Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
»Und haben Sie denn auf meinem Gesichte etwas bemerkt?« fragte er.
»Tränen, wenn Sie sie auch verbergen wollten; es ist eine schlechte Eigenschaft der Männer, ihre Gefühle verbergen zu wollen. Das ist auch Ehrgeiz, nur ein falscher. Sie sollten sich manchmal lieber ihrer Vernunft schämen; diese irrt häufiger. Sogar Andrej Iwanowitsch hat ein schamhaftes Herz. Ich habe es ihm gesagt, und er hat es zugegeben. Und Sie?«
»Was würde man denn nicht zugeben, wenn man Sie anblickt!« sagte er.
»Wieder ein Kompliment! Und was für ein ...« Sie fand das Wort nicht.
»... banales!« sagte Oblomow, ohne den Blick von ihr abzuwenden.
Sie bestätigte durch ein Lächeln die Bedeutung des Wortes.
»Das habe ich ja befürchtet, als ich Sie nicht bitten wollte zu singen ... Was kann man sagen, wenn man zum ersten Male zuhört? Und man muß doch etwas sagen. Es ist schwer, zugleich gescheit und aufrichtig zu sein, besonders in Gefühlssachen und unter dem Bann eines solchen Eindruckes, wie damals ...«
»Und ich habe damals wirklich so gesungen, wie schon lange nicht, vielleicht sogar wie noch nie ... Bitten Sie mich nicht, ich werde nicht mehr so singen ... Warten Sie, ich singe Ihnen nur eines ...« sagte sie, und ihr Gesicht schien in dem Augenblicke aufzuflammen, die Augen begannen zu leuchten, sie setzte sich auf den Sessel, schlug zwei, drei laute Akkorde und sang.
O Gott, was war in diesem Gesange alles zu hören! Hoffnungen, dunkle Furcht vor Sturm, der Sturm selbst, das Streben nach Glück - das alles erklang nicht im Liede, sondern in ihrer Stimme. Sie sang lange, sich ab und zu nach ihm umwendend und kindlich fragend: »Genug? Nein, noch das?« und sie sang weiter. Ihre Wangen und Ohren glühten vor Erregung; manchmal leuchtete auf ihrem Gesicht das Spiel von Gefühlsblitzen und flammte der Strahl einer so reifen Leidenschaft auf, als ob sie in ihrer Seele eine ferne, künftige Zeit des Lebens durchlebte, und dann erlosch dieser flüchtige Strahl, und die Stimme klang wieder frisch und silberhell. Auch Oblomow durchlebte dasselbe; ihm schien, er hörte und fühlte das alles nicht eine oder zwei Stunden lang, sondern ganze Jahre ... Sie wurden beide, äußerlich reglos, von einem inneren Feuer verzehrt und erzitterten von den gleichen Schauern; in ihren Augen waren Tränen, die die gleiche Stimmung hervorgerufen hatte.
Das alles waren die Anzeichen jener Leidenschaften, die einst in Oljgas junger Seele erwachen sollten, die jetzt nur zeitweise von flüchtigen Regungen und von kurzem Aufblitzen der schlafenden Lebenskräfte aufgerüttelt wurde. Sie schloß mit einem langen, klangvollen Akkord, und ihre Stimme ging darin unter. Sie hörte plötzlich ermüdet auf, legte die Hände in den Schoß und blickte selbst ganz aufgeregt Oblomow an, wie er sich wohl demgegenüber verhalte? Auf seinem Gesicht leuchtete das Morgenrot des erwachenden, vom Grunde seiner Seele aufsteigenden Glückes; sein tränenvoller Blick war auf sie gerichtet.
Jetzt ergriff sie unwillkürlich seine Hand.
»Was haben Sie?« fragte sie. »Was machen Sie für ein Gesicht! Warum?«
Doch sie wußte, warum er ein solches Gesicht machte, und triumphierte innerlich in aller Bescheidenheit über diesen Ausdruck ihrer Macht.
»Schauen Sie in den Spiegel«, fuhr sie fort, ihm lächelnd sein Gesicht im Spiegel zeigend. »Ihre Augen glänzen, mein Gott, es sind Tränen darin! Wie tief Sie Musik empfinden!«
»Nein, ich empfinde ... keine Musik ... sondern ... Liebe!« sagte Oblomow leise.
Sie ließ seine Hand augenblicklich los und wechselte die Gesichtsfarbe. Ihr Blick begegnete dem seinigen, der auf sie gerichtet war. Dieser Blick war reglos und fast wahnsinnig; er ging nicht von Oblomow, sondern von der Leidenschaft aus. Oljga begriff, daß dieses Wort ihm entschlüpft war, daß er darüber keine Macht hatte, und daß darin die Wahrheit war.
Er kam zur Besinnung, ergriff den Hut und lief, ohne sich umzuwenden, aus dem Zimmer. Sie begleitete ihn nicht mehr mit einem neugierigen Blick, sondern blieb lange, ohne sich zu bewegen, wie eine Statue am Klavier stehen und schaute starr zu Boden; nur ihre Brust hob und senkte sich heftig ...
Sechstes Kapitel
Oblomow hatte inmitten seines trägen Liegens in bequemen Stellungen, inmitten des dumpfen Hindämmerns und des begeisterten Aufschwunges seiner Seele immer von der Frau als der Gattin, niemals aber als der Geliebten geträumt. In seiner Phantasie schwebte die Gestalt einer großen, schlanken Frau, mit ruhig auf der Brust gekreuzten Armen, mit einem stillen, aber stolzen Blick, sie saß nachlässig inmitten von Schlingpflanzen in der Allee oder schritt leicht über den Teppich oder den Sand der Allee hin mit sich wiegender Taille, mit einem graziös auf den Schultern sitzenden Kopf, mit sinnendem Ausdruck - als ein Ideal, als eine Verkörperung des ganzen Lebens, das von Zärtlichkeit und feierlicher Ruhe erfüllt ist, als die Ruhe selbst. Er sah sie im Traume zuerst ganz in Blumen, mit einem langen Schleier am Altar, dann mit schamhaft gesenkten Augen am Kopfende des Ehebettes, endlich als Mutter, inmitten einer Kindergruppe. Er sah auf ihren Lippen ein leidenschaftsloses Lächeln, das für ihn, ihren Gatten, Sympathie bedeutete und allen anderen gegenüber Nachsicht ausdrückte; ihr Blick war nicht feucht von Wünschen, er war nur dann wohlwollend, wenn er sich ihm zuwandte, allen anderen gegenüber aber war er schamhaft und selbst streng. Er wollte in ihr niemals ein Beben sehen, sie niemals bei einem heißen Traum, bei plötzlichem Weinen, Sehnen, bei Ermattung und dann bei einem wilden Übergang zur Freude überraschen. Sie durfte nicht plötzlich erbleichen, in Ohnmacht fallen, erschütternde Gefühlsausbrüche erleiden ... »Solche Frauen haben Liebhaber«, sagte er, »und sie verursachen große Unannehmlichkeiten; man muß den Arzt holen, sie ins Bad schicken und eine Menge verschiedener Launen erfüllen. Man kann nicht ruhig schlafen! Aber man schläft ruhig neben einer stolzen, schamhaften, ruhigen Gefährtin. Man schläft ruhig mit der Gewißheit ein, beim Erwachen demselben sanften, sympathischen Blick zu begegnen.« Und sein warmer Blick würde auch nach zwanzig, dreißig Jahren demselben sanften, still leuchtenden Strahl der Sympathie in ihren Augen begegnen. Und so bis zum Grab! Ist es denn nicht das heimliche Ziel eines jeden, im geliebten Menschen den unwandelbaren Ausdruck von Ruhe, das ewige, gleichmäßige Strömen des Gefühls zu sehen? Das ist ja die Norm der Liebe, und sowie wir von ihr abweichen, sie verändern und sie abkühlen, leiden wir, folglich ist mein Ideal das allgemein menschliche! dachte er. Ist das nicht die Vollendung, die Klarlegung der Beziehungen der Geschlechter? Der Leidenschaft einen gesetzmäßigen Ausgang zu eröffnen; ihr wie einem Fluß zum besten eines ganzen Landes den Lauf vorzuzeichnen, das ist eine Aufgabe, welche die allgemeine Wohlfahrt zum Ziele hat, das ist der Gipfel des Fortschrittes, dem alle Vordermänner zustreben, aber den sie nicht zu erreichen vermögen. Wenn diese Aufgabe gelöst ist, gibt es keinen Verrat, keine Abkühlung mehr, dann beginnt das ewig gleichmäßige Schlagen des ruhigen, glücklichen Herzens, folglich auch ein wenig inhaltreiches Leben, das einen ewigen Zufluß an Säften erhält, und eine ewige moralische Gesundheit. Es gibt Beispiele eines solchen Glückes, sie sind aber selten, und man weist auf dieselben als auf ein Phänomen hin. Man sagt, man muß dazu geboren sein. Und wer weiß, ob man dazu nicht erzogen werden und es nicht bewußt anstreben kann? ... Die Leidenschaft! Das alles ist nur in Gedichten und auf der Bühne schön, wo die Schauspieler in Gewändern mit Dolchen herumspazieren, und wo dann die Gemordeten und die Mörder zusammen Abendbrot essen ... Es wäre gut, wenn auch die Leidenschaften so endeten, es bleibt aber gewöhnlich Rauch und Gestank zurück, und das Glück kommt nicht! Und bei den Erinnerungen daran schämt man sich nur und möchte sich das Haar ausreißen. Wenn man aber doch von einem solchen Unglück, von der Leidenschaft, betroffen wird, ist es, wie wenn man auf eine schlechte, bergige, unfahrbare Straße gerät, auf der die Pferde fallen und der Insasse ermattet, während der Heimatort schon in Sicht ist; man darf ihn nicht aus dem Auge lassen und muß so schnell als möglich aus der gefährlichen Stelle herauszukommen suchen ... »Ja, die Leidenschaft muß in der Heimat eingedämmt, erstickt und ertränkt werden.«