Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
1990 war die auffallendste oppositionelle Struktur außerhalb des Systems die Nationalbolschewistische Partei (NBP), eine Erfindung des bekannten Schriftstellers Eduard Limonow (Sawenko), Autor der furiosen Romane Fuck off America, Tagebuch eines Pechvogels und Der Henker. Eigentlich hat man die NBP mehr als Art-Projekt von Limonow denn als politische Organisation gesehen, und sie war es womöglich auch. Aber die Verfolgung der Nationalbolschewiken war durchaus kein Pappenstiel, wirkte ganz und gar unliterarisch und war ernst gemeint, besonders zu Putins Zeiten. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gingen sowohl Limonow als auch einige Dutzend seiner Mitstreiter den Weg durch die Gefängnisse.
Eine neue Opposition außerhalb des Systems entstand 2005, als eine Gruppe russischer Medienstars – unter denen die Journalisten Julia Latynina und Sergei Parchomenko hervorzuheben sind – das sogenannte Komitee 2008 gründete. Zu ihrem Vorsitzenden wählten sie den Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow. Das Komitee 2008 stellte sich die ambitionierte Aufgabe, die Operation »Nachfolger« von 2008 zu verhindern. Allerdings wurden die Aktivitäten dieser informellen Struktur recht bald eingestellt. Zum einen lag es daran, dass die Leute vom Komitee keinen Lösungsplan für ihre Aufgabe finden konnten, zum anderen hatte sich herausgestellt, dass das Schachspiel etwas Individuelles und kein Mannschaftssport ist und dass Garri Kasparow als Einigungspolitiker nicht sonderlich taugt, weil er ganz klar und deutlich nicht in der Lage ist, den Ball weiterzuspielen.
Ein viel gewichtigeres und pompöseres Experiment wurde 2006 unternommen. Damals schufen die »Systemgegner« praktisch in voller Besetzung die Koalition »Anderes Russland«. Ihren Gründungskongress veranstalteten sie im Zentrum von Moskau, im Fünf-Sterne-Hotel Renaissance auf dem Olimpijskiprospekt. Vorsitzende von »Anderes Russland« wurden Garri Kasparow, Eduard Limonow und der ehemalige Ministerpräsident des Landes Michail Kassjanow, der dem Projekt zu zusätzlichem Glanz und allgemeiner Anerkennung verhalf. (Kassjanow ist bekannt als Politiker, der sich gut zu kleiden und teure Brillen richtig zu tragen weiß.) Selbst der Autor dieser Zeilen gehörte zu den aktiven Teilnehmern der Gründungsveranstaltung und hielt dort eine flammende Rede.
Zu jenem Zeitpunkt waren die Erinnerungen an die »Orangene Revolution« in der Ukraine (2004) noch frisch. Für einen langen Zeitraum wurde sie für die russischen maßlosen Oppositionellen zum Musterbeispiel. Und der Geruch dieser Revolution schwebte über den Versammelten im Hotel Renaissance, ähnlich wie der Diamantenstaub in der Hausknechtwohnung im Roman Zwölf Stühle von Ilf und Petrow.
Übrigens musste auch das »Andere Russland« die Erwartungen seiner ständigen und situativen Anhänger enttäuschen. Fast augenblicklich setzte zwischen Kassjanow, Kasparow und Limonow ein stiller, aber erbitterter Kampf um die Vorherrschaft ein, besonders in der Frage um die Benennung eines gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten der Koalition. (Als hätte der Kreml die Registrierung dieses Kandidaten zugelassen, haha.) Anfangs meinte man (stillschweigend), von der gesamten systemfeindlichen Opposition müsse Kassjanow der Anwärter auf den höchsten staatlichen Posten von Russland werden. Er war der Achtbarste der Troika, der sich in der bürokratischen Umgebung am besten positioniert hatte. Diesen Standpunkt nahm auch Limonow ein, auch wenn er in ideologischer Hinsicht dem Ex-Ministerpräsidenten recht fremd war. Kasparow jedoch hatte ganz andere Ansichten: Er schlug anfangs das ehemalige Oberhaupt der russischen Zentralbank, Viktor Geraschtschenko, vor, mit dem die Linken einverstanden waren, und dann sich selbst, womit niemand einverstanden war, außer der Schachspieler selbst sowie sein engster Mitstreiter und Berater – seine Mutter Klara Schagenowna Kasparowa.
Schließlich zerfiel »Anderes Russland« ganz banal bereits im Herbst 2007, weil es dem Druck des inneren Widerspruchs nicht standgehalten hatte. Zuerst löste sich Kassjanow ab, der beleidigt war, dass seine Kandidatur auf den Präsidentenposten keinen Konsens gefunden hatte. Dann verließen viele unabhängige Weggefährten wie ich die Koalition, die eingesehen hatten, dass hier nichts zu erwarten war.
Abgelöst wurde »Anderes Russland« außerhalb des Systems durch die sogenannte Nationale Assemblee, die sich als »Gegenparlament« positionierte. Initiatoren des Projekts waren ebenfalls Kasparow und Limonow. Bemerkenswert ist dieses Projekt nur dadurch, dass in diesem Zusammenhang zum ersten Mal der russische Schriftsteller Dmitri Bykow als Mensch mit politischen Ambitionen von sich reden machte. Er ist der wichtigste und einer der leistungsfähigsten Vielschreiber des gegenwärtigen Russland, Autor der klassischen, tonnenschweren Biografien von Boris Pasternak und Bulat Okudschawa.
Wie der Literaturkritiker Viktor Toporow (der während einer Operation 2013 starb) später sagte, bestand das Hauptergebnis der nationalen Proteste in einem so starken Wachstum von Dmitri Bykows Popularität, dass er schließlich für einen öffentlichen Auftritt etwa 10 000 Dollar verlangen konnte. Überflüssig zu sagen, dass die Nationale Assemblee erledigt war, bevor es überhaupt losging. Heute erinnert sich praktisch niemand an sie, nicht einmal diejenigen, die zu ihren formellen Mitgliedern gehörten (ich habe ein entsprechendes Experiment gemacht, es dient mir als Bestätigung.)
Allerdings schöpfte die russische Opposition außerhalb des Systems 2010 wieder Hoffnung. Wie ein russischer Klassiker es formulierte: Es drang ein Lichtstrahl ins Reich der Finsternis. Diese Hoffnung trug einen konkreten Namen – Alexei Nawalny. Über ihn ist noch genauer zu sprechen, denn heute ist er unstreitig der wichtigste Oppositionelle von Russland. Und noch hat er diesen Status ungeachtet vieler Nebenumstände nicht eingebüßt.
Er ist der ehemalige stellvertretende Leiter der Moskauer Organisation der Partei Jabloko und Initiator der ersten nationaldemokratischen Bewegung in der postsowjetischen Zeit, die eine Ideologie des postimperialen Nationalismus europäischen Musters predigt – Narod (Nationale Befreiungsbewegung von Russland). Das heißt, wir haben hier einen jungen, 1976 geborenen Politiker, der rechtzeitig begriffen hatte, dass Nationalismus nicht unbedingt etwas Muffiges sein muss, was nach saurer Kohlsuppe und abgetragenen Bastschuhen riecht, sondern dass Nationalismus und Demokratie durchaus vereinbar sind. Mehr noch: dass diese Verbindung bekanntlich eine Stütze der heutigen, zivilisierten, europäischen Politik ist. Und wenn Russland seine schwärenden europäischen Komplexe auskurieren und endlich ein europäisches Land werden will, dann ist die Nationaldemokratie eines der geeignetsten und klügsten Rezepte.
Nawalnys politische Karriere hat sich, wenn auch außerhalb der offiziellen Kreise, zielstrebig entwickelt. Mit großem Abstand zu seinen Konkurrenten – zu denen die zum damaligen Zeitpunkt bekanntesten Politiker gehörten, darunter Boris Nemzow und der einflussreiche Geschäftsmann Michail Prochorow – gewann er Anfang 2010 die im russischen Internet ausgetragenen, von der einflussreichen Zeitung Kommersant und dem Internetportal Gazeta.ru organisierten virtuellen Bürgermeisterwahlen für Moskau, indem er mehr als 40 Prozent der Stimmen erhielt. Dann konnte Nawalny gleichzeitig effektiv und effektvoll einige Korruptionsfälle entlarven, vor allem den Raub von 4 Milliarden Dollar aus der staatlichen Firmengruppe Transneft auf den Baustellen der Eastern Siberia–Pacific Ocean oil pipeline (ESPO).