Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
„Nachsichtig mit mir? Wann wären Sie dies jemals gewesen!“ rief sie voller Bitterkeit. „Ich ließ mich kurz vor dem Tod meines Mannes verleiten, seine Akzepte auch mit meinem Namen zu versehen. Was verstand ich als Dame von solchen Papieren! Ich unterzeichnete sogar Formulare, welche später erst ausgefüllt wurden. Als mein Mann tot war, präsentierten Sie mir alle diese Dokumente. Sie waren nach Sicht zu bezahlen. Ich mußte alles verkaufen, was ich besaß, um sie einlösen zu können und nicht in das Schuldgefängnis zu wandern. Nennen Sie dies Nachsicht?“
„Ich spreche nicht hiervon, Madame; ich spreche von den drei Akzepten, welche ich noch jetzt von Ihnen in den Händen habe.“
Sie blickte ihn groß an, aber er hielt diesen Blick aus.
„Noch drei Akzepte? Von mir?“ fragte sie. „Sie irren oder erlauben sich einen Scherz, der hier wahrhaftig nicht am rechten Platz ist!“
„An einen Scherz ist nicht zu denken“, sagte er. „Sie sprechen von Blanketts, welche später ausgefüllt worden sind. Nun wohl, es waren noch drei solche Blanketts vorhanden, als Ihr Herr Gemahl starb. Monsieur Albin hat sie ausgefüllt und den Betrag von mir erhalten. Die Wechsel lauten auf Sicht; ich habe sie Ihnen noch nicht präsentiert; darf ich da nicht von Nachsicht sprechen?“
Frau Richemonte fuhr abermals in die Höhe, jetzt vor Schreck.
„Sie sagen die Wahrheit?“ fragte sie.
„Die volle Wahrheit!“
„Albin hat den Betrag erhalten?“
„Ja.“
„Wieviel?“
„In Summa hundertundfünfzigtausend Franken!“
„Hundertundfünfzigtausend Franken! O mein Gott!“ rief sie, die Hände vor das Gesicht schlagend. „Und ich besitze nur noch eine Rente von zweitausend Franken!“
„Ich werde darauf Beschlag legen müssen, Madame.“
Das hatte sie nicht erwartet. Sie starrte ihn mit großen Augen an und sagte:
„So werde ich dann verhungern müssen!“
„Nein“, antwortete er, gleichgültig die Achseln zuckend. „Nicht verhungern, sondern nur arbeiten werden Sie müssen!“
„Arbeiten, das tun wir ja jetzt bereits. Oder glauben Sie, daß man von zweitausend Franken jährlich leben kann? Wir arbeiten insgeheim für ein Stickereigeschäft. Heute vormittag hat Margot wieder das Fertige abgeliefert und sich dabei den frechen Insulten einer rohen Soldateska ausgesetzt.“
„Das darf ich nicht beachten, Madame. Ihr Sohn schuldet mir eine ungeheure Summe auf Wechsel, dazu eine Spielschuld von fünftausend Franken auf Ehrenwort; er hat kein Geld. Von Ihnen besitze ich Wechsel im Betrage von hundertundfünfzigtausend Franken. Ich präsentiere sie Ihnen hiermit. Wollen Sie die Dokumente einlösen?“
Die Witwe schlug die Hände zusammen und rief:
„Aber sehen Sie denn nicht ein, daß mir dies ganz unmöglich ist! Wer hat Ihnen erlaubt, meinem Stiefsohn gegen meine Unterschrift eine solche Summe auszuhändigen?“
„Eben Ihre Unterschrift hat es mir erlaubt, Madame“, lächelte er überlegen. „Übrigens irren Sie sich ganz und gar, wenn Sie behaupten, daß es Ihnen unmöglich ist, diese Summe zu decken.“
„Mein Gott, womit soll ich es können?“
„Mit einem einzigen Wort.“
„Mit welchem?“
„Mit dem kleinen Wörtchen ‚Ja‘.“
Sie verstand ihn nicht; sie blickte ihn fragend an. Er aber setzte sich in Positur, ließ seine Augen lüstern über die schöne Gestalt Margots gleiten und sagte:
„Sie kennen meine Person und meine Verhältnisse, Madame. Ich bin Armeelieferant des großen Kaisers gewesen und habe mir Millionen verdient. Ich kann einer Frau eine glänzende Existenz bieten. Ich habe Ihnen bereits, als Ihr Herr Gemahl noch lebte, gesagt, daß ich Mademoiselle Margot liebe. Ich wurde damals abgewiesen; es hieß, Mademoiselle könne mich nicht lieben. Sie befanden sich damals in besseren Verhältnissen. Jetzt werden Sie einsehen, daß eine Heirat aus Liebe eine Dummheit ist. Ich wiederhole heute meinen damaligen Antrag. Sobald ich mit Mademoiselle vom Altar zurückkehre, zerreiße ich die Wechsel Ihres Stiefsohnes und auch die Ihrigen. Sagen Sie nein, so wandern Sie in das Schuldgefängnis.“
Er hatte sich bei den letzen Worten erhoben, griff nach seinem Hut und fuhr dann fort:
„Sie sehen, daß ich aufrichtig bin. Nennen Sie mich hartherzig und grausam; mir ist dies gleichgültig. Ich liebe Margot; sie wird meine Frau werden, oder Sie müssen untergehen. Ich gebe Ihnen eine volle Woche Zeit. Heute über acht Tage werde ich mir Ihre Antwort holen. Überlegen Sie sich reiflich, was Sie tun werden. Adieu!“
Er ging und ließ die beiden Damen in einer großen Aufregung zurück.
Madame Richemonte lag auf ihrer Chaiselongue und weinte. Margot hatte sich bei ihr niedergelassen und zog wortlos den Kopf der Mutter an ihr Herz. Das Mädchen hatte bisher kein Wort gesagt. Ihr Gesicht zeigte keine Spur von Betrübnis, wohl aber lag auf demselben ein Zug finsteren Hasses, fast möchte man sagen, der Rache, den ihre Mutter freilich nicht bemerkte, da sie zu sehr mit sich selbst beschäftigt war.
„Hundertundfünfzigtausend Franken!“ jammerte die Frau. „Hast du es gehört, Margot?“
„Ja.“
„Und ich war ihm nichts schuldig! Er ist ein Verführer, ein Betrüger!“
„Er ist ein Teufel, Mama. Er hat ganz und gar berechnend gehandelt.“
„Wieso?“
„Er hat mich zwingen wollen, ihn zu heiraten.“
„Mein Gott. Wirklich?“
„Ja. Zunächst hat er Papa in Schulden verstrickt und ihn und Albin zum Spielen verführt. Sodann hat er dich zur Ausstellung der Blanketts gebracht. Jetzt sind wir verloren, wenn ich ihm nicht mein Jawort gebe.“
„Du wirst es ihm nicht geben! Nein, niemals, Kind!“
„O doch!“ sagte das Mädchen, scheinbar ruhig.
„Doch? Du willst?“ fragte die Mutter ganz erschrocken.
„Ja, ich will!“
„Aber du wirst unglücklich, Margot!“
„Nein!“
Sie sagte dieses Wort in einem so bestimmten Ton, daß ihre Mutter aufmerksam wurde, sie ganz erstaunt anblickte und dann fragte:
„Nein? Das begreife ich nicht! Kind, liebst du ihn etwa gar?“
Margot schüttelte überlegen den Kopf und antwortete:
„Ich hasse ihn; ich verabscheue ihn, und darum werde ich ihn heiraten, Mama.“
„Ihn heiraten, weil du ihn hassest? Du sprichst in Rätseln!“
„Oh, begreifst du nicht, welche Süßigkeit in der Rache liegt?“
„Ah!“ rief die Mutter, der das Verständnis aufzugehen schien.
„Ja, er ist der Dämon unserer Familie, unseres Hauses gewesen. Er ist schuld an unserer Verarmung und an dem Tod des Vaters. Ich willige ein, sein Weib zu werden, um uns alle an ihm rächen zu können. Er liebt mich zum Rasendwerden. Ich habe seine glühenden, begehrlichen Blicke monatelang beobachtet, ohne zu tun, als ob ich sie bemerkte. Ich werde sein Weib, er muß die Wechsel zerreißen, aber er wird mich niemals berühren dürfen. Er soll verschmachten vor Verlangen nach mir. Ich bin schön. Ich werde mich für ihn schmücken, um ihn liebeswahnsinnig zu machen. Er soll vor mir im Staub kriechen wie ein Wurm; er soll um ein Wort, um einen Blick betteln und doch nicht erhalten, was er begehrt. Er soll Tantalusqualen erleiden, und ich werde glücklich sein, je unglücklicher ich ihn sehe.“
Sie sprach im Gefühl des Augenblicks. Sie bedachte nicht, daß ihr Glück, von dem sie sprach, ein fürchterliches sein werde. Sie wollte sich opfern, opfern für die Mutter und für die gerechte Sache. Sie glaubte, stets so Herr ihres Herzens zu sein, wie jetzt, und ahnte nicht, welch ein Unglück es für sei sein werde, an einen solchen Mann gekettet zu sein und doch die Liebe zu einem andern im Herzen zu tragen. –