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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Mit all diesen Anklagen beschäftigte sich das Ermittlungskomitee von Russland, das allein Wladimir Putin unterstellt ist. Sein Oberhaupt ist Alexander Bastrykin, der sich den Beinamen »Ältester« erworben hat, weil er der Älteste in Putins Studentengruppe in der Leningrader Schdanow-Universität gewesen war (1970 bis 1975). Man kennt ihn für seine hündische Ergebenheit, die er ausschließlich seinem Patron gegenüber zeigt. Denn unter den Beobachtern und überhaupt unter der progressiven russischen Öffentlichkeit hat sich die feste Überzeugung herausgebildet, dass es der Präsident persönlich war, der die Attacke gegen den frisch gebackenen Top-Oppositionellen genehmigt hatte.

Es ist durchaus möglich, dass diese Version stimmt. Putin ist ein Mensch mit einer zutiefst entwickelten Intuition. Er zieht eine intuitive Welterkenntnis der diskursiven (rationalen) vor. Dass Nawalny eine Gefahr darstellt, fühlte er sofort (wahrscheinlich irgendwann 2011). Es war eine diffuse Bedrohung, wie sie der große Meister Joda aus der Kultserie Star Wars in dem kleinen Anakin Skywalker erkannte, welcher sich im Laufe der Zeit in den Bösewicht Darth Vader verwandelte. Zuvor hatte er eine ähnliche Gefahr nur in Michail Chodorkowski erkannt, weswegen er ihn für dreizehn Jahre ins Gefängnis bracht (die dann zu elf Jahren wurden.)

Soweit wir diese durchdringende Lasertechnik verstehen und die geradezu weibliche Logik von Putin rekonstruieren können, erkannte das Staatsoberhaupt in dem jungen Mann:

•einen pathologischen Machthunger (den WWP selbst nie hatte oder hat, da ihm die Macht, wie wir bereits wissen, wie ein überreifer Apfel im Herbstgarten der russischen Geschichte auf den Kopf gefallen ist);

•eine absolutes, laborreines Fehlen einer Ideologie – derartige Oppositionelle bewaffnen sich zu einem konkreten Zeitpunkt stets mit den Ideen, die zur Überwindung einer weiteren Hürde auf dem Weg zur Macht nötig sind, da kann man Gift drauf nehmen;

•eine Soziopathie, das heißt ein Fehlen menschlicher Verbindlichkeiten. Für Nawalny gibt es weder Freunde noch Feinde, weder geliebte noch verhasste Menschen, die gesamte Menschheit besteht für ihn nur aus nützlichen und unnützen Menschen, und das auch nur in einem bestimmten Moment. Putin hingegen ist ein Produkt seiner menschlichen Verbindlichkeiten (dank deren sich seine ungezählten Freunde im heutigen Russland quietschfidel fühlen) und findet Soziopathen und Soziopathie verdächtig.

Vor allem ist Alexei Nawalny jung und bildschön (eine blonde Bestie, kein Südländer, es gibt nichts Asiatisches in seinem Äußeren, eine Seltenheit für das historische Russland, wo in jedem Russen ein kleiner Tatare, Jude oder Tschetschene steckt). Er hat alles, um die Macht in der entscheidenden Phase der Existenz Russlands zu ergreifen. Über Nawalny und das Geheimnis seines lokalen Erfolges werden wir im letzten Kapitel eingehender sprechen.

Außerdem ist womöglich das machtvolle Oberhaupt Tschetscheniens, Ramsan Kadyrow, ernsthaft böse auf Herrn Nawalny. Der Oppositionelle hatte ihn auf unkorrekte Weise mit üblen Worten belegt. Nein, im einfachen europäischen Sinne des Wortes ist General Kadyrow nicht empfindlich. Wenn man ihn einen großen Schurken nennt, dann ist er sogar zufrieden. Aber nie und nimmer darf man davon sprechen, dass er sich von Bergtieren sexuell angezogen fühlt – so etwas kann dieser Mann tschetschenischer Prägung nicht verzeihen, seine ethnische Ethik erlaubt es ihm nicht.

In letzter Zeit kursieren Gerüchte, es habe 2012 sogar den Plan gegeben, Nawalny zu vernichten. Doch die Abrechnung wurde im letzten Moment vom Kreml aufgehalten, der wusste, dass ein solches Szenario einer politischen Katastrophe gleichgekommen wäre. Ich übernehme es nicht, die Glaubwürdigkeit dieser Gerüchte einzuschätzen. Man nehme sie nur zur Kenntnis. Schließlich ist es möglich, dass dieses Buch eine Fortsetzung findet.

Im Endeffekt verschaffte der Strafprozess gegen Nawalny beim Gericht der Stadt Kirow dem Oppositionellen einen neuen Aufschwung und brachte ihn direkt zu den Bürgermeisterwahlen nach Moskau. Es waren vorgezogene Wahlen, die auf Initiative des Stadthauptmanns Sergei Sobjanin für den Juni angesetzt wurden, um damit, wie es hieß, bei einer landesweiten Wiedereinführung direkter Wahlen den Machthaber in der Hauptstadt zu legitimieren, den Ex-Präsident Dmitri Medwedew 2010 zuvor im Alleingang festgelegt hatte.

Was für Putin und seine Opposition aus dieser Legitimierung folgte, darüber werden wir im nächsten Kapitel sprechen. Vorerst möchte ich nur sagen, dass Nawalny endgültig zum Idol aller protestierenden Schichten wurde, nachdem er nicht weniger als 27,24 Prozent der Stimmen erhalten hatte. Das lag vor allem daran, dass er am 17. Juli in der Strafsache »Kirowles« zu fünf Jahren Haft verurteilt worden war. Das wiederum löste größte Empörung unter denen aus, die Putin nicht mögen. Am nächsten Tag, dem 18. Juli, entließ man ihn aus dem Gefängnis auf sensationelle Weise mit einer Meldeverpflichtung – bis zur Prüfung des Berufungsantrags des Angeklagten. Damit gab man ihm die Möglichkeit, an den Wahlen teilzunehmen und für eigene Interessen die gesamte bösartige und gutartige Protestenergie einzusetzen, die sich in der 15-Millionen-Hauptstadt angesammelt hatte.

Putin hat sich lange Jahre nicht mit der russischen Opposition auseinandergesetzt, weil er es nicht musste. Ich kenne die Opposition wie meine Westentasche. Die oppositionelle Tätigkeit in der postsowjetischen Russischen Föderation ist schon lange die wichtigste Form des Business geworden. Hierbei werden Wählerstimmen oder der Enthusiasmus im Volk (der sich etwa in der Energie auf dem Bolotnajaplatz ausdrückte) gegen Geld getauscht, mehr nicht. Deswegen trifft man in oppositionellen Kreisen nicht weniger Gauner und Diebe an als in der Regierungspartei, die im Volk als Partei der Gauner und Diebe bezeichnet wird. Nur verdient die eine Kategorie an ihrer Kreml-Nähe, die andere an einem demonstrativen Kampf gegen ihn. Darin liegt der ganze Unterschied.

Das grundlegende Schema für die Arbeit der Opposition in der Russischen Föderation innerhalb der letzten zwanzig Jahre lässt sich weitgehend zutreffend folgendermaßen beschreiben:

•Die Unversöhnlichkeit mit dem »blutigen Regime« (von Jelzin oder Putin) verkünden.

•Sich an potenzielle Sponsoren wenden (im Wesentlichen alle möglichen Flüchtlinge, die wegen Wirtschaftsvergehen gesucht werden) und sie um 100 Millionen Dollar für die Durchführung einer Revolution in der Russischen Föderation bitten.

•Gleich darauf im Kreml vorstellig werden und behaupten, man sei für 1 Million Dollar und jährlich sieben Fernsehauftritte im Ersten Kanal bereit, auf eine Revolution in der Russischen Föderation zu verzichten.

•Das Geld aus Punkt 2 und 3 teilweise erhalten.

•Verkünden, dass nichts zu ändern ist, solange Putin an der Macht bleibt.

•Verkünden, dass Putin niemals von der Macht lassen wird und man deswegen nichts ändern kann.

•Eine von vielen Pressekonferenzen durchführen zum Thema Repressionen, die am eigenen Leib in teuren Bars in Millionenstädten erfahren wurden, in denen man zu wenig Whisky eingeschenkt bekam.

Genau so, das können Sie meiner Erfahrung glauben, ging die Mehrheit der Oppositionellen innerhalb und außerhalb des Systems vor. Der Kreml unter Putin und in seinem Namen ist an der Lebensfähigkeit einer solchen Opposition interessiert. Denn sie sind vom selben Fleisch und Blut, siamesische Zwillinge, nur asymmetrisch – der eine groß, der andere klein.

Die Situation hat sich mit dem Erscheinen von Nawalny als einem Prätendenten auf die Macht erneuert – er ist echt und kein Papiertiger. Selbstverständlich jedoch ist Nawalny nicht Grund und Ursache, sondern eine Folge jener Prozesse, die sich im Inneren der russischen Gesellschaft während Wladimir Putins Amtszeit abgespielt haben.

Diese Macht hat sich selbst überlebt und beseitigt. Für den aktiven Teil der Gesellschaft, die Russischen Bildungsbürger (RuBiBü), die heute das Rückgrat der Triebkräfte des Protests gegen Putin bilden, hat sich der Präsident & Co. in einen Ehemann verwandelt, dessen man allgemein überdrüssig geworden ist, den die Ehefrau vor die Tür setzen will, egal, wie oft er ihr Blumen schenkt oder wie viele raffinierte Komplimente er ihr macht. In diesem Sinne hängt die Zukunft des politischen Ehemanns, dessen man überdrüssig ist, nicht mehr von den Früchten seiner Arbeit ab. Und auch nicht von wirtschaftlichen oder sozialen Kennziffern. Die Stabilität hat sich für die RuBiBü vom Heil in ein Übel verwandelt.

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