzzug gewesen war. Damals verließen sich Ritter und Könige nicht krämerhaft auf die Übermacht, es stak nicht Geldgier und schlaue Berechnung hinter dem Kampf, vielmehr kämpfte man nach genauen, edlen Regeln, aus schierer Lust am Kampf, und die Schlacht war nichts anderes als das Tournier, ein edles Spiel auf Leben und Tod. Vierzig Tage lang war der Vasall seinem Herrn verpflichtet, vierzig Tage kämpfte er, und war eine Burg am vierzigsten Tage nicht erobert, dann zog der Ritter ab, auch wenn Gewißheit bestand, sie am einundvierzigsten zu nehmen. Damals gab es keine Routiers, keine gemieteten Söldner aus dem Pöbel, die ohne feine Lebensart nur für den Sieg kämpften. Damals bezeigte man auch dem Feind Courtoisie, selbst wenn dieser dem fremden Gott anhing. Der belagernde Kalif schickte der belagerten christlichen Königin Urraca höflich seinen Leibarzt, damit er ihr in ihrer Krankheit beistehe. Und Krieg fand statt nur von Montag bis Donnerstag; Freitag, Sonnabend und Sonntag war Waffenstillstand, damit ein jeder, Moslem, Jud und Christ, ungestört seinen Ruhetag feiern konnte.
Jetzt werde, glaubten die aragonischen und kastilischen Herren, eine ähnliche große Zeit anbrechen. Im Geist der Dame Ellinor war damals der Zweite Kreuzzug geführt worden; in ihrem Geist wird jetzt hier auf der Halbinsel der Heilige Krieg geführt werden, und sie, die hispanischen Edelleute, werden Gelegenheit haben, sich als wahre Erben der Ritter des Artus und des Charlemagne zu betätigen.
Der junge König Don Pedro ging umher wie schwebend. Welche Gnade Gottes, daß er eine Enkelin dieser glorreichen Fürstin zu seiner Königin machen durfte. Voll der Seligkeit des christlichen Ritters wird er in den Krieg ziehen, ledig der Bosheit und Rachsucht gegen Don Alfonso.
Auch der Schildknappe Alazar verfiel dem Zauber der berühmten alten Königin. In Toledo hatte er manches Mal hämische Blicke in seinem Rücken zu spüren geglaubt, und als der König ihn nach Burgos mitnahm, hatte er gefürchtet, Doña Leonor werde ihn seine verfängliche Verwandtschaft entgelten lassen. Aber sie war von höchster Milde und Freundlichkeit, der König behandelte ihn wie einen jüngeren Bruder, und in Gegenwart der großen Frau Ellinor schmolzen ihm die letzten Zweifel. Die edeln Damen fanden ihn wert, des Königs Don Alfonso Schildknappe zu sein, er war aufgenommen in die christlich ritterliche Welt.
Die ganze Stadt Burgos feierte den Besuch der alten Königin; Tausende waren gekommen, an der Feier teilzunehmen oder aus der festlichen Ansammlung Nutzen zu ziehen. Wirte machten fliegende Schenken auf, Händler boten kostbare Weine und Gewürze an. Die offenen Bogen und Gewölbe, die Fenestrae, in welchen die Kaufleute ihre Waren feilhielten, zeigten Putz und Schmuck aus flämischen, levantinischen, moslemischen Ländern. Pferdehändler und Waffenschmiede machten Geschäfte. Bänker und Wechsler waren da, die Güter der Ritter, die in den Krieg zogen, zu kaufen oder zu beleihen. Und ein Meer von Zirkusvolk war da, Amuletthändler, Huren, Taschendiebe. Das alles lärmte, feilschte, liebelte und liebte, lief in die Kirchen und in die Schenken, war fromm, frech, gutartig, brutal, spreizte sich bunt fröhlich, stank, machte Kinder, sang Hymnen und Sauflieder, freute sich des Lebens, verfluchte den Kalifen und den Sultan und rühmte die glorreiche Königin Ellinor.
Auch bei Hofe hatten die Kämmerer schwere Arbeit, die Gäste geziemend unterzubringen und zu verköstigen, die von überallher aus Kastilien und Aragon kamen, der Vermählung Don Pedros und der Infantin beizuwohnen und der alten Fürstin ihre Aufwartung zu machen. Viele dieser Prälaten, Barone, hohen Räte brachten Bediente mit, Jäger, Stallmeister. Dazu stellten sich wie bei jedem solchen Fest abenteuernde Ritter ein, arme, junge Edelleute, die sich von den Tournieren Geld und Ehre erhofften. Auch an Troubadours fehlte es nicht, an Trouvères, Conteurs; sie wußten, sie waren Doña Leonor und der Dame Ellinor stets willkommen.
Die alte Königin erholte sich nicht erst lange von den Mühsalen der Reise, sie hielt schon am zweiten Tage Hof im großen Saale der Burg. Im Lichte vieler Kerzen saß sie auf der Estrade, auf erhöhtem Stuhl, aufrecht, damenhaft. Etwas dicklich war sie geworden, manchmal fiel ihr das Atmen schwer, sie mußte ein Hüsteln unterdrücken, und unter der Schminke, die im Lauf der Stunden abbröckelte, zeigte sich ein altes Gesicht; aber die sehr blauen, hellen Augen schauten hart und klar, und mit kräftigen, wohlüberlegten, freundlichen Worten nahm sie unermüdlich teil an der Unterhaltung.
Der alte aragonische Graf Ramón Barbastro, der damals mit in Ellinors Heiligen Krieg gezogen war, sprach sehnsüchtig von jenen herrlichen Jahren, und klagte über die traurige Kahlheit der neuen Zeit. Der Krieg hatte seinen Adel verloren, er wurde im Rate vorbereitet und wurde mehr mit der Feder geführt als mit dem Schwert. Nicht die Tapferkeit der Ritter entschied die Schlacht, sondern die Anzahl der Routiers.
Auch zu der Zeit, da sie und der edle Don Ramón jung gewesen seien, antwortete Ellinor, sei der Krieg nicht immer nur Glanz und prächtiges Spiel gewesen. »Wenn ich’s recht überlege«, meinte sie, »dann waren die großen, herzwärmenden Schlachten und Feiern die Ausnahme, die Regel waren die kleinen Leiden: die Märsche durch das endlose, weglose, unbekannte, gefährliche Gelände, die wunden Füße, das überhitzte Blut, der schreckliche Durst, die schlaflosen Nächte mit den giftigen Stechmücken, den juckenden Flöhen und Läusen. Und das Schlimmste: die Acedia, die grauenvolle Langeweile, die endlose Seefahrt, die wochenlangen Märsche ins Unbekannte, das quälende Warten auf die Abteilungen, die morgen kommen sollten oder übermorgen und nach einer Woche noch nicht da waren.« Sie sah die Enttäuschung ihrer Hörer und übermalte lächelnd und kundig das trübe Bild. »Freilich«, sagte sie, »war dann der Lohn um so reicher: die wilde Lust der Schlacht, die Feier in einer eroberten Stadt.« Und sie erzählte von den Festen des Morgenlandes, wie sich da christliche mit moslemischer Pracht gemischt und Gesänge der Troubadours abgewechselt hatten mit Künsten arabischer Tänzerinnen. Die Worte strömten ihr willig zu, aber noch beredter waren ihre Augen. Lächelnd dachte der alte Graf an die beiden Männer, die damals in Antiochien um ihre Gunst gekämpft hatten, der christliche König Raymond und Prinz Saladin, der Neffe und Gesandte des Sultans. »Was diesen Festen ihre Lust gab«, schloß voll sehnsüchtiger Erinnerung die alte Königin, »war, daß wir sie zwischen Schlachten feierten. Gestern war man einem seligen Tode entgangen, morgen vielleicht wird man diesen seligen Tod sterben.«