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Im Auftrag Seiner Majestät

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Im Auftrag Seiner Majestät
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„Wenigstens den Ihrigen möchte ich mir um keinen Preis verdienen. Ich bin als Soldat hier, weil es meine Pflicht war, meiner Fahne zu folgen, aber ich hasse keinen Franzosen um des Umstandes willen, daß er ein Franzose ist.“

„Ja, so sehen Sie mir aus, Monsieur, so gut und bieder. Darum will ich auch bei Ihnen die einzige Ausnahme von der Regel machen, welche ich einzuhalten pflege. Sie haben mich so freundlich beschützt; ich lade Sie ein, Mama und mich zu besuchen, falls Ihnen mein Wunsch, Sie Mama vorzustellen, nicht unangenehm ist.“

Sein Gesicht strahlte eine ehrliche, ungeschminkte Freude aus, die das Herz des schönen Mädchens gefangennahm. Er antwortete:

„Unangenehm? O nein, ich bin im Gegenteil von Herzen erfreut über diese Ausnahme und werde Ihrer Einladung folgen, wenn Sie mir die Stunde sagen wollen, in welcher ich Sie nicht störe.“

„So kommen Sie um drei Uhr, Monsieur. Haben Sie um diese Zeit Dienst?“

„Nein. Ich werde sicher kommen.“

„Hier ist meine Karte!“

Sie zog ein kleines, zierliches Kärtchen hervor, auf welche er jetzt seinen Blick noch nicht zu werfen wagte, dann nickte sie ihm vertraulich zu, wie einem alten, lieben Bekannten, ehe sie in der Tiefe des Hausflurs verschwand.

Fast hätte der Glückliche die Karte an seine Lippen gedrückt. Er hatte bereits die Hand erhoben, es zu tun, dachte aber noch zur rechten Zeit daran, daß er sich in einer sehr belebten Straße befinde, wo man seine Begeisterung belächeln werde.

Erst als er eine bedeutende Strecke zurückgelegt hatte, las er den Namen, welcher auf der Karte stand. In feinen, dünnen Zügen stand da gedruckt ‚Margot Richemonte, Rue d'Ange 10‘. Fast hätte er den Schritt angehalten.

„Margot Richemonte?“ fragte er sich. „Hieß nicht der Gardekapitän auch Richemonte, welcher gestern die Ohrfeigen von mir erhielt? Ist er vielleicht mit ihr verwandt? Ah, pah! Wie viele Namen sind gleichlautend. Wer wird gleich an so etwas denken!“

In seiner Wohnung angelangt, nahm er ein Buch zur Hand und setzte sich auf das Sofa. Aber eigentümlich! Das Lesen wollte nicht vonstatten gehen. Er hörte immer den eigentümlichen ernsten Klang ihrer Stimme, und wenn er sich Mühe gab, seine Aufmerksamkeit auf die Lektüre zu konzentrieren, so zogen sich die Buchstaben zusammen und bildeten ein Gesicht, so schön, so rein und mädchenhaft, gerade wie Margot es gehabt hatte.

Er legte das Buch fort, stand auf und wanderte im Zimmer hin und her.

„Ich glaube, dieses Mädchen hat es mir angetan“, sagte er. „Eine Französin! Sind die Französinnen mir nicht als leicht, flüchtig, untreu geschildert worden? Und nun finde ich ein solches Gesicht, ein Gesicht, auf welches man Häuser bauen könnte! Ich werde keinem Menschen davon erzählen, denn ich würde ausgelacht. Die Französinnen sind Champagner, Esprit, Mousseux; sie sind nur zum Vergnügen da. Ein Deutscher macht andere Ansprüche!“

Aber trotz dieser Gedanken konnte er das Gesicht und den Ton dieser Stimme nicht loswerden. Er frühstückte, aber ohne Gedanken, fast ohne zu wissen, was er aß. Er konnte die drei Uhr gar nicht erwarten; er wollte sich dies zwar nicht eingestehen, aber als er in der Rue d'Ange vor der betreffenden Tür stand und nach der Uhr blickte, da bemerkte er, daß er über eine Viertelstunde zu früh gekommen sei. Er mußte einstweilen weiter gehen, um diese Frist noch verstreichen zu lassen.

Aber mit dem Glockenschlag erreichte er die Nummer zehn. Er fand, daß die erste Etage des Hauses in zwei Wohnungen geteilt sei. Sein erster Blick fiel auf die Tür rechts. Da las er das Schild ‚Veuve Richemonte‘. Das war jedenfalls Margots Mutter. Also Witwe war dieselbe? So besaß Margot keinen Vater mehr? Dies war vielleicht eine Erklärung für den Ernst, welcher ihr ganzes sonst so liebliches Wesen umfloß.

Er klingelte. Ein Mädchen erschien. Er nannte seinen Namen und wurde eingelassen.

Das Mädchen öffnete ihm die Tür eines Salons, dessen Ameublement zwar sehr anständig aber nicht herrschaftlich reich zu nennen war. Auf einer Chaiselongue ruhte eine Dame, in welcher er sofort Margots Mutter vermutete. Sie war einfach schwarz gekleidet. Ihr Haar war voll, schimmerte aber bereits in das Grau hinüber. Die Züge dieser Dame waren sanft und trugen jenen passiven Zug, welcher auf eine Verstimmung des Gemütes, auf ein stilles, verschwiegenes Leiden schließen läßt. Ihr dunkles Auge ruhte forschend auf dem Eintretenden. Sie erhob sich bei seiner respektvollen Verneigung ein wenig aus ihrer liegenden Stellung und sagte:

„Seien Sie mir willkommen, Monsieur! Sie müssen verzeihen, daß meine Tochter noch nicht zugegegen ist, um Sie zu empfangen, aber ich habe es vorgezogen, Ihnen zunächst eine aufrichtige Bemerkung zu machen. Nehmen Sie Platz!“

Er setzte sich, während ihr Auge noch immer auf ihm ruhte, als ob sie ihm bis in die Tiefe seiner Seele blicken wolle. Welch ungewöhnlicher Empfang war dies? fragte er sich. Was hatte sie ihm zu sagen, bevor sie ihrer Tochter den Eintritt gestattete? Er sollte es gleich hören, denn die Dame begann:

„Sie haben sich meines Kindes angenommen, und mein Mutterherz ist Ihnen natürlich dankbar dafür. Margot hat gewünscht, daß ich Sie kennenlernen sollte, aber ich weiß nicht, ob Sie sich vielleicht enttäuscht fühlen werden. Sie sind natürlich gewohnt, sich die Pariser Welt als heiter, gern genießend und leichtlebig zu denken. Sie mögen bis zu einem gewissen Punkt recht haben. Sie sind Offizier. Diese Herren machen gern die Bekanntschaft junger Damen. Es ist dies eine Art von Sport für sie; sie wollen sich unterhalten; sie wollen tändeln; sie wollen sich ihrer Eroberungen rühmen. Ich habe diesen Sport nie gutheißen können; ich habe Margot diesen Kreisen stets ferngehalten. Ich liebe mein Kind; es ist so gut, und es soll nicht unglücklich werden. Das ist der heißeste Wunsch meines Herzens –“

Sie hielt inne, wie um zu überlegen, ob sie nicht zu viel gesagt habe, ob sie nichts Beleidigendes ausgesprochen habe. Es dünkte ihm, als hätte sie sagen wollen:

„Ich liebe mein Kind, und es soll nicht unglücklich werden; nicht so unglücklich, wie seine Mutter ist.“

Sie fuhr fort:

„Ich habe Margots Wunsch erfüllt. Sie hat die Einladung ausgesprochen, und es wäre eine Beleidigung für Sie gewesen, wenn ich dieselbe desavouiert hätte. Ich hätte dies auch gar nicht vermocht, da wir Ihre Wohnung nicht kennen. Sollten Sie mit der Erwartung gekommen sein, hier ein Amüsement zu finden, so wird diese Erwartung wohl schwerlich erfüllt werden, Monsieur. Das ist es, was ich Ihnen sagen wollte, und ich hoffe, daß Sie sich nicht davon beleidigt fühlen.“

„Beleidigt?“ fragte er. „Sie haben die vollste Berechtigung, so zu sprechen, Madame. Sie bedienen sich eines ganz bezeichnenden Ausdruckes, indem Sie von jenem Sport sprechen. Die Offiziere aller Länder sind sich in dieser Beziehung gleich. Ich hasse, ich verachte diesen Sport gleich Ihnen. Ich sehe in dem Menschen nicht ein Geschöpf, welches nur die Aufgabe hat, mich zu erheitern, mir die Zeit zu verkürzen. Ich bin gewohnt, das Leben von der ernsten Seite zu nehmen, und es freut mich, in Ihnen eine gleichgesinnte Natur zu entdecken. Gerade die gegenwärtige Zeit ist eine ernste, und ich habe wirklich nicht die Absicht, eine Minute von ihr zu vertändeln. Ich habe Fräulein Margot einen kleinen Dienst erwiesen, wie ich ihn jeder Dame erweisen würde; das ist nur Pflicht, das begründet keinen Anspruch auf Ihre besondere Dankbarkeit. Desto mehr bin ich erfreut gewesen über die Erlaubnis, mich Ihnen vorstellen zu dürfen. Beunruhigt Sie jedoch meine Gegenwart, so bin ich bereit, Sie sofort zu verlassen.“

Er erhob sich von seinem Sitz. In ihrem Auge glänzt etwas wie ein stilles, zufriedenes Lächeln. Sie winkte ihm mit der Hand zu, sitzen zu bleiben und sagte:

„Ich möchte annehmen, daß Margot sich nicht geirrt hat, ich finde Sie so, wie Sie von ihr geschildert worden sind. Bleiben Sie, Monsieur, und versuchen Sie, der Unterhaltung zweier einsamer Damen einigen Geschmack abzugewinnen! Besitzen Sie auch eine Mutter?“

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