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Die Jahre des Schwarzen Todes [Doomsday Book - de]

Электронная книга - «Die Jahre des Schwarzen Todes [Doomsday Book - de]». Краткое содержание книги:

Eine faszinierende Reise in die finsterste Zeit des Mittelalters.
Es sollte das größte Abenteuer ihres Lebens werden: Die junge Kivrin wird aus dem Jahr 2054 ins mittelalterliche England geschickt. Doch bei der Übertragung kommt es zu Problemen, und so landet die Geschichtsstudentin nicht wie geplant im Jahr 1320, sondern im Jahr 1348 — dem Todesjahr, in dem die Pest England entvölkerte. Und eine Rückkehr in die Zukunft scheint unmöglich zu sein …
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»Ah, gut«, sagte der Priester. »Sie wünschte es sich so sehnlich. Und welch ein Glück, daß ihr dies alles erspart bleibt.«

»Ja«, sagte Dunworthy. »Bitte entschuldigen Sie mich, ich denke, ich sollte meinen Text wenigstens einmal überfliegen, bevor ich ihn vorlese.«

Er betrat das Kirchenschiff. Hier war es noch wärmer, und die Luft roch stark nach feuchter Wolle und feuchtem Stein. Kerzen flackerten matt in den Fenstern und auf dem Altar. Die Schellenläuter stellten vor der Kommunionbank zwei große Tische auf und bedeckten sie mit schwerem, rotem Wollstoff. Dunworthy trat ans Lesepult und schlug die angegebene Textstelle des Lukasevangeliums auf.

»In jenen Tagen erging ein Erlaß des Kaisers Augustus, daß das ganze Land geschätzt werde.« Die von Jakob I. veranlaßte englische Bibelübersetzung ist archaisch, dachte er. Und wo Kivrin ist, wird man sie erst in zweihundertfünfzig Jahren kennen.

Er ging wieder in die Vorhalle hinaus zu Colin. Noch immer strömten Menschen herein. Der Priester der Heiligen Reformierten Kirche und der moslemische Imam gingen weitere Klappstühle holen, und der Vikar beschäftigte sich mit den Thermostaten der Heizungsanlage.

»Ich habe uns zwei Sitze in der zweiten Reihe reserviert«, sagte Colin. »Wissen Sie, was Mrs. Gaddson beim Tee machte? Sie warf mein Kaubonbon weg. Sie sagte, es sei voller Krankheitskeime. Ich bin froh, daß meine Mutter nicht so ist.«

Er ordnete seinen Stoß gefalteter Gottesdienstordnungen, der erheblich geschrumpft war. »Ich glaube, ihre Geschenke kamen wegen der Quarantäne nicht durch, wissen Sie. Ich meine, wahrscheinlich mußten Lebensmittel und Medikamente vordringlich befördert werden.«

»Sehr wahrscheinlich«, sagte Dunworthy. »Wann möchtest du deine anderen Weihnachtspäckchen öffnen? Heute abend oder morgen früh?«

Colin versuchte nonchalant auszusehen. »Am Weihnachtsmorgen, bitte.« Er beschenkte eine Dame in gelbem Regenumhang mit einer Gottesdienstordnung und einem blendenden Lächeln.

»Na«, sagte sie und entriß ihm das Papier, »es freut mich zu sehen, daß jemand noch in Weihnachtsstimmung ist, obwohl wir von einer tödlichen Epidemie bedroht sind.«

Dunworthy ging ins Kirchenschiff und setzte sich auf den freigehaltenen Platz. Die Bemühungen des Vikars mit den Thermostaten schienen nichts bewirkt zu haben. Er zog den Mantel aus, nahm den Schal ab und legte beides über den Stuhl neben sich.

Letztes Jahr war es eiskalt gewesen. »Extrem authentisch«, hatte Kivrin ihm zugeflüstert, »und erst das Weihnachtsevangelium! ›Damals luden die Politiker den Steuerzahlern zur Veranlagung einen Marsch auf‹«, hatte sie die neuzeitliche Bibelübersetzung zitiert und grinsend hinzugefügt: »Im Mittelalter war die Bibel wenigstens in einer Sprache, die die Leute nicht verstanden.«

Colin kam und setzte sich auf Dunworthys Mantel und Schal. Der Priester der Heiligen Reformierten Kirche zwängte sich an den Tischen der Schellenläuter vorbei zum Altar. »Lasset uns beten«, sagte er.

Es gab ein allgemeines Geraschel von Kleidern und Knarren von Bänken, und alle knieten nieder.

»O Gott, der uns diese Prüfung gesandt hat, sage zu Deinem Racheengel, halt ein und lasse das Land nicht veröden und vernichte nicht jede lebende Seele. Wie in jenen Tagen, als der Herr eine Pestilenz über Israel kommen ließ und von Dan bis Bersheba siebzigtausend Menschen starben, so sind auch wir heute vom Leid umgeben und flehen Dich an, nimm die Geißel Deines Zornes von dem Gläubigen.«

Die Rohre der alten Heizungsanlage begannen dröhnend zu klappern, aber es schien den Priester nicht zu stören. Er fuhr gute fünf Minuten lang fort, eine Anzahl von Fällen aufzuzählen, in denen Gott die Ungerechten und Sündhaften geschlagen und »Seuchen über sie gebracht« habe, dann forderte er alle auf, sich zu erheben und »Gott hüte und beschütze uns, halt Not und Schrecken fern« zu singen.

Montoya kam hereingeschlüpft und zwängte sich zwischen Dunworthy und Colin. »Ich habe den ganzen Tag im Gesundheitsamt verbracht und versucht, eine Ausnahmegenehmigung zu bekommen«, flüsterte sie. »Die Leute scheinen zu glauben, ich hätte die Absicht, herumzulaufen und das Virus zu verbreiten. Ich sagte ihnen immer wieder, daß ich nur zur Ausgrabung fahren würde, daß es dort draußen niemanden gibt, den ich infizieren könnte, aber glauben Sie, die würden auf einen hören?«

Sie wandte sich zu Colin. »Wenn ich die Ausnahmegenehmigung bekomme, werde ich freiwillige Helfer brauchen. Hättest du Lust, Skelette auszugraben?«

»Das geht nicht«, sagte Dunworthy hastig. »Seine Großtante würde es nicht erlauben.« Er beugte sich näher und flüsterte ihr ins Ohr: »Wir versuchen zu ermitteln, wo Badri Chaudhuri sich am Montag zwischen zwölf und halb drei aufgehalten hat. Haben Sie ihn gesehen?«

»Schhh«, machte eine Frau in der Bank hinter ihnen.

Montoya schüttelte den Kopf. »Ich war mit Kivrin zusammen. Wir beschäftigten uns mit der Karte und dem Lageplan von Skendgate«, flüsterte sie zurück.

»Wo? Bei der Ausgrabung?«

»Nein, im Brasenose.«

»Und Badri war nicht dort?« fragte er, aber tatsächlich hatte es für Badri keinen Grund gegeben, im College zu sein. Er hatte Badri erst im Laufe eines Gesprächs mit ihm nach halb drei gebeten, die Absetzoperation durchzuführen.

»Nein«, flüsterte Montoya.

»Schhh!« zischte die Frau.

»Wie lange waren Sie mit Kivrin zusammen?«

»Von zehn bis sie zur Untersuchung in die Klinik mußte; um drei, glaube ich«, flüsterte Montoya.

»SCHHH!«

»Ich muß gehen und ein ›Gebet an den Großen Geist‹ verlesen«, flüsterte Montoya, stand auf und schlängelte sich durch die Bankreihe hinaus.

Sie las ihr indianisches Gebet, worauf die Schellenläuter, die weiße Handschuhe und entschlossene Mienen zur Schau trugen, »So komm herab, o Jesu Christ« läuteten, was dem metallisch schlagenden Geräusch in den Heizungsrohren nicht unähnlich klang.

»Die sind absolut nekrotisch, nicht?« flüsterte Colin hinter seiner Gottesdienstordnung.

»Das ist atonal. Spätes 20. Jahrhundert«, flüsterte Dunworthy zurück. »Es soll scheußlich klingen.«

Als die Schellenläuter fertig zu sein schienen, betrat Dunworthy das Lesepult und las aus dem Lukasevangelium: »In jenen Tagen erging ein Erlaß des Kaisers Augustus, daß das ganze Land geschätzt werde…«

Montoya hatte sich ins Seitenschiff verdrückt und war zum Seiteneingang hinausgeschlüpft. Er hatte sie fragen wollen, ob sie Badri überhaupt am Montag oder Dienstag gesehen hatte oder von irgendwelchen Amerikanern wüßte, mit denen er zusammengekommen sein könnte.

Er konnte sie am nächsten Tag fragen, wenn sie zur Blutuntersuchung gingen. Das Wichtigste hatte er jedenfalls festgestellt: daß Kivrin am Montagnachmittag nicht mit Badri zusammengetroffen war. Montoya hatte gesagt, sie sei von zehn bis drei mit ihr zusammengewesen und dann sei Kivrin zur Klinik gegangen. Um diese Zeit aber war Badri bereits bei ihm im Balliol College gewesen, außerdem war er erst um zwölf aus London gekommen, folglich konnte er sie nicht infiziert haben.

»Der Engel aber sprach zu ihnen: ›Fürchtet euch nicht. Seht, ich verkünde euch eine große Freude, die allem Volke zuteil werden soll…‹«

Niemand schien seiner Lesung Aufmerksamkeit zu schenken. Die Frau, die vorher gezischt hatte, mühte sich aus ihrem Mantel, und alle anderen hatten ihre Mäntel bereits abgelegt und fächelten sich mit ihren Exemplaren der Gottesdienstordnung Luft zu.

Er dachte an Kivrin, an den ökumenischen Gottesdienst des vergangenen Jahres, wie sie in der kalten Kirche gekniet und während seiner Lesung in hingerissener Spannung zu ihm geblickt hatte. Aber auch sie hatte nicht zugehört. Sie hatte sich den Weihnachtsabend im Jahre 1320 vorgestellt, als das Evangelium auf lateinisch gelesen worden war, aber sonst alles ziemlich ähnlich gewesen sein mußte.

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