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Im Auftrag Seiner Majestät

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Im Auftrag Seiner Majestät
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„Du hast ihn noch?“

„Ja; ich trage ihn hier am Hals.“

„Und die Bilder sind darin?“

„Sie sind drin.“

„Das hast du gewußt und mir niemals gesagt!“

„O bitte, Herr Doktor, ich habe von den Bildern nichts gewußt, gar nichts; erst gestern hat mich Mademoiselle Nanon auf den Inhalt des Zahnes aufmerksam gemacht.“

„Mademoiselle Nanon? Was weiß sie von dem Zahn?“

„Sie hat in Paris eine Dame gesehen, von welcher erzählt worden ist, daß sie stets in Trauer gehe, weil sie zwei Zwillingsknaben verloren und nicht wiedergefunden habe; ein jeder der Knaben hat an einer dünnen goldenen Kette einen Löwenzahn getragen. Gestern traf ich sie im Wald. Meine Bluse hatte sich geöffnet, und der Zahn hing hervor. Sie erblickte ihn und besann sich sofort auf jene Dame. Als sie weiter hörte, daß ich ein Findling sei, nahm sie sofort an, daß ich einer der beiden Knaben sein müsse. Sie besah sich den Zahn genauer, und da fand es sich, daß er aus der Grafenkrone, in welche er gefaßt ist, herausgeschraubt werden könne. Als sie dies versuchte, gelang es ihr, und nun entdeckten wir die beiden Miniaturporträts.“

„Hat sie die fremde Dame gekannt?“

„Nein. Aber sie hat mir versprochen, sich sogleich zu erkundigen, wer sie gewesen ist. Ich glaube, daß sie bereits heute deshalb nach Paris geschrieben hat.“

„Ja, die Tante ist zuweilen in Paris; das stimmt. Es gibt Verhältnisse, welche ihre Anwesenheit dort zuweilen nötig machen. Es mag möglich sein, daß sie bei einer solchen Anwesenheit von Nanon gesehen worden ist. Stimmte denn das Bild mit der Dame?“

„Ja. Mademoiselle erkannte sie sofort.“

„Nun, dann ist es nicht notwendig, nach Paris zu schreiben. Fritz, Fritz, du weißt, daß ich große Stücke auf dich halte! Wenn du mein Cousin wärst!“

Er trat nahe an ihn heran und faßte seine Hände.

„Oh, Herr Doktor“, meinte der Diener ganz bescheiden, „in einer Beziehung möchte es mir fast leid tun, zu hören, daß meine Eltern vornehme Leute sind, denn ich versichere –“

„Halt, dummes Zeug!“ unterbrach ihn Müller. „Ich weiß, was du sagen willst, und ich verstehe dich; aber du bist wenigstens geradesoviel wert, als irgendein Junker oder Edelmann. Sollte sich einer meiner beiden Cousins wirklich wieder finden, so ist es mir doch lieber, du bist es, als daß es ein anderer ist. Du kannst also den Zahn öffnen?“

„Ja.“

„Tue es. Ich werde ein Zündholz anbrennen.“

Er strich ein Zündholz an, steckte das Licht seiner Laterne in Brand und beleuchtete dann die Porträts, welche Fritz ihm zeigte.

„Es ist kein Zweifel, sie sind es!“ sagte Müller. „Es ist Onkel und Tante, der General und die Generalin. Mensch, du bist wahrhaftig mein Vetter. Komm her; laß dich umarmen!“

Er blies aus Vorsicht die Laterne aus, steckte sie wieder in Tasche und streckte dann die Arme aus, um den Diener an sich zu ziehen. Dieser jedoch trat einen Schritt zurück und sagte.

„Halt, Herr Doktor, warten wir noch! Der Zahn ist zwar rekognosziert, aber es fragt sich doch sehr, ob ich der richtige Findling bin. Der Zahn erklärt und beweist noch nicht genug, obgleich ich dem General, wie er damals gewesen ist, sehr ähnlich sehen muß, da die Seiltänzerin diese Ähnlichkeit sofort erkannte.“

„Die Seiltänzerin? Welche?“

„Die heute verunglückt ist?“

„Ah, wieder ein Rätsel!“

„Ja, und zwar ein ganz außerordentliches. Ich glaube nämlich fast, daß einer der Clowns, einer der Hanswürste, es ist, der mich geraubt hat, mich und den Zwillingsbruder.“

„Geraubt worden sollst du sein? Also nicht verloren gegangen? Alle Teufel, das wird ja interessant. Und davon hat dir hier in Frankreich eine Seiltänzerin erzählt? Das klingt ja gerade wie in einem Romane! Erzähle mir das von der Seiltänzerin!“

Fritz berichtete ihm alles, was geschehen war. Als er geendet hatte, meinte Müller:

„Nun gibt es für mich keinen Zweifel mehr! Du bist mein Vetter, und ich werde dich von jetzt an als solchen betrachten, obgleich wir uns im Interesse unserer Aufgabe vor anderen nicht kennen dürfen. Es gilt vor allen Dingen, des entflohenen Seiltänzers habhaft zu werden. Dafür laß mich sorgen. Ich werde die geeigneten Schritte tun. Bis dahin aber wollen wir das tiefste Stillschweigen beobachten. Nur der Entflohene kann Auskunft geben, und ehe wir ihn nicht haben, läßt es sich schwer beweisen, daß du der richtige Sohn des Generals bist.“

„Das ist ja auch meine Meinung“, sagte Fritz. „Der Zahn kann verwechselt worden oder durch irgendeinen Zufall an den Hals eines ganz anderen Kindes gekommen sein. Ich bitte Sie, zu tun was Ihnen beliebt. Ich weiß, daß ich mich auf Sie verlassen kann.“

„Ja, das kannst du, mein braver Fritz. Hier meine Hand. Ich verspreche dir, mich so zu bemühen und ganz so zu handeln, als ob ich selbst der Findling sei! Nun aber laß uns eilen, an das Grab zu kommen. Wir haben jetzt gezaudert, und dieser Hassan wird wohl bereits auf uns warten.“

„Sollte von ihm nichts über diesen Clown zu erfahren sein?“

„Diese Frage legte auch ich mir soeben vor. Wir werden sehen, ob er etwas weiß, was wir gebrauchen können. Jetzt komm!“

Sie hatten schon längst den Wald erreicht, auf dessen Hauptweg sie bisher langsam dahingeschritten waren. Jetzt beeilten sie sich nun und bogen in einen schmalen Richtweg ein, der sie rascher in die Nähe des Ziels führte.

Als sie dort anlangten, erhob sich hinter einem Stein eine dunkle Gestalt.

„Wer ist es, der hier kommt?“ fragte sie.

Müller erkannte sofort die Stimme des Zauberers und sagte:

„Abu Hassan, deine Freunde sind es.“

„Gut, ich dachte bereits, daß ihr das Wort vergessen hättet, auf welches ich mich verlassen habe. Aber nennt hier meinen Namen nicht wieder. Man muß bei einem Werk, wie es das unserige ist, sehr vorsichtig sein. Habt ihr Werkzeuge mitgebracht?“

„Ja; sie liegen in der Nähe“, antwortete Fritz.

„So hole sie, damit wir beginnen können. Eine Laterne habe ich selbst bei mir.“

Fritz brachte die Hacken und Schaufeln herbei, und dann wurden die Laternen angebrannt. Ihr schwacher Schein fiel auf die Hügel und den dahinter emporragenden Felsen. Es wehte ein leiser Lufthauch, in welchem die Lichter zu flackern begannen. Dadurch schien es, als ob die Felsen und Bäume der Umgebung Leben empfangen hätten. Die dunklen Schatten und die hellen Reflexe bewegten sich und zuckten durcheinander. Die Sträucher nahmen phantastische Gestalten an, welche drohend ihre Arme erhoben, und zornig über die Verwegenheit der drei Männer die Köpfe schüttelten. Es hätte sich nicht ein jeder dazu geeignet, zur Mitternachtszeit in der Tiefe des Waldes, in der Nähe eines so verrufenen Gemäuers, wie der alte Turm es war, ein Grab zu öffnen, um die Gebeine einer Leiche zu entführen.

„Ich hoffe, man soll nicht bemerken, daß das Grab geöffnet worden ist?“ fragte Müller.

„Kein Mensch soll es erfahren“, antwortete Hassan in seinem südlichen Dialekt.

„So wird unsere Mühe eine doppelte sein. Wir müssen den Rasen des Hügels vorsichtig abstechen, um ihn wieder anlegen zu können. Und ferner müssen wir alle Erdkrumen und alle Spuren entfernen, welche unser Werk verraten könnten.“

Sie begannen die Arbeit.

Zunächst wurde der Rasen vorsichtig abgehoben und zur Seite gelegt, und dann die Erde des Hügels entfernt. Sie schaufelten sie auf eine breite Felsenfläche, welche in der Nähe lag, und keine Spur von Vegetation trug. Dann erst ging es über das eigentliche Grab her. Sie arbeiteten mit aller Anstrengung, um so bald wie möglich fertig zu werden; aber dennoch währte es fast zwei Stunden, bevor sie in die Tiefe gelangten, in welcher auf Kirchhöfen die Särge zu stehen pflegten. Nun gebrauchten sie die Hacken mit größerer Behutsamkeit, bis endlich ein dumpfer Ton anzeigte, daß sie den Sarg getroffen hatten.

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