El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Ich bringe nicht nur die Grüße, sondern auch eine Waffe, die mein Herr dem Fürsten von Algier als Gabe bietet, wenn er sich mit ihm verbündet. Ich war mit meinem Schiff hierher unterwegs; aber meine Soldaten meuterten, und wir gerieten in Seenot. Das ist mein ganzes Geheimnis, das ich natürlich nicht vor dem Kapitän und dem Steuermann preisgeben wollte. Ich bin ferner beauftragt, für den Daj von Algier, wenn er das Angebot meines Königs annimmt, die Waffen zu bauen, mit denen man oftmals schießen kann, ohne laden zu müssen. Ich hoffe, von jetzt an behandelt zu werden wie ein Gesandter und nicht wie ein Gefangener.«
Der Daj konnte das Gehörte nicht so schnell verdauen. Sicher, er war ein primitiver Mensch. Doch seine Bauernschläue ließ ihn irgendeine Finte ahnen. Auch ein Araberfürst wußte, daß ein Gesandter irgendein Beglaubigungsschreiben bei sich haben muß. Er stellte eine dementsprechende Frage.
Michel lachte wie über einen guten Witz.
»Fragt ihn doch, ob er wirklich glaubt, daß mir meine meuternden Soldaten dieses Schreiben gelassen haben. Es wäre doch eine Legitimation gewesen, und ihr ganzer Schwindel wäre an diesem Schreiben gescheitert, wenn man es bei mir gefunden hätte.«Das sah der Daj ein. Wieder gongte er die Wachen herbei und gab einige Anweisungen. Die Augen des Mädchens leuchteten hinter dem Schleier hervor.
»So ganz überzeugt habt Ihr ihn noch nicht. Er läßt Euch aber Räume anweisen, allerdings mit dem strengen Befehl für die Wachen, auf jeden Eurer Schritte achtzugeben.« Michel atmete auf. Der Trick war zur Hälfte gelungen. Das andere würde man schon noch in irgendeiner Art zu meistern wissen.
Der kleine Jardin lag bequem ausgestreckt auf einem seidenüberspannten Diwan. Mit sichtlichem Genuß knabberte er süße Mandeln und nippte hin und wieder an dem starken Kaffee. Das faule Herumliegen auf den Polstern tat nach den vergangenen Wochen der Spannung und der aufreibenden Kämpfe gut.
»Hier könnte ich es aushalten. Senor Capitan. Ich wünschte es bliebe immer so.« Porquez hatte sich erholt. Der Schlaf in ruhiger Geborgenheit hatte ihn gekräftigt und gestärkt. Jetzt, da die Morgensonne ihren ersten Strahl in die herrlich ausgestatteten Räume warf, reckte er sich und richtete sich auf.
»Nein«, er schüttelte den Kopf, »ewig möchte ich hier nicht bleiben. Obwohl ich eigentlich alt genug wäre, um der Seefahrt den Rücken zu kehren, möchte ich doch wenigstens hin und wieder ein schönes Schiff sehen. Und zudem geht mir auch meine »Trueno« nicht aus dem Kopf. War eine stolze Galeone. Möchte für mein Leben gern noch einmal auf ihren Planken stehen.«
Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen, doch so, daß es Jardin, Deste und Ojo nicht bemerkten.
»Eure Sorgen möchte ich haben, Senores«, warf Deste ein. »Mir wäre es viel wichtiger, einen Weg zu finden, der uns aus dieser verteufelten Lage herausbringt. Was macht wohl der Silbador jetzt?«
Ojo starrte trübsinnig vor sich hin. »Das möchte ich auch wissen. Weshalb mögen sie ihn überhaupt von uns getrennt haben?«
Alfonso Jardin stand auf und schritt auf dem kostbaren Bodenmosaik nachdenklich auf und ab. »Wir haben einen Fehler begangen mit unserer Behauptung, daß wir seine Gehilfen seien. Nun glauben diese Burschen wahrscheinlich, ohne uns würde ihm ein Teil seines Handwerkszeugs fehlen — — oder er sei ohne uns nicht mächtig genug — — oder — — oder — — «. Wildes Geschrei erscholl auf dem Platz vor dem Palast und unterbrach Jardins Gedankengänge. Die vier Männer schauten stumm zu den über ihnen liegenden Bogenfenstern empor. Ojo sprang als erster auf den Diwan und blickte durch das tausendfach mit Arabesken geschmückte Bogengitter, das das Fenster nach innen abschloß und gleichzeitig einen großen Teil der Ausstattung des Raumes bildete.
»Teufel!« schrie Ojo plötzlich auf. »Kommt herauf, das müßt ihr selbst sehen!« Außer dem Kapitän sprangen alle auf den Diwan.Draußen hielt ein Zug wild aussehender Janitscharen, der sechs gefangene, zu Tode erschöpfte Soldaten in spanischen Uniformen mit sich führte. Die Janitscharen waren zu Pferde. Die Spanier waren mit den Händen an die Sättel gefesselt. Wahrscheinlich hatten sie einen Dauerlauf hinter sich, den sie nie im Leben vergessen würden.
»Demonio! Teufel! Welch eine Schande! Ich könnte diese Schurken umbringen!« rief Jardin leidenschaftlich und schlug mit der Faust gegen das Gitter.
»Nicht so laut, Senor, es wäre ja immerhin möglich, daß einer unserer Wächter genügend spanisch verstünde, um Eure Worte dem Pascha oder Sultan oder Daj — wie sich der Kerl nennt — weiterzumelden.«
»Caramba!« stieß Ojo zwischen den Zähnen hervor, »wie können sie es wagen, gute Christenmenschen so zu schinden!«
Draußen band man den Gefangenen die Hände los und stieß sie in den Palast. Die umherstehenden Araber ließen es nicht an Beschimpfungen fehlen. Immer wieder spien sie den Spaniern ins Gesicht.
»Was werden sie mit ihnen machen?« fragte Jardin.
Deste trug ein grimmiges Gesicht zur Schau. Viel übrig hatten die braven Korsaren des Kapitäns Porquez nie für ihre uniformierten Landsleute gehabt. Sie hätten sie lieber gehen als kommen sehen. Aber hier fühlten sie sich ihnen verbunden. Es waren Menschen wie sie, sie redeten dieselbe Sprache, redeten und beteten in derselben Sprache zu einem Gott, den unsere Seeräuber fast vergessen hatten, der ihnen aber jetzt wieder in Erinnerung kam.
Ojo schlug ein Kreuz, und da er keine Waffe bei sich hatte, mit der er unter Umständen für die, welche er jetzt als seine Brüder ansah, kämpfen konnte, so faltete er die Hände und sagte: »Heilige Mutter Gottes, bitte für sie!«
Und die anderen murmelten im Chor: »Heilige Mutter Gottes, bitte für sie!«
Michel Baum hatte in der vergangenen Nacht kein Auge zugetan. Der Daj hatte ihm, dem Gesandten einer europäischen Macht, einen Raum zugewiesen, den man als Halle bezeichnen mußte. Dieser mit gemalten Fliesen und kostbaren Mosaiken ausgelegte Hallenraum schloß nach oben hin in den herrlichsten Bogenformen ab, die mit goldenen, roten und silbernen Ornamenten verziert waren. Statt der oberen vergitterten, fensterähnlichen Mauerdurchbrüche hingen Teppiche aus Smyrna an den Wänden. Der Saal war nach beiden Seiten hin offen, führte hier in einer Richtung auf den Innenhof und endete dort auf der anderen Seite in einem Säulengang. Trotz der glastenden Sonne lag er in einem wohltuenden Halbdunkel, und frische Luft durchströmte ihn wie ein labender Bergquell. Kleine, niedrige Tischchen waren längs des großen Wanddiwans aufgestellt, auf denen Michel alles fand, was Magen und Zunge begehrten. Nur etwas gefiel dem Pfeifer nicht: die weißen Mützen, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder auf dem Hof oder im Säulengang auftauchten. Die Gesichter unter diesen Mützen spähten mit glühenden Augen nach ihm. Dann verschwanden sie für eineWeile. Sie störten nicht; fürwahr, der Daj hätte sie sicher totprügeln lassen, wenn ein einziger von ihnen auch nur ein wenig zu laut aufgetreten wäre. Aber sie waren eben da, und man konnte ihnen nicht entrinnen. Stunde um Stunde zergrübelte sich Michel den Kopf, wie er hier herauskommen könnte. Das war keineswegs einfach; denn er wollte weder seine Freunde noch sein kostbares Gewehr aufgeben. Seinen Degen hatte Eberstein an sich gebracht. Den würde er sich irgendwann einmal wiederholen. An das Gewehr jedoch band ihn nicht nur die Liebe zur Waffe, sondern auch die Mahnung des Grafen de Villaverde, es nicht aus der Hand zu geben, damit Unberufene nicht hinter das Geheimnis der Konstruktion kämen. Allah mochte wissen, wo es der Daj zur Zeit aufbewahrte.