Pelagia und der rote Hahn
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #3
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Goldmann Verlag
- ISBN: 3-442-45501-4
- Переводчик: Olga Kouvchinnikova
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und der rote Hahn». Краткое содержание книги:
»Er fährt«, übersetzte Natascha-Marusja. »Und die fünfzig Silberrubel, die gibst du Fatima.«
Ein Malheur
Die lange Reise über Berg und Tal und Meereswellen hatte Jakow Michailowitsch in eine philosophische Stimmung gebracht. In seinem Beruf wurde es einem nicht allzu oft zuteil, so friedlich und gemächlich über das Antlitz von Mutter Erde dahinzufahren. Besonders erquicklich war es auf dem Wasser gewesen. Man brauchte nicht unentwegt das Objekt im Auge zu behalten, es konnte ja sowieso nicht entwischen. Im Gegenteil, man musste sogar darauf achten, ihm nicht zu viel vor der Nase herumzuscharwenzeln, damit man nicht auffiel. Während der Seereise hatte Jakow Michailowitsch sogar ein kleines Bäuchlein bekommen, von dem guten Essen und dem gesunden Schlaf im Liegestuhl an Deck.
Doch das wohlverdiente Fett war sehr schnell wieder runtergeschwitzt. Versuch mal, siebzig Werst durch sengende Hitze bloß auf Schusters Rappen abzureißen!
Im Heiligen Lande angekommen, hielt Jakow Michailowitsch es für geboten, sein Außeres wieder einmal zu verändern. Auf dem Schiff war er ein unauffälliger Herr mit Panamahut und leinenem Zweiteiler gewesen; jetzt wurde daraus ein noch unauffälligerer Pilger. Davon schleppten sich ja schier unüberschaubare Mengen durch die Heilige Stadt Jerusalem.
Das Objekt setzte die Reise mittels zweier Pferdestärken fort - ziemlich miserabler Pferdestärken allerdings, sodass er sich kein Bein ausreißen musste.
In Jerusalem dann schien es Jakow Michailowitsch am zweckmäßigsten, sich in einen Juden zu verwandeln. Die waren hier in einer kolossalen Vielfalt vertreten, jede Sorte mied die andere wie der Teufel das Weihwasser, und dazu sprach jeder noch sein eigenes Kauderwelsch. Und wenn mal so ein Kaftanträger mit Hut auf ihn zutrat und ihn ansprach, weil er ihn für seinesgleichen hielt, dann brummelte er jedes Mal irgendetwas Unartikuliertes vor sich hin. Schließlich gibt es auch unter den Juden Taubstumme. Die Litwakn schnalzten dann mitfühlend mit der Zunge und ließen den armen Kerl in Ruhe.
Alles lief wunderbar, bis dieses Malheur passierte.
Jakow Michailowitsch folgte dem Objekt durch eine enge Gasse, wobei er immer fein Abstand hielt, sie aber auch nicht aus den Augen ließ – bloß auf das Klack, Klack ihrer Absätze wollte er sich nicht verlassen.
Und plötzlich passierte da was Übernatürliches, geradezu eine Fata Morgana, anders kann man es nicht nennen.
Für eine Sekunde nur hatte er sich umgeguckt, um zu sehen, ob ihm jemand folgte. Plötzlich hörte er ein Plätschern. Er drehte sich um und sah gerade noch, wie jemand Wasser aus einem Fenster im ersten Stock goss – aber die Nonne war wie vom Erdboden verschluckt. Er rieb sich die Augen, träumte er? Gerade war sie noch da gewesen, und auf einmal war nur noch eine Pfütze Seifenwasser auf dem Pflaster. War sie etwa geschmolzen, wie die Eisjungfrau? Oder hatte sie gemerkt, dass sie beschattet wurde, und die Beine in die Hand genommen?
Er rannte los, aber nach ein paar Schritten merkte er, dass er in eine Sackgasse geraten war. Sofort machte er kehrt, und erst, als er fast wieder an seinem Ausgangspunkt angekommen war, entdeckte er rechter Hand eine enge Passage. Da drin musste der Rotfuchs verschwunden sein.
Zu spät, die holte er nicht mehr ein.
Planlos rannte er mal in die eine, mal in die andere der unzähligen Seitengassen, bis ihm der Schweiß in Strömen über den Körper lief. Ein Mensch mit labilerem Charakter als er wäre in dieser Lage in heillose Panik verfallen, doch Jakow Michailowitsch glaubte ja, wie bereits erwähnt, hoch und heilig an die Kraft des menschlichen Verstandes. Unlösbare Aufgaben gibt es nicht, es gibt nur Menschen, die zu dumm sind, sie zu lösen.
Er blieb im Schatten stehen und peilte erst mal die Lage.
»Tch-jaah, tcha-hihaah. Was sagt mir in dieser Situation mein Verstand?
Soll ich zum Russischen Hof gehen, zur Frauenherberge, und warten, bis unser flotter Rotfuchs dort auftaucht?
Aber wozu hat sie die Reisetasche dabeigehabt? Was ist, wenn sie gar nicht zur Herberge zurückgeht?«
Er grübelte noch ein wenig. Dann nickte er sich lobend zu und sagte: »Kluges Köpfchen.«
Und ging zurück in Richtung jüdisches Viertel.
Der krummrückige Judenbengel war immer noch an der Stelle, wo ihn der Rotfuchs angesprochen hatte. Er stand an eine Wand gelehnt und zog die Nase hoch. Dann hockte er sich hin, nahm ein Stöckchen und fing an, irgendwelche Kringel auf die Erde zu malen. Er war so in seine Tätigkeit versunken, dass er gar nicht bemerkte, wie sich Jakow Michailowitsch ihm näherte.
Der wartete, bis die Straße menschenleer war, und berührte den Jungen an der Schulter.
In den Augen, die Jakow Michailowitsch anschauten, spiegelte sich der Widerschein des Sonnenuntergangs über den Dächern – und nackte Angst.
Jetzt kauderwelschte dieses Häuflein Elend irgendwas in seinem jüdischen Jargon und schüttelte dazu mit dem Kopf; als wollte er sich für irgendetwas rechtfertigen.
»Komm mal mit, mein Freund«, sagte Jakow Michailowitsch, fasste den Judenbengel mit leichtem Griff an der Schulter und stellte ihn mit einem Ruck auf die Beine.
»Ich habe nichts getan«, murmelte der Bursche auf Russisch. »Ich habe ihr nur Wasser gegeben . . .«
»Komm, komm«, sagte der vorgebliche Litwak wieder und zog den Jungen hinter sich her. »Hierher, in diese Gasse. Da werden wir ein wenig plaudern, und niemand wird uns dabei stören. Was hat sie dich gefragt, die Rote?«
Der Junge schaute in Jakow Michailowitschs ruhige Augen. Er schien darin wohl etwas Besonderes zu sehen, denn er schluckte krampfhaft, und seine Lippen begannen zu zittern.
Nun, das war ja sehr gut, dass er so verständig war. Und damit es etwas schneller ging, stieß Jakow Michailowitsch ihm noch einmal ganz kurz mit dem Finger unter das Schlüsselbein, auf die Stelle, wo sich ein Nervengeflecht befindet, und hielt ihm gleichzeitig mit der anderen Hand den Mund zu. Man musste ihn ja nicht unbedingt piepsen hören.
Er piepste nicht, sondern machte nur kurz »muh«. Aber seine Pupillen weiteten sich vor Schmerz. Jakow Michailowitsch hatte dieses bemerkenswerte Phänomen im Zuge seiner Arbeit wiederholt beobachtet, und kürzlich hatte er in einem wissenschaftlichen Magazin gelesen, dass es sich dabei um eine normale physiologische Reaktion handelte, verursacht durch einen akuten Reiz des Sehnervs.
»Also, was hat sie dich gefragt?«, wiederholte Jakow Michailowitsch, nachdem er einen Moment abgewartet hatte, bis sich die Pupillen wieder etwas zusammengezogen hatten.
Dabei nahm er die Hand vom Mund des Jungen, aber nur einen Daumen breit, und den Finger, den er in die schmerzhafte Stelle gestoßen hatte, hielt er, der Anschaulichkeit halber, erhoben.
»Nach dem russischen Propheten«, sagte der Junge hastig. »Nach Immanuel. . .«
Jakow Michailowitsch lächelte und klopfte dem Bürschlein beifällig an die Stirn – der kniff vor Angst die Augen zusammen.
»Ich glaube dir. Und wohin ist sie jetzt gegangen, weißt du das?«
Dabei stockte ihm selber das Herz. Was, wenn er es nicht wusste?
»Das weiß ich nicht, Onkelchen . . .«, sagte der Junge zu Jakow Michailowitschs großem Leidwesen, aber als er sah, wie sich das Gesicht des schrecklichen Mannes verdüsterte, plapperte er schnell weiter. »Sie hat von der Jesreelebene gesprochen, sie hat mich gefragt, wie man dort hinkommt. Und von Megiddo.«
Das »Onkelchen« seufzte erleichtert.
»Sonst hat sie nichts gesagt?«
»N-nein, nichts . . .«
Aus dem Bengel war offenbar nichts mehr herauszuquetschen.
Jakow Michailowitsch überlegte.
»Onkelchen, Ehrenwort, ich habe Ihnen alles erzählt. . .«
»Halt den Mund, Kleiner, stör mich jetzt nicht. Ich überlege, ob ich dich am Leben lassen kann«, brummelte er und kratzte sich am Ohr.