Wladimir - die ganze Wahrheit
- Автор: Belkowski Stanislaw
- Год: 2013
- Язык: немецкий
- Год: mvg verlag
- ISBN: 978-3-86414-439-4
- Жанр: Биографии и мемуары
Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
Diese Geschichte wurde zu einem Gleichnis in aller Munde und brachte dem Enthüller Ruhm in ganz Russland ein. Auf dem Rücken des Skandals gründete Alexei Nawalny den Fonds für den Kampf gegen die Korruption, dessen geschäftsführender Direktor Wladimir Aschurkow wurde – ehemaliger Top-Manager des Alfa-Konsortiums, einer der größten Finanz-Industriegruppen des heutigen Russlands. Damit gab das Großkapital zu verstehen, dass es von vornherein bereit ist, Oppositionspolitik im »Format Nawalny« zu unterstützen.
Danach ging es für Nawalny steil bergauf. Ausführliche Artikel über ihn erschienen zunächst im New Yorker, dann auch in der einflussreichen Wochenzeitschrift Time, die den Artikel mit dem Titel »Kann dieser Mann Russland retten?« überschrieb.
Im Dezember 2011, während der ersten wirklichen Massenaktionen, wurde Nawalny bereits zum Star der Opposition ersten Ranges. Er war die auffallendste Figur auf der Demonstration am 5. Dezember in Moskau in Tschistye prudy gegen die Fälschung der Ergebnisse der Parlamentswahlen – sie fand einen Tag nach der Stimmauszählung statt, die der Partei »Einiges Russland« einen recht zweifelhaften Sieg brachte. Zur Demonstration fanden sich 10 000 Teilnehmer ein, was für die damalige Zeit sehr viel war – dass nur fünf Tage später auf dem Bolotnajaplatz fünfmal mehr Menschen zusammenkommen würden, konnte damals keiner ahnen.
Nach der Veranstaltung in Tschistye prudy machte sich Nawalny zusammen mit einigen seiner Mitstreiter (einschließlich Ilja Jaschins, einem herausragenden, doch im Schatten älterer Kameraden stehenden jungen Oppositionellen, der besser bekannt ist als Freund der Diva Xenija Sobtschak) auf einen nicht genehmigten Protestmarsch zum Gebäude der Zentralen Wahlkommission, um ihnen den »eisernen Vers ins Gesicht zu schleudern, übergossen mit Bitterkeit und Wut« (Lermontow). Der Durchbruch zum Gebäude der Zentralen Wahlkommission, das von einigen Reihen Polizisten bewacht wurde, endete so, wie er enden musste: mit einer zehntätigen Haft der Oppositionellen.
Die sentimentalen Moskauer Liberalen und die ihnen gleichgestellten Bürger, die nun schon 150 Jahre Mitleid mit russischen Revolutionären haben, sahen in diesem Marsch – und seinen milden Folgen des Freiheitsentzugs – eine verzweifelte Geste junger Waghälse. Das traf nur teilweise zu. Einerseits wusste Nawalny, der in seinem tiefsten Inneren bereits die Krone des wichtigsten Oppositionellen anprobiert hatte: Wenn man nicht im richtigen Moment hinter Gittern sitzt, wird man nie der Held der Protestherde.
Andererseits war es ihm wichtig, eine Teilnahme an den Präsidentschaftswahlen 2013 zu vermeiden. Er hatte richtig eingeschätzt, dass a) die überwiegende Mehrheit der außersystemischen Opposition seine Kandidatur vorschlagen würde und es einigermaßen peinlich wäre, sie in einer solchen Situation abzulehnen, und er b) ohne größere finanzielle Mittel und den Zugang zu den wichtigsten föderalen Fernsehsendern nicht mit einer hohen Prozentzahl an Stimmen zu rechnen brauchte, ein demütigendes Ergebnis ihn jedoch vorzeitig als Nationalpolitiker erledigen und ihn in einen ebensolchen Außenseiter verwandeln konnte, wie es die übrigen Oppositionellen waren.
Die Aufgaben des neuen politischen Stars wurden von der Moskauer Polizei und einer speziellen Sammelstelle (der Strafvollzugsanstalt) auf dem Moskauer Simferopol-Boulevard glänzend gelöst – dort kommt man in Ordnungshaft, ein finsterer Ort, der sich jedoch hinsichtlich der Haftbedingungen äußerst vorteilhaft von den gewöhnlichen Strafgefängnissen abhebt. Späterhin spielte Nawalny nicht selten solche Kombinationen aus, dass er die Unterstützung seiner Verbündeten mobilisieren und gleichzeitig seine wahren Absichten der Fortsetzung seiner Karriere verbergen konnte. Doch darüber später mehr.
Vielleicht spielten die Werbetrommeln zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Karriere dem politischen Jungstar einen üblen Streich. Vielleicht lag es aber auch an etwas anderem, zum Beispiel an der inneren Unsicherheit und der Angst, die sich oft hinter Brutalität verbergen. 2012 wurde für Nawalny eine Zeit des Stillstands am Rande eines politischen Fiaskos. Er kam nicht voran, erlitt im Gegenteil herbe Rückschläge, nachdem er einen bestimmten Teil seiner schnell gewonnenen Anhängerschaft verloren hatte. Er gründete keine eigene Partei, leistete also dem vom Geschäftsmann Aschurkow initiierten Parteiprojekt Nationale Allianz zu wenig Unterstützung und schloss sich auch formal der neuen Struktur nicht an.
Im Herbst 2012 fanden die Wahlen zum sogenannten Koordinationsrat der Opposition statt. Man meinte, Nawalny würde sein Leiter werden, was es ihm erlaubt hätte, sich als halboffizieller und fast formaler Anführer aller russischer »Systemfeinde« zu positionieren. Doch das Projekt, in das ein bunt zusammengewürfelter Haufen von 35 nominalen Oppositionellen gewählt wurde, scheiterte. Wie im Falle der Partei Nationale Allianz drückte sich Nawalny vor dem geradezu garantierten Vorsitz im Rat und zog es vor, das Rampenlicht zu verlassen und die folgenschwere Verantwortung zu meiden.
Im ersten halben Jahr seiner Existenz brachte sich der Koordinationsrat der Opposition nur durch Folgendes in Erinnerung:
•Eine gemessen an der Lebenszeit der Organisation recht langwierige Ausarbeitung eines inneren Reglements.
•Öffentliche und leicht anrüchige Ränke zwischen den »Gemäßigten« (Xenija Sobtschak, Sergei Parchomenko u. a.) und den »Radikalen« (Garri Kasparow, Andrei Piontkowski u. a.), die im Rat als Untergruppen vertreten waren.
•Probleme mit der Bezahlung der überaus teuren Säle, die für die Durchführung von Sitzungen angemietet wurden.
•Eine faktische Torpedierung der Protestaktion im Dezember 2012: Ich neige immer mehr zu der Auffassung, der Koordinationsrat der Opposition habe die Ablehnung einer Koordination der Veranstaltung durch die hauptstädtischen Behörden bewusst provoziert, weil er eine geringe Beteiligung und folglich eine heftige Blamage für sich befürchtete.
•Die Herausbildung gewisser Arbeitsgruppen, die eine Strategie und Taktik für den Koordinationsrat der Opposition ausarbeiten sollten.
•Die Annahme einer Serie von quasi-politischen Verlautbarungen, die zu zitieren wegen ihrer Unbedeutendheit und fast völligen Inhaltslosigkeit sinnlos ist.
•Den Unwillen und die mangelnde Bereitschaft, in naher Zukunft zumindest relative Massendemonstrationen und -märsche zu organisieren.
Wenn der Koordinationsrat auch ursprünglich dafür geschaffen worden war, Nawalny zu promoten und ihn auf ein neues politisches Niveau zu heben, so können wir heute vor allem konstatieren, dass der (vor Kurzem noch) aussichtsreichste junge russische Politiker fast unter den Trümmern diese Quasistruktur begraben worden wäre. Übrigens hat sich für Alexei Nawalny 2013 eine neue Chance eröffnet. Und er hat diese Chance genutzt, bisher ist er damit überaus erfolgreich.
Gegen den Oppositionellen wurden gleichzeitig mehrere Strafanträge gestellt. Zum Beispiel die Anklage, Holz im Verwaltungsgebiet Kirow gestohlen zu haben (genannt Sache »Kirowles«), wo der künftige Star der Opposition 2009/2010 als Generalbevollmächtigter und Berater des Gouverneurs der Region, Nikita Belych, tätig gewesen war und viele kommerzielle Angelegenheiten geregelt hatte. Des Weiteren die Anklage wegen rechtswidriger Aneignung des Status eines Rechtsanwalts – wie sich herausstellte, hatte sich der Kämpfer für die Reinheit in Politik und Wirtschaft von Russland ohne eine höhere juristische Ausbildung als Direktor selbst noch zum Stellvertretenden Generaldirektor für juristische Fragen ernannt und sich auf dieser Grundlage eine Bescheinigung ausgestellt, mit der er formal Anspruch auf eine Rechtsanwaltslizenz erheben konnte. Dann die Anklage wegen Veruntreuung von Wahlkampfmitteln der Partei »Union rechter Kräfte« 2007, mit der Nawalny seinerzeit zusammenarbeitete. Und einige weitere Anklagen, in die wir uns nicht weiter vertiefen müssen.