Der Hypnotiseur
- Автор: Кеплер Ларс
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Der Hypnotiseur». Краткое содержание книги:
Seine Gruppe bestand aus bis zu acht Mitgliedern. Ziel der Therapie war es, unter Hypnose die Vergangenheit jedes Einzelnen von ihnen zu untersuchen und sich dem Schmerzpunkt zu nähern. Die Hypnose wurde stets im Beisein der Gruppe und zusammen mit der Gruppe durchgeführt. Mit dieser Methode sollte jeder von ihnen mehr werden als ein bloßer Zeuge der Erlebnisse anderer, man sollte mit Hilfe der hypnotischen Offenheit den Schmerz miteinander teilen und wie bei kollektiven Katastrophen gemeinsam trauern können.
Eva Blau setzt sich auf den leeren Stuhl und sieht für einen kurzen Moment direkt in die Kamera, woraufhin ein scharfer und feindseliger Zug in ihr Gesicht tritt.
Das ist die Frau, die vor zehn Jahren in unser Haus eingebrochen ist, denkt er. Aber was hat sie gestohlen, und was hat sie sonst noch getan?
Erik sieht, dass er den zweiten Teil der Sitzung einleitet, indem er auf den ersten zurückzukommt und mit freien, spielerischen Assoziationen auf ihn eingeht. Dies war für alle ein Weg, sich besser zu fühlen und zu spüren, dass trotz der düsteren Untertöne in allem, was sie sagten und taten, ein gewisses Maß an Leichtigkeit möglich war. Er stellt sich vor die Gruppe.
»Wir beginnen mit Gedanken und Assoziationen zum ersten Teil unserer Sitzung«, sagt er. »Möchte jemand etwas sagen?«
»Verwirrend«, meint eine junge, untersetzte und stark geschminkte Frau.
Sibel, denkt Erik. Sie hieß Sibel.
»Frustrierend«, meldet sich Jussi in seinem nordschwedischen Dialekt zu Wort. »Also, ich bin nur dazu gekommen, die Augen aufzumachen und mich am Kopf zu kratzen, bevor es auch schon wieder vorbei war.«
»Was hast du gefühlt?«, fragt Erik ihn.
»Haare«, antwortet er lächelnd.
»Haare?«, fragt Sibel und kichert.
»Als ich mich am Kopf gekratzt habe«, erklärt Jussi.
Einige lachen über seinen Scherz. In Jussis düsterem Gesicht lässt sich blasse Freude erahnen.
»Gebt mir Assoziationen zu Haaren«, fährt Erik fort. »Charlotte?«
»Ich weiß nicht«, sagt sie. »Haare? Vielleicht Bart … nein.«
»Ein Hippie, ein Hippie auf einem Chopper«, wirft Pierre lächelnd ein. »Er sitzt so, kaut Juicyfruit und rutscht …«
Eva Blau steht unvermittelt und mit ihrem Stuhl klappernd auf, sie protestiert gegen die Übung.
»Das sind doch bloß Kindereien«, sagt sie.
»Und warum?«, fragt Erik.
Eva antwortet nicht, setzt sich aber wieder.
»Mach bitte weiter, Pierre«, bittet Erik.
Pierre schüttelt den Kopf, kreuzt seine Zeigefinger in Evas Richtung und tut so, als müsste er sich vor ihr schützen.
Pierre flüstert verschwörerisch. Jussi hebt die Hand gegen Eva und sagt etwas in seinem nordschwedischen Dialekt.
Erik glaubt zu hören, was er sagt, tastet blind nach der Fernbedienung und stößt sie auf den Fußboden, sodass die Batterien herausfallen.
»Das gibt’s doch nicht«, flüstert er vor sich hin und geht auf die Knie.
Mit zitternden Händen spult er zurück und stellt lauter, als das Band wieder läuft.
»Das sind doch bloß Kindereien«, sagt Eva Blau.
»Und warum?«, fragt Erik, und als sie nicht antwortet, bittet er Pierre fortzufahren.
Der schüttelt den Kopf und kreuzt seine Finger.
»Dennis Hopper wurde erschossen, weil er ein Hippie war«, flüstert er.
Sibel kichert und schielt zu Erik hinüber. Jussi räuspert sich und hebt die Hand gegen Eva.
»Im verwunschenen Schloss bleiben dir unsere Kindereien erspart«, sagt er in seinem bedächtigen, nordschwedischen Dialekt.
Alle verstummen. Eva wendet sich dem Mann zu und scheint aggressiv reagieren zu wollen, aber irgendetwas hält sie zurück, vielleicht der ernste Ton in seiner Stimme und sein ruhiger Blick.
Das verwunschene Schloss, hallt es in Eriks Kopf nach. Gleichzeitig hört er sich die Prinzipien des eigentlichen Hypnoseprozesses erläutern: dass sie stets mit gemeinsamen Entspannungsübungen beginnen, ehe er dazu übergeht, ein oder zwei von ihnen zu hypnotisieren.
»Und manchmal«, fährt Erik an Eva gewandt fort, »wenn ich merke, dass es gut läuft, versuche ich, die ganze Gruppe zu hypnotisieren.«
Erik denkt daran, wie vertraut und dennoch schrecklich fern ihm diese Situation ist, sie stammt aus einem anderen Leben, in dem er sich noch nicht von der Hypnose distanziert hat. Er sieht sich einen Stuhl näher heranziehen, sich vor den Halbkreis setzen, zu ihnen sprechen und sie dazu bringen, die Augen zu schließen und sich zurückzulehnen. Nach einer Weile ermahnt er alle, auf ihren Stühlen gerade zu sitzen, die Augen aber weiter geschlossen zu halten. Er steht auf, spricht mit ihnen über die Entspannung, tritt hinter ihre Rücken, beobachtet bei jedem Einzelnen den Grad der Entspannung. Ihre Gesichter werden weicher und schlaffer, sie sind sich selbst immer weniger bewusst, Verstellung und Koketterie werden ihnen immer fremder.
Erik sieht sich hinter Eva Blau stehen bleiben und eine Hand schwer auf ihre Schulter legen. Es kribbelt im Bauch, als er sich dabei beobachtet, wie er mit der Hypnose beginnt, sanft in eine Induktion mit verborgenen Kommandos überleitet und sich dabei seiner Geschicklichkeit, seiner speziellen Gabe vollkommen bewusst ist.
»Du bist zehn, Eva«, sagt er. »Du bist zehn. Es ist ein schöner Tag. Du bist gut gelaunt. Warum bist du so gut gelaunt?«
»Weil der Mann in den Wasserpfützen tanzt und plantscht«, sagt sie mit fast unmerklichen Gesichtsbewegungen.
»Wer tanzt?«
»Wer?«, wiederholt sie. »Gene Kelly, sagt Mama.«
»Ich verstehe, du guckst Singin’ in the rain?«
»Mama guckt den Film.«
»Du nicht?«
»Doch, schon.«
»Und du bist gut gelaunt?«
Sie nickt langsam.
»Was passiert dann?«
Eva schließt den Mund, und ihr Kopf sinkt herab.
»Eva?«
»Mein Bauch ist dick«, sagt sie fast tonlos.
»Dein Bauch?«
»Ich sehe, dass er ganz dick ist«, sagt sie, und Tränen laufen ihre Wangen herab.
»Das verwunschene Schloss«, flüstert Jussi, »das verwunschene Schloss.«
»Eva, hör mir zu«, fährt Erik fort. »Du kannst zwar alle im Raum hören, lauschst aber nur meiner Stimme. Es ist dir egal, was die anderen sagen, nur meine Stimme ist für dich wichtig.«
»Okay.«
»Weißt du, warum dein Bauch dick ist?«, fragt Erik.
Ihr Gesicht ist verschlossen, in einen Gedanken, eine Erinnerung vertieft.
»Ich weiß es nicht.«
»Doch, ich denke schon, dass du es weißt«, erwidert Erik leise. »Aber wir richten uns hier ganz nach dir, Eva. Du brauchst jetzt nicht mehr daran zu denken. Möchtest du wieder fernsehen? Ich begleite dich, alle, die hier sind, gehen mit dir, den ganzen Weg, ganz gleich, was passiert, das versprechen wir dir. Wir haben es versprochen, und du kannst dich darauf verlassen.«
»Ich will in das verwunschene Schloss«, flüstert sie.
Erik sitzt auf seiner Übernachtungspritsche und spürt, dass er kurz vor seinen eigenen Räumen steht, dem Vergessenen und Verdrängten näher rückt.
Er reibt sich die Augen, betrachtet den flimmernden Bildschirm und murmelt:
»Öffne die Tür.«
Er hört sich Zahlen aussprechen, die Eva Blau noch tiefer in die Hypnose führen, er erklärt, dass sie schon bald tun wird, was er sagt, ohne vorher darüber nachzudenken, sie wird akzeptieren, dass seine Stimme ihr den richtigen Weg weist. Sie schüttelt schwach den Kopf, und er zählt weiter herunter, lässt die Ziffern schwer und einschläfernd fallen.
Die Bildqualität verschlechtert sich rapide: Eva blickt mit körnigen Augen auf, befeuchtet ihre Lippen und flüstert:
»Ich sehe sie einen Menschen mitnehmen, sie gehen hin und nehmen einen Menschen mit.«
»Wer nimmt einen Menschen mit?«, fragt er.
Sie atmet stoßweise.
»Ein Mann mit einem Pferdeschwanz«, jammert sie. »Er hängt den kleinen …«
Das Band knistert, und das Bild verschwindet.
Erik spult vor, aber das Bild taucht nicht wieder auf, das halbe Band ist defekt, die Aufnahme gelöscht.