Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1991
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.». Краткое содержание книги:
Träume und Seelenfreundschaft verwehen und vergehen nicht so schnell. Die Corporadas ließen sie im Stich, nun gut, sie würden ihrerseits die Corporadas im Stich lassen und ihre revolutionäre, weltbewegende Idee zu jenen tragen, die dankbar dafür waren, zu den Armen und Besitzlosen, die sich in ihren Favelas am Fuße der glänzenden Türme zusammendrängten. Und vielleicht würden die Armen und Besitzlosen diese glänzenden Türme eines Tages zum Einsturz bringen. Jahrzehntelang widmeten sie jede freie Minute der Konstruktion eines alles umfassenden Materietransmitter-Systems. Alles wurde diesem Traum geopfert, mit Ausnahme ihrer Seelenfreundschaft, denn die gab dem Traum Nahrung. Und dann, als der Prototyp fertig war und auf den Probelauf wartete, schnappte DaCosta eine blödsinnige kleine Infektion auf und starb, weil sie sich Antibiotika auf dem Schwarzen Markt nicht leisten konnten. Und ohne den treibenden Geist, der sie verbunden hatte, versank der Traum in Ernüchterung und Zynismus und wurde letztendlich durch eine erbärmliche kleine Mühle gedreht, die Plastikklümpchen der Unsterblichkeit ausspuckte in der müßigen Hoffnung, eines Tages, auf irgendeine Weise, diese arroganten Wolkenkratzer zu überleben. Er war immer ein Feigling gewesen, Aurelian mit den schönen Händen.
Und immer noch kommen sie. Nur sehr wenige kehren für einen zweiten Gang durch das Fenster zurück. Nur die außerordentlich vergeistigten, die außerordentlich gierigen, kommen immer wieder und wieder und wieder. Nur die gierigen Vergeistigten stoßen und stoßen immer wieder an die Grenzen der Erfahrung; zwei, fünf, zehn Sekunden der Auflösung, während Körper und Geist durch den Materietransmitter preschen, bis eine Schlinge des Nichts um jedes Molekül einer jeden Zelle ihrer Körper gewunden ist.
Geistiger Stolz ist wirklich.
Geistige Arroganz ist wirklich.
Geistige Gier, die den Herrn vor seinen Schülern zum immerwährenden Dasein treibt, ist wirklich. Die Faust der geistigen Gier umklammert einen mit ebenso festem Griff wie die Faust, die Aurelian mit seinem kleinen Fläschchen verbindet, jeden Süchtigen mit seiner Droge.
Es war unvermeidlich, daß sie Liebende wurden; Zed, die Tochter aus bestem Haus, von einer der Gründungsfamilien abstammend, und der große, stämmige, finstere Junge irgendwo unten aus den Industriezonen, der sich Würger nannte. Der Materietransmitter hatte sie so weit verstreut, so ausgedünnt, daß es keinen möglichen Berührungspunkt zwischen ihnen und ihren Schülern mehr gab. Mit Ausnahme preisgegebener Enthüllungen. Und empfangener Dankesgaben. Würger hatte seinen Job in einer Pharmazeutik-Einheit aufgegeben, wo er ständig Nachschub an dem Zahlungsmittel Droge für die Herren der Neuen Kirche beschafft hatte: er konnte den Umgang mit den Unreinen nicht mehr ertragen. Ganz abgesehen davon, daß sie ihrerseits den Umgang mit ihm ebenso unerträglich fanden. Unvermeidlich war es also, daß in ihrer Isolation der Finstere sich zur Dunklen hingezogen fühlte.
So liegen sie nun beisammen, umeinandergeschlungen auf dem Lebensfellboden, und der Morgen bricht über sie herein. Die Hände der Dunklen erforschen den Körper des Finsteren, die straffen Rundungen der Schenkel und Hinterbacken, die sanftgeschwungene Linie seines Rückens, die gewölbten Neigungen der Schultern, Streicheln Streicheln Streicheln, geistesabwesend, gedankenlos, als ob er aus Stein wäre oder aus Plastik oder ein Schoßtierchen. Sie beobachtet, wie der Tag über Hy Brazyl heraufzieht. Und sie weiß nicht, was sie sieht. Die geometrisch abstrakte Ebene des Wolkensockels. Die Türme, die die Stratosphäre zerteilend und durchdringend in die Höhe stoßen. Der Globus, das Lichtatom am Rand der Welt: die Farben Rot, Purpur, Gold.
Was sind sie? Was ist das? Was bedeutet es?
Etwas? Alles?
Nichts?
Ein Augenblick des Entsetzens, als sie erkennt, daß es – nichts bedeutet. Es ist nicht wichtig. Es hat keine Bedeutung. Es ist nichts. Und dann weicht ihr Entsetzen, als sie erkennt, daß auch dieses nichts ist.
Und dieser Körper, der sie umfängt, diese Ansammlung von Rundungen und Flächen und Winkeln, Glattheit und Weichheit und Härte; dieser Körper, dieser Würger bedeutet nichts.
Bedeutet nichts.
Ist nichts.
Zed lächelt. Sie ist fast angekommen.
Und:
»Was meinst du damit, daß wir uns nicht wiedersehen können?«
Sie seufzt, streicht sich das Haar gereizt zurück.
»Ich wußte, du würdest nicht, ich wußte, du würdest nicht begreifen. Es liegt daran, daß das Körperliche keine Bedeutung hat, merkst du das nicht? Letztendlich hat es keine Bedeutung, und ich glaube, ich fühle, daß du es, daß du mich dazu bestimmst, der Grund für alles zu sein, und so kann es nicht sein, du weißt, daß es so nicht sein kann, das Körperliche kann letztendlich nichts bedeuten.«
»Willst du damit sagen, daß ich dir nichts bedeute?«
»Nein! Nein! Versuche zu begreifen! Es geht um das Körperliche: du mißt ihm zuviel Bedeutung bei; wir benutzen einander wie Gebrauchsgegenstände, körperliche Gebrauchsgegenstände, und darauf kommt es nicht an.«
»Du sagst also, daß ich dir nichts bedeute.«
»Ich sage, daß kein Ding, kein körperliches Ding, mir irgend etwas bedeuten soll. Mir nichts bedeutet. Alles für mich bedeutet. Alles ist nichts, daran glauben wir doch, oder nicht? Nun, jetzt weiß ich es. Ich spüre es. Alles ist nichts. Und das Nichts in uns, die Leere, die geistige Realität, ist alles.«
Pause.
Schweigen.
»Du bist nicht Zed.«
»Doch. Ich bin Zed.«
»Nein, das bist du nicht. Vielleicht warst du einmal Zed, damals, du warst das Mädchen, von dem ich einfach nicht genug bekommen konnte, dem ich unbedingt nah sein wollte, das mich fesselte, mit dem zusammenzusein wie das Leben selbst war. Und jetzt weiß ich nicht mehr, was du bist. Ich weiß nicht, was aus dir geworden ist … Weißt du, wie lange Zeit ich dich aus der Ferne bewundert habe? Weißt du, wie lange ich auf dieses hier gewartet habe, was ich alles durchgemacht habe, nur um bei dir zu sein, diesen ganzen spirituellen Scheiß? Und jetzt weiß ich nicht, was aus dir geworden ist. Nichts Menschliches.«
»Das ist nicht Würger, der da spricht. Das ist der frühere Würger. Aber darüber bist du doch hinaus, nicht wahr? Darum geht es ja, mehr aus sich zu machen als einfach Würger und Zed, mehr als unser Ich, mehr als menschlich.«
»Das würde ich nicht sagen. Nicht nachdem ich weiß, was ich weiß. Ich würde sagen, weniger als menschlich.«
»Wenn du versuchst, mich zu ködern, dann wirst du Pech haben. Ich bin über all diese Kleinlichkeit hinaus.«
»Und über die Liebe ebenfalls.«
»Du begreifst einfach nicht. Und ich hatte gedacht, du würdest begreifen. Ich dachte, du wärst einer von uns.«
»Nun ja, ich vermute, ich war es nicht.«
»Ich kann dich nicht wiedersehen. Es ist zu wichtig für dich, mich zurückzuhalten. Ich kann dich nicht wiedersehen.«
»Zed! Zed! Zed …«