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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Vom Busbahnhof Veracruz aus nimmt er ein Taxi. Er fragt den Taxifahrer nicht nach einem Hotel, sondern gibt sicherheitshalber einen Straßennamen an, den er im Busbahnhof auf der Werbung eines Hotels im centro historico gefunden hat:

— Miguel Lerdo.

— Hotel Imperial, fragt der Taxifahrer.

— No, sagt Alexander.

Er gibt sich grimmig. Er ist zu allem entschlossen. Sie fahren eine breite Allee mit Palmen entlang, bis der Verkehr sich staut, dann versucht es der Fahrer in hektischem Zickzack durch die Altstadt. Schlichte, zweistöckige Häuser, meist pastellfarben, gebleicht von der Sonne. Es wimmelt von Fußgängern. Es ist schwül und heiß, und auf dem Kurs durch die schmalen Straßen wehen durch das offene Fenster verschiedenste Gerüche herein: Frittieröl, Abwasser, der Duft aus offenstehenden Friseurläden, Autoabgase, frischgebackene Tortillas, und an einer Stelle — sie müssen warten, weil gerade Plastiksäcke von einem Lkw abgeladen werden — riecht es tatsächlich nach dem Nitratdünger aus Omis Wintergarten.

Alexander bezahlt, verstaut umständlich seine Geldbörse, bis der Taxifahrer außer Sichtweite ist. Direkt neben dem Imperial steht ein kleineres, bescheideneres Hotel. Die Übernachtung kostet hier zweihundert Pesos. Er bezahlt eine Woche im Voraus und bekommt ein Zimmer im ersten Stock mit Blick auf einen hübschen Platz, mit einem Campanile und Palmen, das Ganze von pastellfarbenen Gebäuden umgeben, die Alexander für Kolonialstil hält, vielleicht wegen der Arkaden, in deren Schatten sich zahlreiche Cafés und Kneipen eingenistet haben. Dann überkommt ihn die Befürchtung, der Lärm aus den Kneipen, besonders aus dem Hotelrestaurant, dessen Tische und Stühle sich direkt unter seinem Fenster ausbreiten, könnte ihm in der Nacht den Schlaf rauben, und er bittet die beiden Mädchen an der Rezeption um ein stilleres, abgelegenes Zimmer. Zwar versichern die beiden einhellig und mit mathematischem Ernst, dass der Platz in der Nacht ruhig sei, aber Alexander besteht auf dem Tausch. Anstelle des hellen, geräumigen Zimmers mit Blick auf den Platz bekommt er ein kleines, fensterloses, das sein spärliches Tageslicht aus einem Glasbausteinschlitz bezieht und seine Atemluft aus einer Klimaanlage. Wahrscheinlich ist das Zimmer zu teuer bezahlt, aber sein Schlaf ist ihm wichtiger als eine schöne Aussicht.

Er isst in einem restaurante familiar, was immer das bedeutet. Der Kellner, ein vielleicht fünfundzwanzigjähriger Mann in einem babyblauen Polohemd, legt ihm seinen Notizblock auf den Tisch, damit er die Nummer des von ihm bestellten Gerichts selbst hinschreibt, und geht anschließend damit zu einem Tresen, wo die Bestellung von einer jungen, geschäftigen Frau entziffert und an zwei ältere Frauen weitergegeben wird, welche flink und vor aller Augen die Gerichte zubereiten. Der Salat aus Garnelen und Kräutern, den Alexander bekommt, ist frisch und schmeckt wunderbar, und trotz der bunten Igelit-Tischdecken, trotz der weißen Plastikstühle und der sperrangelweit offenen Türen und sogar trotz der Neonröhren an der Decke, die ungeachtet der Tageszeit eingeschaltet sind, strahlt das Restaurant beinahe so etwas wie Gemütlichkeit aus, etwas Häusliches, Warmes, und vielleicht ist es gerade das, was Alexander für eine Sekunde innehalten lässt, was ihm für einen Augenblick Schluckbeschwerden bereitet. Vielleicht ist es die betriebsame Eintracht hinter dem Tresen, wo die beiden Frauen, eine mittleren Alters und eine Uralte, jetzt den Fisch für ihn zubereiten. Oder ist es die winzige Geste des Kellners, der ihm, nachdem er den Garnelensalat auf einem flachen Teller vorsichtig durch den Raum balanciert und ihn, ohne mit dem Daumen in die Soße zu dippen, auf seinem Platz abgestellt hat, ermutigend zunickt und ihm — fast zärtlich — die Hand auf die Schulter legt.

Die Dunkelheit kommt übergangslos und ziemlich genau um sechs. Alexander macht noch einen Abstecher zur hellerleuchteten Hafenpromenade. Die Temperaturen sind jetzt erträglich, der Ozean atmet ihn an, aber auch hier scheint die Luft wie mit Wehmut getränkt. Alexander atmet vorsichtig und flach, um nicht zu viel davon in seinen Körper eindringen zu lassen.

An der Kaimauer, wo eine Gruppe schwerbewaffneter Polizisten herumlungert wie eine Jugendbande, dreht er sich um, schaut zurück auf die Stadt Veracruz, betrachtet sie von der Seeseite aus: so etwa — abgesehen von dem vielstöckigen Neubau direkt am Kai — muss sie sich den aus Europa Ankommenden dargeboten haben. So haben sie möglicherweise Nacht für Nacht vom Schiffsdeck aus in die Tiefe der Hafenpromenade geschaut, hinein in das Land, das für viele die letzte Hoffnung bedeutete. Jahrelang, so reimt Alexander sich die Vorgeschichte jener Geschichte zusammen, die seine Großmutter ihm einmal erzählt hat — jahrelang waren diese Menschen auf der Flucht gewesen, waren in höchster Not aus französischen Internierungslagern entwischt, waren den nach Marseille vorrückenden deutschen Truppen entkommen, hatten in enervierenden Behördengängen Transitvisa oder Aufenthaltsverlängerungen ergattert, hatten Wochen oder Monate mittellos in einer trostlosen nordafrikanischen Stadt ausgeharrt, bis sich ein Schiff fand, das sie als Passagiere dritter Klasse über den Ozean brachte, und hatten dann, bei der Ankunft in Veracruz, nicht an Land gehen dürfen, weil noch nicht alle Formalitäten geklärt, nicht alle Genehmigungen erteilt waren. In dieser Lage waren einem der Wartenden die Nerven durchgegangen, und er war eines Nachts ins Hafenbecken gesprungen, um Mexiko schwimmend zu erreichen. Der Mann, so seine Großmutter, sei im Wasser verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Schon bald zogen über der Stelle, wo der Mann eingetaucht war, die Spitzen schwarzer, das Wasser sanft zerteilender Rückenflossen gleichmäßig ihre Kreise.

Der Platz vor dem Hotel ist, als er zurückkommt, mäßig belebt, nicht so stark, wie er befürchtet hat, aber gerade noch so, dass der Tausch des Zimmers nachträglich gerechtfertigt erscheint. Allerdings bleibt ihm in dem stickigen, fensterlosen Raum nichts anderes übrig, als die Klimaanlage einzuschalten, die aber, wie sich jetzt herausstellt, an einen Lichtschacht montiert ist, der Schwaden ausgestoßenen Zigarettenrauchs mit sich führt. Obendrein rasselt die Anlage, es dauert lange, bis er begreift, woran ihn dieses Rasseln erinnert — aber dann überfällt ihn die Erinnerung wie ein Déjà-vu, und er muss das Licht einschalten, um sich zu vergewissern, dass er nicht wieder im Krankenhaus ist.

Am Morgen hat er Kopfschmerzen, fühlt sich schlecht. Er vermeidet es, nach den Lymphknoten zu tasten, er vermeidet alles, was ihn ankratzen, was ihn aus der Bahn werfen könnte. Er verzichtet aufs Kaltduschen, das ihm seit Jahren Gewohnheit ist, steigt mit leichtem Schwindelgefühl die Treppe hinab. Als er auf den Platz hinaustritt, ist der mexikanische Himmel, der bis jetzt jeden Tag blau gewesen war, plötzlich bedeckt. Wenn er nicht wüsste, dass die Regenzeit in Mexiko erst im Mai beginnt, würde er sagen, dass es nach Regen aussieht.

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Сюжет
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Главный герой
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