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Im Auftrag Seiner Majestät

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Im Auftrag Seiner Majestät
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Da öffnete sich die Tür, und es trat ein alter Herr ein, der einen sehr einfachen Anzug trug und nach einem kurzen Gruß an einem der vorderen Tische Platz nahm. Er bestellte sich eine Tasse Warmbier und war, als er sie erhalten hatte, so mit ihr beschäftigt, daß er sich um die anderen Anwesenden gar nicht kümmerte. Der Kopf dieses alten Herrn war herrlich geformt, hatte eine prächtige Stirn, eine starke, gekrümmte Nase, dunkle, gerötete Wangen und einen feinen Mund, welcher von einem dichten, herabhängenden Schnurrbart beschattet wurde. Zu dem wohlgeformten Kinn paßten die tüchtig ausgearbeiteten Züge und das hellblaue Auge, dessen Blick eine treuherzige Sanftheit besaß, aber auch die Fähigkeit zu besitzen schien, scharf und stechend zu werden.

Der Mann verlangte noch eine Tasse und dann abermals eine. Draußen schien die Sonne heiß hernieder; im Raum des Gastzimmers war es schwül, und so durfte man sich nicht darüber wundern, daß es dem Alten bei dem dampfenden Warmbier etwas zu warm wurde. Er machte gar keine Umstände, sondern zog seinen Rock aus, hing denselben an die Wand und saß nun hemdsärmelig da, als ob dies in Paris etwas ganz und gar nichts Außergewöhnliches sei. Die Herren Franzosen aber, welche diese Nachlässigkeit bemerkten, schienen anders zu denken, denn einer von ihnen meinte: „Wer mag dieser Mensch sein? Geht man denn darum aus, um mit der Hefe des Volkes in einem und dem selben Lokal zu sitzen?“

Sein Nachbar nickte und erklärte:

„Ein Franzose ist er auf keinen Fall. Ein solcher wird es niemals wagen, die Regeln des Anstandes und der guten Sitte in einer solchen Weise zu verletzen. Ich halte ihn vielmehr für einen Deutschen. Diese Barbaren werden es niemals lernen, höflich zu sein. Ihre Kriegsführung ist eine wandalische; ihre Vergnügungen sind roh, und alle ihre Gewohnheiten stoßen ab. Seht euch nur diesen Menschen an! Er ist ein Bauer, ein ungezogener Kohlenbrenner, dem man die Tür zeigten müßte!“

„Warum tun wir das nicht?“ fragte der Dritte. „Warum befehlen wir dem Kellner nicht, diesem Flegel eine Ohrfeige zu geben und ihn dann hinauszuwerfen? Die Deutschen sind Hunde, welche Prügel erhalten müssen!“

Da erhob sich der junge Mann, welcher am Nebentische saß, trat herbei und sagte:

„Messieurs, erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle! Mein Name ist Hugo von Königsau, Lieutenant im Dienste seiner Majestät des Königs von Preußen. Der Herr, von welchem sie soeben gesprochen haben, ist Seine Exzellenz Feldmarschall von Blücher. Ich erwarte, daß Sie alles das, was Sie von ihm und dann von den Deutschen im allgemeinen sagten, hiermit widerrufen!“

Die Leute schienen doch ein wenig zu erschrecken, als sie hörten, daß der von ihnen Beschimpfte der berühmte Marschall sei, vor dem sogar der Stern des großen Napoleon hatte erbleichen müssen. Nur der, welcher zuletzt gesprochen hatte, schien sich nicht werfen lassen zu wollen. Er erhob sich von seinem Stuhl, stellte sich dem Deutschen in drohender Haltung gegenüber und antwortete:

„Monsieur, wir haben ganz und gar nicht den Wunsch geäußert, Ihre Bekanntschaft zu machen; es ist also eine unverzeihliche Zudringlichkeit von Ihnen, sich uns vorzustellen, eine Zudringlichkeit, welche ganz und gar rechtfertigt, was wir von den Deutschen gesagt haben. Was jenen Herrn betrifft, so ist es ganz und gar gleich, ob sich ein Feldmarschall oder ein Schiffer ungezogen beträgt. Wir nehmen nicht einen Buchstaben von den Worten zurück, welche wir ausgesprochen haben!“

„So darf ich wohl um Ihren Namen bitten, Monsieur?“ sagte der Deutsche.

„Ich brauche mich seiner nicht zu schämen. Ich bin Albin Richemonte, Kapitän der kaiserlichen Garde.“

Der Deutsche verbeugte sich höflich und sagte:

„Sie widerrufen also nicht, Herr Kapitän?“

„Nein, kein Wort, keine Silbe, keinen Laut!“ antwortete der Franzose stolz.

Er hatte bemerkt, daß Blücher der Unterhaltung aufmerksam folgte, trotzdem er sich den Anschein gab, als ob er gar nichts höre.

„Sie erklären also den Feldmarschall wirklich für einen Flegel und die Deutschen für Hunde, welche Prügel erhalten müssen?“ fragte Königsau weiter.

„Allerdings“, antwortete Richemonte mit frechem Lachen.

„So werden Sie mir gestatten, Ihnen meinen Sekundanten zu senden!“

„Ah, pah! Ich schlage mich mit keinem Deutschen!“ meinte der Andere verächtlich.

„Wirklich nicht? Das ist ebenso feig wie niederträchtig! Wenn Sie meinen, daß wir Deutschen Hiebe haben müssen, so haben umgekehrt doch gerade jetzt die Franzosen ganz fürchterliche Prügel empfangen. Da Sie dies aber nicht zu wissen oder wenigstens beherzigt zu haben scheinen, so sollen Sie hiermit noch nachträglich das empfangen, was nicht uns, sondern Ihnen gebührt!“

Er holte aus und versetzte dem Franzosen eine ganz gewaltige Ohrfeige, welcher so schnell eine zweite, dritte und noch mehrere folgten, daß der Geschlagene gar nicht Zeit fand, an eine Gegenwehr zu denken. Die anderen waren über die Schnelligkeit und Kraft, mit welcher die Schläge verabreicht wurden, so erstarrt, daß es ihnen gar nicht beikam, ein Glied zu rühren.

Endlich ließ Königsau von dem Franzosen ab. Erst jetzt kam dieser zur Besinnung des Ungeheuerlichen, was mit ihm geschehen war. Er fuhr mit der Hand nach seiner linken Seite, wo sich der Degengriff zu befinden pflegte; da er aber in Zivil war und keine Waffe trug, so zog er die Hand wieder zurück und warf sich auf den Deutschen mit den Worten:

„Hund, du hast mich nur überrascht! Jetzt aber gilt es dein Leben!“

Er holte aus, empfing aber in diesem Augenblick von Königsau einen so gewaltigen Faustschlag in das Gesicht, daß er zurück taumelte und niederstürzte.

Es waren noch mehrere Gäste da, meist Deutsche, welche hier verkehrten, weil sie so den Helden Blücher zu sehen bekamen. Auch ihnen war der blitzschnelle Angriff Königsaus überraschend gekommen; jetzt aber eilten sie hierbei, um ihm nötigenfalls beizustehen. Der Wirt jedoch kam ihnen zuvor. Er erkannte das gefährliche seiner Lage, die Deutschen waren Sieger; er durfte sie, welche jetzt in Paris die Oberhand hatten, nicht beleidigen lassen; daher nahm er mit seinen Leuten den Kapitän der alten Garde in die Mitte und drängte ihn aus dem Gastzimmer in das daneben liegende Privatzimmer hinaus, wo man den Gezüchtigten noch lange toben hörte.

Nach den erzählten Vorfällen stand endlich Blücher auf, trat zu Königsau heran, klopfte ihm auf die Achsel und sagte in höchst wohlwollendem Ton:

„Das hast du sehr gut und brav gemacht, mein Sohn! Wer keine Genugtuung geben will, der muß Keile kriegen, und die hat es gesetzt, ganz gewaltig. Ich hatte auch gehört, was diese Halunken sagten, und ich hätte ihnen, weiß Gott, ein Tüchtiges über den Schnabel gehauen, wenn du mir nicht zuvorgekommen wärest. Wie ist dein Name, mein Sohn?“

Der Lieutenant wunderte sich nicht über die kernige Redeweise des Marschalls; man war sie von ihm gewohnt; auch wußte man, daß er, wenn er sich in guter Stimmung befand, selbst hohe Stabsoffiziere mit ‚Du‘ anredet; es war dies eine ganz besondere Ehre für den Betreffenden. Er antwortete in militärisch strammer Haltung:

„Hugo von Königsau, Exzellenz.“

„Und du bist Offizier, mein Sohn?“

„Lieutenant bei den Ziethenhusaren, Exzellenz.“

„Lieutenant?“ brummte der Alte. „Ein Kerl, der so zuhauen kann, erst Lieutenant? Du sollst Rittmeister werden, mein Sohn. Komm morgen früh zu mir, da wollen wir die Sache in Ordnung bringen. Jetzt aber trinkst du ein Schüppchen Warmbier mit mir und ziehst deinen Gottfried geradeso aus wie ich; es ist verdammt warm in diesem Haus, wenn draußen die Sonne brennt und innen das Warmbier. Komm, Junge, und geniere dich nicht. Wir sind alle Menschen, und wegen dieser verdammten Franzmänner schmore ich mir nicht mein Fleisch von den Knochen herunter!“

Königsau mußte gehorchen. Er setzte sich zu dem Marschall an den Tisch, zog seinen Rock auch herunter und unterhielt sich nun hemdsärmelig mit ihm, als ob er einen Kameraden vor sich habe. Die Vertraulichkeit des Alten brachte ihn nicht im mindesten in Verlegenheit. Man kannte Blücher zur Genüge, und keiner seiner Offiziere ließ sich gegebenenfalls dadurch aus der Fassung bringen. Kam es doch häufig vor, daß der Alte mitten auf der Straße seine Pfeife an dem Stummel eines Landwehrmannes in Brand setzte und dann mit einem Fluch zu diesem sagte:

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