Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Königsau ahnte, daß an dieser Krankheit das gestrige Gespräch mit dem Baron die Schuld trage, doch er ließ sich von dieser Ahnung natürlich nichts anmerken.
Margot war heute außerordentlich bleich. Auf ihrem Gesicht lag eine Entschlossenheit, eine Resignation, bei welcher ihm bange zumute wurde. Er bemerkte zwar, daß ihr Auge zuweilen mit jedem Blick auf ihm ruhte, in welchem ein unbewußtes Geständnis sympathischer Regung liegt, doch zeigte sie sich in ihren Reden und Antworten verschlossen und kalt. Das konnte nicht die Sorge um ihre kranke Mutter, sondern das mußte etwas anderes sein. Er sann vergebens nach; er vermochte es nicht zu entdecken, bis endlich das Gespräch so oben hin auf zartere Verhältnisse kam.
Jetzt zeigte ihr Gesicht zum ersten Mal wieder eine Spur von Leben und Wärme.
„Ich beneide Sie, Monsieur“, sagte sie. „Welch ein Glück muß es sein, in die Heimat zurückzukehren, und, dem Schlachtentod entgangen, als Sieger vor ein geliebtes Weib oder vor eine harrende Braut zu treten.“
„Beneiden Sie mich nicht, Mademoiselle“, antwortete er. „Ein solches Glück ist mir nicht beschieden.“
„Nicht? Sie haben keine Braut?“
„Nein. Mein Herz ist noch niemals engagiert gewesen.“
Sie blickte zu Boden und fragte, ohne die Augen zu ihm zu erheben und ihn anzusehen:
„Muß denn stets das Herz engagiert sein?“
„Können Sie sich ein Glück denken, ohne daß das Herz Teil daran nimmt?“
„Allerdings nicht. Aber das Herz kann auf verschiedene Weise ins Spiel kommen.“
Er blickte ihr forschend in das bleiche Angesicht. Ihre Lippen zuckten, und auf ihrer Stirn lag es schwer und finster wie ein Entschluß, von dem sie überwunden worden war.
„Ich verstehe Sie nicht, Mademoiselle“, sagte er. „Ich kenne nur eine einzige Weise. Nur die Liebe macht glücklich, ohne sie kann man es niemals sein.“
„Sie irren. Denken Sie sich einen recht grimmigen Haß, einen recht glühenden Rachedurst. Diesen befriedigt zu sehen, muß auch ein Glück sein!“
„Allerdings, aber ein Glück für einen Teufel“, antwortete er.
Sie erhob mit einem raschen Aufschlag ihrer Augen den Blick zu ihm empor, sah ihn forschend an und fragte:
„Also nehmen Sie doch an, daß auch ein Teufel glücklich sein könne?“
„Ein teuflisches, das heißt, ein verdorbenes Gemüt? Ja, aber nur für einen Augenblick. Ich möchte wohl an einem Beispiel erfahren, wie man dauernd durch Befriedigung seiner Rache sich glücklich fühlen könne.“
Er war jetzt Diplomat, und kein schlechter. Er sprach diese Frage aus, um in ihr Geheimnis einzudringen. Sie durchschaute ihn glücklicherweise nicht und antwortete:
„Ich will versuchen, Ihnen ein Beispiel zu geben. – Denken Sie sich ein Mädchen, jung, schön, edel und gut. Sie besitzt alle Eigenschaften, einen Mann glücklich zu machen. Da kommt ein Bösewicht, welcher sich von ihren Reizen gefesselt fühlt. Er trachtet, ihre Hand zu erlangen, wird aber abgewiesen. Hierauf beginnt er, im stillen seine Minen zu graben. Er bemächtigt sich ihrer Anverwandten; er verführt dieselben, er stürzt sie in Sünde, Laster und Schande und schwört, die Unglücklichen nicht eher wieder loszugeben, als bis sie losgekauft werden. Der Preis ist die Hand des Mädchens.“
„Und dieses? Das Mädchen? Was tut es?“
„Sie reicht dem Bösewicht die Hand, um die Ihrigen zu retten.“
„So hat es wohl nie geliebt oder besitzt ein großes, erhabenes Herz, einen seltenen Opfermut und ein felsenfestes Vertrauen, den Bösewicht durch ihren Einfluß zu bessern.“
„Nein, das will sie nicht. Sie will ihn strafen.“
„Ah. Sie widersprechen sich, Mademoiselle. Vorhin sagten Sie, das Mädchen reiche ihm ihre Hand, um die Ihrigen zu retten, und jetzt sagen Sie, um ihn zu strafen.“
„Ja, sie will ihn strafen, fürchterlich strafen. Er soll in seiner Frau einen Himmel sehen, in den er nie gelangen kann. Er soll in grimmiger Qual nach dem Trank schmachten, der ihm nahe vor der Lippe perlt und dennoch verdursten.“
„Dieses Mädchen ist ein Teufel, Mademoiselle. Sie nannten es vorhin edel und gut. Das gerade Gegenteil konnten Sie sagen. Ein solcher Plan kann nur im Augenblick des höchsten Zorns, der Verzweiflung gefaßt werden, aber kein fühlend Weib wird ihn ausführen. Ein edles, gutes Mädchen wird von einem solchen immerwährenden Henkerwerk zurückschaudern. Denken Sie sich dann die Betreffende mit ihrem Opfer fürs ganze Leben allein, vielleicht auf einer wüsten Insel. Muß sie nicht an dem Anblick des Glückes anderer zugrunde gehen? Vielleicht begegnet sie einem Mann, dem ihr ganzes Sein und Wesen entgegenfliegen möchte, und doch ist sie an ihr Opfer gefesselt. Nun wird sie zum Tantalus, welcher unendliche Qualen erduldet. Ist es notwendig, daß sie den Schuldigen bestraft? Gibt es nicht einen höheren Richter? Ist nicht das wahre Gottvertrauen der größte Schatz des Weibes? Sollte Gott die Ihrigen nicht retten können, ohne daß sie ein so schreckliches Opfer bringt?“
Er hatte recht. Sie hatte den Plan nur im Augenblick des höchsten Zorns gefaßt. Jetzt stellte er ihr denselben in einem Licht dar, vor welchem sie erschrak. Er verstand und begriff sie; er wußte, daß sie von sich selbst gesprochen hatte, und bei diesem Gedanken krampfte sich sein Herz zusammen. Es wurde ihm angst, und in diesem Gefühl ergriff er ihre Hand und fuhr fort:
„Sie entrollen da ein fürchterliches Bild vor mir. Haben Sie es vielleicht Dantes Hölle entlehnt? Ich wiederhole es: Das Weib, von dem Sie sprechen, würde ein Teufel sein; es würde nicht quälen, sondern gequält werden, und zwar durch sich selbst. Es gibt auf Erden keine Lage, welche hoffnungslos ist. Zerreißen Sie dieses Bild, und werfen Sie die Fetzen von sich; sie erregen Abscheu und Ekel!“
Sie hatte ihm aufmerksam zugehört. Die Blässe war von ihren Wangen gewichen; die Röte der Scham hatte auf denselben Platz genommen. Dennoch aber machte sie noch einen Versuch, sich zu verteidigen:
„Wenn es aber keinen anderen Rettungsweg gibt?“
„Wer kann das behaupten, Mademoiselle? Wir Menschen sind kurzsichtig, zuweilen sogar blind. Was uns leicht dünkt, ist oft unmöglich auszuführen, und im Gegenteil ist das, an dessen Gelingen wir verzweifeln möchten, vielleicht ein Kinderspiel. Wer wollte sagen, daß es aus irgendeiner Not keine Hilfe gebe? Sie ist da; sie naht vielleicht schon, aber wir sehen sie nicht.“
„Aber wenn Menschen nicht helfen können?“
„So hilft Gott durch sie, ohne daß sie es wissen und wollen. Er weiß den rechten Weg zur Rettung, nur sollen wir ihm vertrauen und ihm nicht widerstreben.“
Da endlich! Er sah es ihr an, er hatte sie besiegt. Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und sagte:
„Ich danke Ihnen, Monsieur! Ja, Sie sind ein Deutscher, ein wahrer, echter Deutscher!“
„Was wissen Sie von uns Deutschen, Mademoiselle?“
„Daß sie wie die Kinder sind, voller Glauben und Vertrauen, und doch auch echte Männer, welche Gott zwar um Hilfe bitten, ihn aber dabei tüchtig unterstützen“, lächelte sie. „Man sieht es an den Schlachten, welche sie jetzt geschlagen haben.“
Diese parteilose Anerkennung tat ihm wohl. Margot gewann dadurch sehr in seiner Achtung. Noch immer ihre Hand in der seinigen haltend, wagte er zu fragen:
„War es wirklich nur ein Beispiel, welches Sie mir erzählten, Mademoiselle, oder ist dieser Fall im Leben vorgekommen?“
Sie senkte den Blick verlegen zu Boden. Sie wollte ihn nicht belügen; er sah sie so ehrlich an. Und die Wahrheit, durfte sie ihm diese sagen? Endlich antwortete sie zögernd:
„Wenn es ein wirklicher Fall wäre, dürfte man sich da für berechtigt halten, ihn zu erzählen, Monsieur?“
Da wurde er kühn und sagte:
„Ich errate, wessen Fall es ist.“
Eine tiefe Glut bedeckte ihr schönes Gesicht. Erriet er es wirklich? Sie hatte Gedanken gehabt, welche er mit dem Wort teuflisch bezeichnet hatte. Sie wagte nicht, um seine Meinung zu bitten, aber sie sah ihm fragend und zagend entgegen.