Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Ja, die RuBiBü machen nicht die Mehrheit der Bevölkerung des Landes aus. Aber wie immer in der Geschichte sind sie es, die die politische Mode und den Trend angeben. In diesem Sinne sind die Gedanken der 50 000 Menschen auf dem Moskauer Bolotnajaplatz wichtiger als die bewussten oder unbewussten Überzeugungen von 100 Mitarbeitern des Waggonbetriebs Uralwagonzawod in Nischne Tagilsk, wo Putin während seiner Wahlkampagne 2012 ständiger Gast war. (Nach seiner Wahl ernannte Putin den Abteilungsleiter Igor Cholmanskich, der sich durch besonders heftige Ergüsse seiner Ergebenheit gegenüber dem Präsidenten hervorgetan hatte, zu seinem Generalbevollmächtigten des Föderationskreises Ural.)
Das Land befindet sich mittlerweile in der Phase einer zweiten Perestroika, die wie die erste unter Michail Gorbatschow nach einer eigenen Führungsperson verlangt. Fünfundzwanzig Jahre lang war Boris Jelzin eine solche Führungsperson. Heute ist es Alexei Nawalny, der, wie sich herausstellte, fast alle an einen Tisch bringen kann – von den Ultranationalisten bis zu den ultraliberalen Kosmopoliten. Wie auch im Fall von Boris Jelzin gelingt ihm das, weil es ihm an einer wie auch immer gearteten Ideologie fehlt, wenn auch nicht nur deswegen.
Der Auslöser der Explosion dieser neuen Perestroika wurde der 24. September 2011. Es war der Tag der traurigen Rochade von Putin und Medwedew. Wäre sie nicht gewesen, hätten wir noch lange auf die Versammlung der Massen auf dem Bolotnajaplatz und auf dem Sacharowprospekt warten können, und die systemtreuen Liberalen würden uns bis heute etwas von dem »aussichtsreichen jungen Frontmann« Medwedew erzählen, der nur noch ein wenig Zeit braucht, um endgültig aus dem Schatten seines politischen, despotischen Vaters zu treten.
Nawalny ist das Symbol dieser Perestroika und ein Kind dieser Rochade.
Kapitel 21: Der späte Putin – Die zweite Perestroika und der Aufstand des Bildungsbürgertums
Die späte Putin-Ära begann am 24. September 2011. An diesem Sonntag wurde auf dem Kongress der regierenden Partei »Einiges Russland« (die eigentlich nur dem Kreml untergeordnet ist) die sogenannte Rochade verkündet: Dmitri Medwedew würde die nächste Präsidentschaftsperiode nicht antreten, sondern Ministerpräsident werden, und in den Kreml sollte Wladimir Putin persönlich zurückkehren.
Diese Nachricht rief bei dem aktiven Teil des russischen Volkes Enttäuschung hervor, die an eine unverhohlene Gereiztheit grenzte. Bis zur Verlautbarung der Rochade hatten viele geglaubt (oder glauben wollen), dass der »liberale« Medwedew Staatsoberhaupt bleibt und für die Dauer seiner zweiten sechsjährigen Amtszeit (2012 bis 2018) prinzipiell und qualitativ aus der politischen Abhängigkeit seines Patrons WWP tritt. Auch ich wollte das glauben. Nicht weil ich einen wie auch immer gearteten wesentlichen ideell-praktischen Unterschied zwischen Medwedew und Putin gesehen hätte, sondern vielmehr weil ich einen solchen Unterschied nicht sah.
Ich meinte, für das Regime sei es objektiv vorteilhafter, den Pseudoliberalen auf dem Thron zu lassen, um es einerseits den aktiven Russen und dem Westen recht zu machen und damit andererseits die Macht in den Händen der Putin-Jelzin-Elite bliebe. Mit meiner Überzeugung stand ich nicht allein. Meinen Standpunkt vertraten auch andere, die besser informiert sind als ich, zum Beispiel der damalige Vize-Premier der Regierung und Finanzminister Alexei Kudrin oder die Ikone der liberalen Reformen und Chef des Rosnano-Konzerns Anatoli Tschubais, der 2010 in einem Interview mit der Zeitung Sobessednik eine zweite Amtszeit von Medwedew geradezu prophezeit hatte.
Igor Jurgens, der informell einflussreiche Berater von Medwedew und Präsident des Instituts für moderne Entwicklung (INSOR), überredete in den Hinterzimmern des Internationalen Forums von Jaroslaw, das im September 2011, wenige Wochen (!) vor der Rochade stattfand, die Veranstaltungsteilnehmer mit ungefähr folgenden Worten: »Seht ihr etwa nicht, dass Präsident (Medwedew) schon beschlossen hat, für eine zweite Amtszeit zu bleiben?«
Im selben Jahr antwortete auch Ministerpräsident Wladimir Putin bei einem Staatsbesuch in Schweden auf die Frage nach dem nächsten Präsidenten Russlands: »Es gibt eine Entscheidung, sie wird Ihnen gefallen.« Wohl kaum hatte er damit die Rochade gemeint – denn der progressiven Öffentlichkeit sowohl in Russland als auch umso mehr im Westen konnte sie nicht gefallen.
Es gibt verschiedene Theorien, warum Putin sich dennoch entschloss, auf den Präsidentenposten zurückzukehren. Die einfachste und häufigste lautet, dass dieser Plan von Anfang an bestand und Medwedew nur eine Marionette war. Wie jeder einfache Gedanke scheint das sehr überzeugend. Aber erstens entspricht diese Theorie nicht ganz der Einstellung informierter und hochgestellter Personen, von denen weiter oben die Rede war. Und zweitens agierte Putins Nachfolger im höchsten staatlichen Amt in vielen Fragen durchaus selbstständig, ohne auf unseren (und seinen) Helden Rücksicht zu nehmen.
Medwedew hatte ja eine Reform des Innenministeriums von Russland initiiert (auch wenn sie in vieler Hinsicht aus Pappe war). Mit dieser Reform wurde die Miliz in Polizei umbenannt, und man wechselte ungefähr zweihundert hochrangige Generäle innerhalb des Innenministeriums aus. Es war ebenfalls Medwedew, der den Begriff der »Modernisierung« aufbrachte, woran sich heute, in Putins dritter Amtszeit, fast niemand mehr erinnert. Außerdem ist ihm die Innovationsoase Skolkowo in der Nähe von Moskau zu verdanken (unter Medwedew sollte sie zum Blühen gebracht werden, doch nun stirbt sie, ohne wirklich existiert zu haben, und ist zum Objekt unzähliger Überprüfungen seitens der Staatsanwaltschaft und der Untersuchungsbehörden geworden). Nein, ich wage zu behaupten, dass die Rückkehr von Putin nicht vorgesehen war. Mehr noch: Ende 2010, Anfang 2011 wuchs in Medwedews Umgebung die Überzeugung, dass der Chef seinen Posten nicht frag- und klaglos räumen würde.
Dafür reicht es, ein einfaches, aber wichtiges Beispiel anzuführen. Der erste Stellvertreter des Leiters der Präsidentenadministration und langjährige Kurator der Innenpolitik des Kremls Wladislaw Surkow, der als exklusiver Kenner der Intrigen und Ränkespiele innerhalb des russischen Machtapparats bekannt ist, setzte Ende 2010 ganz eindeutig auf eine zweite Amtszeit von Medwedew und warf in dieser Hinsicht die innenpolitische Maschinerie an. Deswegen büßte er im Dezember 2011 auch sein Kreml-Amt ein, als der zurückkehrende Putin eine neue Administration zusammenstellte. Surkow wechselte in Putins neuer Mannschaft auf einen verhältnismäßig hohen Leitungsposten im Apparat, den er jedoch bereits im Mai 2013 verlor: Der Widerspruch zwischen ihm und der modernen Mannschaft von Putins Top-Bürokraten (Sergei Iwanow, Wjatscheslaw Wolodin) erwies sich als zu groß, als dass sie in einer »Machtvertikale« hätten zusammenarbeiten können.
Was hat Putin also zu seiner Rückkehr bewegt?
Ich neige zu der Ansicht, dass der »arabische Frühling« 2010, die Folge von Revolutionen in den Ländern von Nahost und Nordafrika, keine geringe Rolle gespielt hat. Wie auch bei den »Blumenrevolutionen« im postsowjetischen Raum 2003 bis 2005 glaubte unser Held nicht an eine Spontaneität der Prozesse oder daran, dass der aktive Teil der Bevölkerung damit auf seine autoritären Anführer reagierte, die ein System totaler Korruption im Staatsapparat zementiert hatten und ihre Posten nicht räumen wollten. Unser argwöhnischer WWP war erneut der Auffassung, dass der Westen mit den ihm loyalen Autokraten kurzen Prozess machen und ein lenkbares Chaos schaffen wollte.