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Fahrstuhl zu den Sternen

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Fahrstuhl zu den Sternen
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Es war ein gutes Gefühl, wieder ohne Maske zu atmen — und ein noch besseres, sich daran zu erinnern, dass das Unternehmen ein voller Erfolg gewesen war und dass er in weniger als drei Stunden wieder auf der Erde sein würde. Trotzdem zögerte er, nach all der Mühe, die er auf sich genommen hatte, um den Turm zu erreichen, die Rückfahrt anzutreten. Er gab sich einen Ruck und entkuppelte die Anlegeverankerung. Das Fahrzeug begann alsbald zu fallen. Ein paar Sekunden lang war er schwerelos.

Als er eine Geschwindigkeit von 300 km/h erreicht hatte, wurde das Bremssystem automatisch aktiviert, und das Gewicht kehrte zurück. Die so brutal strapazierte Batterie begann sich jetzt wieder aufzuladen; aber ohne Zweifel war sie so stark beschädigt worden, dass sie sich nicht mehr vollständig regenerieren konnte und stattdessen aus dem Dienst genommen werden musste.

Es gab hier eine besorgniserregende Parallele. Er selbst hatte sich, ebenso wie die Batterie, verausgabt. Sein hartnäckiger Stolz hielt ihn bislang davon ab, einen Arzt zu beordern, der ihn bei der Rückkunft der Spinne in seine Obhut nahm. Er hatte eine Wette mit sich abgeschlossen: Er würde eine solche Anordnung nur treffen, wenn KORA sich noch einmal meldete.

Vorläufig verhielt sie sich schweigsam. Er glitt durch die Nacht und fühlte sich völlig entspannt. Das Fahrzeug war sich selbst überlassen, während er den Himmel bewunderte. Wenige Raumfahrzeuge boten einen derart umfassenden Ausblick, und nicht viele Menschen hatten je unter derart idealen Bedingungen die Sterne beobachten können. Die Nordlichter waren verschwunden, der Scheinwerfer ausgelöscht. Nichts mehr stellte sich dem Leuchten der Konstellationen in den Weg.

Mit Ausnahme selbstverständlich der Sterne, die der Mensch selbst erschaffen hatte. Unmittelbar über ihm hing das schimmernde Leuchtfeuer Ashoka, das für immer über dem indischen Subkontinent verankert war, nur ein paar hundert Kilometer von dem Turmkomplex entfernt. Halbwegs erdwärts hing im Osten Konfuzius, und noch ein Stück tiefer, in derselben Richtung, war Kamehameha. Hoch im Westen dagegen leuchteten Kinte und Imhotep. Das aber waren nur die hellsten Feuer entlang des Äquators; es gab Dutzende anderer, und selbst das schwächste unter ihnen übertraf Sirius an Leuchtstärke. Wie erstaunt einer der alten Astronomen gewesen wäre, diese Perlenschnur längs des Himmels zu erblicken, und wie sehr ihn die Feststellung verwirrt hätte, dass diese Sterne starr an ihrem Platz verharrten und weder auf- noch untergingen, während die herkömmlichen Sterne unbeirrt ihre altbekannte Bahn verfolgten.

Während er die Lichterkette bewunderte, entstand in seiner allmählich ermüdenden Phantasie ein weit imposanteres Bild. Ohne viel Mühe verwandelte seine Vorstellungskraft die von Menschen erschaffenen Sterne in die Lichter längs einer titanenhaften Brücke. Seine Gedanken wurden immer ausgefallener. Wie hatte die Brücke nach Walhalla geheißen, über die die germanischen Helden von dieser Welt in die nächste wechselten? Er konnte sich an den Namen nicht mehr erinnern, aber die Vorstellung war großartig. Weiter noch: Hatten etwa andere Geschöpfe, lange bevor der Mensch auf der Bühne erschien, vergeblich versucht, Brücken durch den Himmel über ihren Welten zu bauen? Er dachte an Saturns unvergleichliche Ringe und die gespenstischen Strukturen, die Uranus und Neptun umschlangen. Obwohl er ganz genau wusste, dass keine dieser Welten von organischem Leben je berührt worden war, malte er sich mit Vergnügen aus, dass er die Überreste fehlgeschlagener Brückenbauunternehmen vor sich habe.

Er wollte schlafen, aber die Phantasie hielt ihn gegen seinen Willen wach. Wie ein Hund, der einen saftigen Knochen entdeckt hatte, ließ sie einfach nicht los. Das Konzept war nicht absurd; es war nicht einmal originell. Viele synchrone Raumstationen besaßen bereits Abmessungen von mehreren Kilometern oder waren durch Kabel miteinander verbunden, die beträchtliche Abschnitte ihrer Umlaufbahn überbrückten. Sie zusammenzufügen und somit einen Ring zu bauen, der die Erde umspannte, wäre ein ingenieurtechnisches Unternehmen von weitaus geringerer Schwierigkeit und mit viel weniger Materialbedarf als der Bau des Turmes.

Nein — kein Ring — ein Rad! Dieser Turm war lediglich die erste Speiche. Es würde weitere Türme (vier? sechs? zwanzig?) längs des Äquators geben. Sobald ihre oberen Enden in der Umlaufbahn fest miteinander verbunden waren, würde das Stabilitätsproblem, das für einen einzelnen Turm so überaus kritisch war, von selbst verschwinden. Afrika, Südamerika, die Gilbert-Inseln, Indonesien — alles Orte, von denen sich die Türme der Zukunft erheben mochten. Denn eines Tages würden mit fortgeschrittenem Wissen und verbesserten Baumaterialien die Türme so gebaut werden können, dass selbst die schlimmsten Hurrikane ihnen nichts mehr anzuhaben vermochten, und damit entfiel die Notwendigkeit, sie auf hohen Berggipfeln zu errichten. Wenn er noch hundert Jahre gewartet hätte, dann hätte er womöglich den Mahajanake Thero überhaupt nicht zu belästigen brauchen …

Während er vor sich hin träumte, erhob sich die dünne Sichel des abnehmenden Mondes unscheinbar über den östlichen Horizont, auf dem bereits der erste Widerschein des erwachenden Tages ruhte. Erdlicht lag auf der gesamten Mondscheibe, und zwar mit solcher Intensität, dass Morgan viele Einzelheiten der im Sonnenschatten liegenden Mondoberfläche erkennen konnte. Er strengte die Augen an, um jenes wunderbaren Anblicks teilhaftig zu werden, der sich früheren Generationen verschlossen hatte — eines Lichtpunkts innerhalb der Sichelhörner. Aber heute Nacht war keine von den Städten, die der Mensch auf seiner zweiten Heimatwelt errichtet hatte, sichtbar.

Nur noch zweihundert Kilometer — weniger als eine Stunde. Es hatte keinen Zweck, um jeden Preis wach bleiben zu wollen. SPINNE war mit automatischer Bremsfahrtprogrammierung ausgestattet und würde sanft aufsetzen, ohne seinen Schlaf zu stören …

Zuerst spürte er den Schmerz. Den Bruchteil einer Sekunde später hörte er KORA sagen: »Bewegen Sie sich nicht! Ich habe um Hilfe gefunkt. Der Krankenwagen ist unterwegs.«

Das war merkwürdig. Aber nicht lachen, trug Morgan sich selbst auf, sie tut nur, was sie für richtig hält. Er empfand keine Furcht, obwohl der Schmerz unter dem Schlüsselbein ziemlich intensiv war. Er versuchte, sich auf das Schmerzgefühl zu konzentrieren, und es gelang ihm allein damit, die Symptome zu lindern. Er hatte schon vor langer Zeit festgestellt, dass man mit Schmerz am besten fertigwurde, indem man ihn objektiv analysierte.

Warren Kingsley rief, aber seine Worte klangen weit entfernt und ergaben keinen Sinn. Er hörte die Besorgnis in des Freundes Stimme und wünschte sich, er könnte sie besänftigen. Aber es blieb ihm keine Kraft mehr, sich mit diesem — oder irgendeinem anderen — Problem zu beschäftigen. Jetzt konnte er selbst die Worte nicht mehr hören: Ein mattes, aber stetiges Rauschen übertönte jeden anderen Laut. Obwohl er wusste, dass das Geräusch nur in seiner Einbildung existierte — oder in den labyrinthähnlichen Windungen des Gehörs, empfand er es als etwas durchaus Wirkliches. Er bildete sich ein, er stände am Fuß eines mächtigen Wasserfalls …

Das Geräusch wurde schwächer, milder, musikalischer. Und plötzlich erkannte er es wieder. Wie wunderbar, hier, an der stummen Grenze des Weltraums, das Geräusch wiederzuhören, an das er sich von seinem ersten Besuch am Jakkagala erinnerte!

Die Schwerkraft zog ihn heimwärts, so wie sie Jahrhunderte hindurch die Silhouetten der Brunnen des Paradieses geformt hatte. Er aber hatte etwas erschaffen, das die Gravitation niemals wieder in ihren Bann ziehen würde, solange es Menschen gab, die genug Wissen und Willenskraft besaßen, es zu erhalten.

Wie kalt sich die Beine anfühlten! Funktionierte das Lebenserhaltungssystem nicht mehr? Aber bald ging die Sonne auf, dann war es wieder warm genug.

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