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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)

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Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
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Das verblüffte ihn beträchtlich. Er saß einige Sekunden da, das Gesicht halb abgewandt.

»Glaubst du wirklich, dass ich ein guter Mensch bin?«, fragte er schließlich. Seine Stimme hatte einen seltsamen Unterton, den ich nicht einordnen konnte.

»Ja«, sagte ich ohne Zögern. Dann fügte ich halb im Scherz hinzu: »Du nicht?«

Nach einer langen Pause sagte er völlig ernst: »Nein, ich glaube nicht.«

Ich sah ihn sprachlos an, und mir stand zweifellos der Mund offen.

»Ich bin ein brutaler Mensch, das weiß ich«, sagte er ruhig. Er breitete seine Hände auf den Knien aus: große Hände, die Schwert und Dolch mit Leichtigkeit schwingen konnten, die einen Mann erwürgen konnten. »Du weißt es auch – oder du solltest es zumindest wissen.«

»Du hast noch nie etwas getan, wozu du nicht gezwungen warst.«

»Nicht?«

»Ich glaube nicht«, sagte ich, doch noch während ich sprach, kamen mir Zweifel. Selbst wenn sie in größter Not begangen wurden – hinterließen solche Taten nicht ihre Spur in der Seele eines Menschen?

»Du schätzt mich also nicht so ein wie, sagen wir, Stephen Bonnet? Man könnte doch sagen, dass er auch aus Not gehandelt hat.«

»Wenn du glaubst, dass du auch nur das Geringste mit Stephen Bonnet gemeinsam hast, liegst du völlig falsch«, sagte ich bestimmt.

Er zuckte leicht ungeduldig die Achseln und rutschte nervös auf der schmalen Sitzbank herum.

»Der Unterschied zwischen mir und Bonnet ist gar nicht so groß, nur dass ich im Gegensatz zu ihm Ehrgefühl besitze. Was hindert mich sonst daran, zum Dieb zu werden?«, fragte er. »Daran, auszuplündern, wen immer ich kann? Die Veranlagung dazu trage ich in mir – mein einer Großvater hat Leoch mit dem Gold derer gebaut, die er auf den Pässen der Highlands ausgeraubt hat; der andere hat sein Glück durch die Frauen gemacht, die er wegen ihres Reichtums und ihrer Titel zur Heirat gezwungen hat.«

Er reckte sich, und seine kraftvollen Schultern ragten dunkel vor dem schimmernden Wasser auf. Dann ergriff er plötzlich die Ruder, die auf seinen Knien lagen, und warf sie ins Boot. Der Knall ließ mich auffahren.

»Ich bin über fünfundvierzig«, sagte er. »In diesem Alter sollte ein Mann sesshaft geworden sein, oder? Er sollte zumindest ein Haus haben, etwas Land, um seine Nahrung anzubauen, und ein wenig Geld, damit er im Alter versorgt ist.«

Er holte tief Luft, ich sah, wie seine weiße Hemdbrust sich hob, als seine Lungen anschwollen.

»Nun, ich habe kein Haus. Und kein Land. Und kein Geld. Keine Hütte, keinen Kartoffelacker, keine Kuh, kein Schwein, keine Ziege! Ich habe keinen Dachbalken, kein Bett und keinen Topf, in den ich pinkeln kann!«

Er ließ seine Faust auf die Ruderbank niedersausen, und der Holzsitz unter mir vibrierte.

»Mir gehören nicht einmal die Kleider, die ich am Leib habe!«

Es folgte eine lange Stille, die nur vom leisen Gezirpe der Grillen unterbrochen wurde.

»Du hast mich«, sagte ich leise. Das schien mir nicht besonders viel.

Aus seiner Kehle drang ein Laut, der sowohl Lachen als auch Schluchzen hätte sein können.

»Aye, ich habe dich«, sagte er. Seine Stimme zitterte ein wenig, doch ich konnte nicht sagen, ob vor Belustigung oder Leidenschaft. »Das ist das Schlimmste daran, aye?«

»Ja?«

Ungeduldig warf er die Hand in die Höhe.

»Wenn es nur um mich ginge, was würde es für eine Rolle spielen? Ich könnte leben wie Myers: in die Wälder ziehen, mich vom Jagen und Fischen ernähren und mich, wenn ich zu alt würde, friedlich unter einen Baum legen und sterben und den Füchsen meine Knochen zum Abnagen überlassen. Wen würde es kümmern?«

Er zuckte heftig mit den Schultern, als wäre ihm sein Hemd zu eng.

»Aber es geht nun einmal nicht nur um mich«, sagte er. »Es geht um dich und um Ian und um Duncan und um Fergus und um Marsali – Gott steh mir bei, ich muss sogar an Laoghaire denken!«

»Na, lieber nicht«, sagte ich.

»Verstehst du denn nicht, Claire?«, sagte er, der Verzweiflung nah. »Ich möchte dir die Welt zu Füßen legen, Claire – und ich habe nichts, was ich dir geben könnte.«

Er glaubte wirklich, dass es eine Rolle spielte.

Ich saß da, sah ihn an und suchte nach Worten. Er hatte sich halb abgewandt, und seine Schultern waren vor Hoffnungslosigkeit zusammengesunken.

Innerhalb der letzten Stunde hatte ich erst Qualen erlitten, weil ich Angst hatte, ihn in Schottland zu verlieren, hatte dann unbändiges Verlangen verspürt, ihn in den Blumenbeeten zu verführen, gefolgt von dem dringenden Bedürfnis, ihm ein Ruder über den Schädel zu ziehen. Jetzt war ich wieder bei der Zärtlichkeit angelangt.

Schließlich ergriff ich eine seiner großen, rauhen Hände und glitt nach vorn, so dass ich zwischen seinen Beinen auf den Brettern kniete. Ich legte meinen Kopf an seine Brust und spürte, wie sein Atem über mein Haar strich. Mir fehlten die Worte, doch ich hatte meine Wahl getroffen.

»›Wo du hingehst‹«, sagte ich, »›da will auch ich hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.‹« Ob es ein schottischer Hügel war oder ein Wald im alten Süden. »Du tust, was du musst; ich bin bei dir.«

In der Flussmitte strömte das Wasser schnell dahin; und es war dort flach; ich sah die schwarzen Felsen direkt unter der Oberfläche. Jamie sah sie auch und ruderte aus Leibeskräften zum anderen Ufer, wo er uns auf eine Kiesbank treiben ließ und wir in einem Becken zur Ruhe kamen, das von den Wurzeln einer Trauerweide gebildet wurde. Ich lehnte mich aus dem Boot, griff nach einem herabhängenden Zweig und wickelte unsere Fangleine darum.

Ich hatte gedacht, wir würden nach River Run zurückkehren, doch offensichtlich diente dieser Ausflug nicht nur Erholungszwecken. Wir waren vielmehr weiter stromaufwärts gefahren, und Jamie hatte kräftig gegen die langsame Strömung angerudert.

Mit meinen Gedanken allein gelassen, lauschte ich seinem leisen Keuchen und fragte mich, was wir tun würden. Wenn er sich zum Bleiben entschied … nun, vielleicht würde es sich nicht so schwierig gestalten, wie er dachte. Ich unterschätzte Jocasta Cameron nicht, doch ich unterschätzte Jamie Fraser ebenso wenig. Colum und Dougal MacKenzie hatten versucht, ihn ihrem Willen zu beugen – und beiden war es nicht gelungen.

Mein Gewissen regte sich für einen Moment bei der Erinnerung daran, wie ich Dougal MacKenzie zum letzten Mal gesehen hatte, den Mund voll tonloser Flüche, als er an seinem eigenen Blut erstickte, Jamies Dolch bis zum Anschlag in seinem Hals. Ich bin ein brutaler Mensch, hatte er gesagt, und du weißt es auch.

Doch es stimmte einfach nicht, es gab einen Unterschied zwischen ihm und Stephen Bonnet, dachte ich, während ich beobachtete, wie sich sein Körper beim Rudern anspannte, wie fließend und kraftvoll sich seine Arme bewegten. Er besaß mehr als das Ehrgefühl, auf das er sich berief: Güte, Mut … und ein Gewissen.

Mir wurde klar, wohin wir unterwegs waren, als er mit einem Ruder innehielt und quer zur Strömung die espenverhangene Mündung eines breiten Baches ansteuerte. Ich war noch nie auf dem Wasserweg hierhergekommen, doch Jocasta hatte gesagt, es sei nicht weit.

Es hätte mich nicht überraschen dürfen, denn wenn er heute Nacht unterwegs war, um sich seinen Dämonen zu stellen, war es ein überaus passender Ort.

Kurz hinter der Mündung des Baches ragte die Sägemühle dunkel und schweigend in die Höhe. Hinter dem Gebäude sah man gedämpftes Licht, das aus den Sklavenhütten am Waldrand drang. Um uns herum erklangen die üblichen Nachtgeräusche, doch der Platz selber erschien mir merkwürdig still, trotz des Lärms, der vom Wind in den Bäumen, den Fröschen und dem Wasser kam. Obwohl es Nacht war, schien das hohe Gebäude einen Schatten zu werfen – doch das bildete ich mir sicherlich nur ein.

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