Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Im kleinen Stübchen, welches an die große Gaststube stieß, saß Fritz Schneeberg bei einem Glas Wein. Neben ihm saß eine der Künstlerinnen. Sie hatte auf alle Fälle bereits dreißig Jahre zurückgelegt; ihr Gesicht predigte laut von übermäßig befriedigten Leidenschaften, doch hatten Puder und Schminke das ihrige getan, ihr ein möglichst anziehendes Aussehen zu geben. Sie war bereits für die Vorstellung in ein leichtes, durchsichtiges Flittergewand gekleidet. Das blaue, goldbeflimmerte Mieder ließ Hals, Nacken und Arme frei, und das Röckchen, kaum noch weiß von Farbe, bedeckte kaum die Oberschenkel und gab dem Blick die starken, mit durchscheinenden Strümpfen bekleideten Beine zur ungeschmälerten Besichtigung preis. Trotz ihrer vollen, schweren Gestalt war sie die Seilkünstlerin der Truppe, und selbst der sonst so lobeskarge Direktor hatte ihren Leistungen stets nur seine Anerkennung zuerteilt.
Jetzt also saß sie neben dem Deutschen, verschlang dessen volle, kräftige Gestalt mit gierigen Augen und versucht, den nackten Arm auf den seinigen zu legen, was ihr aber nicht gelang, da er sich bei allen diesen Bewegungen abweisend zurückbog.
„So komm doch her! Nur einen einzigen Kuß, Goldjunge!“ bat sie ihn.
„Laß mich, Mädchen!“ antwortete er. „Ein Schluck Wein ist mir lieber als tausend Küsse von dir!“
„Oho!“ zürnte sie. „Sehe ich denn etwa gar so widerwärtig aus?“
„Hm! Ich denke mir, den Wein hat noch niemand getrunken, du aber bist zehntausendmal geküßt worden.“
„Höre, Bursche, was bildest du dir ein!“ rief sie. „Was bist du denn? Ein Kräutermann, weiter nichts; und ich bin eine vielgesuchte Künstlerin, an deren jeder Finger sich gern zehn Männer hängen.“
„Oho, schneide nicht auf!“
„Aufschneiden? Ah, warum will mich denn der Bajazzo heiraten, he? Warum macht er mir das Leben so schwer? Warum läßt er mir weder bei Tag, noch bei Nacht Ruhe? Warum schwört er mir Rache, wenn ich seine Bewerbung zurückweise?“
„Nun, jedenfalls weil er sich auch an einem deiner Finger aufhängen will!“
„Nein, nicht deshalb, sondern weil er weiß, daß er ein riesiges Geld mit mir verdienen kann. Die Männer und Burschen sind ja alle ganz vernarrt in mich!“
„So hat dieser Bajazzo weder Liebe zu dir, noch irgendein Ehrgefühl!“
„Das fällt ihm auch beides gar nicht ein. Er ist ja eigentlich mein Stiefvater.“
„Alle Teufel! Wie alt ist er denn?“
„Weit in die Fünfzig. Meine Mutter, seine zweite Frau, ist früh gestorben, und von dieser Zeit an hat er mich in der Welt herumgeschleppt. Als ich ein Kind war, hat er meine kleine Gage stets in seine Tasche gesteckt; als ich größer und klüger wurde, hielt ich meine eigene Kasse. Das will er ändern. Ich soll seine Frau werden, damit er es wieder machen kann wie früher. Aber er bringt es nicht so weit, der Lüdrian, der Trunkenbold. Er säuft von früh bis abend, so daß es ein wahres Wunder ist, daß er den Hals noch nicht gebrochen hat. Lieb wäre mir das. Doch – – –“
Sie unterbrach sich und starrte nach seinem Hals. Er bemerkte das und fragte:
„Was hast du, daß du mich so anstarrst?“
„Dieser Zahn, oh, dieser Zahn! Zeig her, zeig her!“
Sie griff nach der Kette, zog den Zahn näher und betrachtete ihn mit funkelnden Augen.
„Was ist's mit dem Zahn?“ fragte er.
„Er ist's er ist's. Es ist der eine! Mensch, du siehst ihm so ähnlich, dem die beiden Zwillingsknaben geraubt wurden, diese Ähnlichkeit ist mir sogleich aufgefallen; ich war ein achtjähriges Mädchen, und er war nicht viel älter als du jetzt. Sage, woher hast du diesen Zahn?“
Die Worte des Mädchens hatten ihn aufmerksam gemacht.
„Doch von meinen Eltern“, antwortete er.
„Wer waren sie?“
„Das weiß ich nicht; ich bin ein Findelkind.“
„Ein Findelkind!“ schrie sie förmlich auf. „Wo hat man dich gefunden?“
„In der Nähe eines Dorfes bei Neidenburg in Ostpreußen“, antwortete er, und richtete voller Erwartung seine Augen auf das erregt vor ihm stehende Mädchen.
Fritz glaubte, dem Mädchen die Wahrheit sagen zu können. Nanon aber, so sehr er diese anbetete, hatte er gesagt, daß er zwischen den Bergen, also wohl in der Schweiz, gefunden worden sei, weil er in der Umgebung für einen Schweizer gehalten werden sollte.
„Bei Neidenburg!“ jubelte das Mädchen. „Du bist's! Du bist's! Oh, nun kann ich dich zwingen, mich lieb zu haben, denn ich weiß ein Geheimnis, welches mir deine Liebe verschaffen kann. Willst du mich lieb haben, sehr lieb? Antworte schnell!“
„Was ist's für ein Geheimnis?“ fragte er.
„Sag erst, ob du mich lieben willst!“ drängte sie.
„Nein!“ antwortete er, sich abwendend.
„Nur dann will ich dir sagen, wer deine Eltern sind, wenn du mir gehören willst.“
Schnell drehte er sich wieder zu ihr.
„Meine Eltern?“ rief er. „Kennst du sie?“
„Ja, ganz genau. Ihr wart Zwillingsbrüder. Ihr wurdet geraubt auf den Befehl eines hohen Herrn, der den Räuber reich belohnte. Später aber gingt ihr verloren, du bei Neidenburg und der andere –“
Da öffnete sich die Tür, und der Bajazzo trat ein. Seine Augen funkelten vor Wut, und er fragte:
„Was treibt ihr da, he? Soll ich euch mit dem Stock auseinander treiben? Jetzt eben schlägt es zwei Uhr, und die Vorstellung soll anfangen. Wie siehst du aus, Metze! Pack dich sofort in die Garderobe! Und dieses Bürschchen da werde ich bei den Ohren nehmen und daran erinnern, daß es hier bei uns –“
Er hielt mitten im Satz inne. Sein Blick war auf die Kette und den Zahn gefallen. Er war betrunken, sogar sehr betrunken, aber er erbleichte dennoch. Ohne seine Schimpfrede fortzusetzen, drehte er sich um und verließ das Stübchen. Er sah so verwirrt und erschrocken aus wie einer, den die Nemesis beim Schopf fassen will.
„Was war so plötzlich mit ihm?“ fragte Fritz das Mädchen.
„Er sah diesen Zahn“, antwortete sie. „Siehst du, welche Wirkung dieser hat! Nach der Vorstellung sprechen wir weiter. Jetzt muß ich in die Garderobe. Aber so ist es, wenn die Liebe zu stark wird, zerreißen die Kleider. Also überlege es dir, ob du mich haben willst, wenn ich dir eine Grafenkrone dafür gebe.“
Sie ging und ließ den Deutschen in größter Erregung zurück. Er stand vor der Lösung seines Geheimnisses, aber der Schlüssel stank vor Schmutz. Was sollte er tun? Oh, wenn er doch einmal mit Nanon reden könnte! Kam sie vielleicht zur Vorstellung? Dieselbe war ja auf allen umliegenden Ortschaften angemeldet worden. Aber nein; für die Bewohner von Schloß Ortry war dies Vergnügen nicht passend.
Fritz ging, um sich eine neue Bluse zu kaufen, da er keine andere besaß, als die zerrissene.
Nicht weit vom Gasthaus war ein Laden; dorthin ging er. Er fand, was er suchte, kaufte und bezahlte das Stück und zog es sogleich an, die alte dem Händler als Geschenk zurücklassend. Als er aus dem Laden trat, kamen soeben zwei Wagen herangerollt. Im ersten erblickte er Müller und im zweiten Nanon; für die übrigen hatte er keine Augen. Beide grüßten ihn freundlich, und nun nahm er sich vor, mit Nanon zu sprechen, wenn es nur irgend möglich zu machen sei.
Unterdessen war die Seilkünstlerin in die Garderobe getreten, welche im Hinterhaus des Gasthofes lag. Alle anderen Künstler befanden sich bereits auf dem Platz, wo die Vorstellung gegeben werden sollte; nur der Hanswurst wartete auf sie.
Als sie eintrat, führte er gerade die fast geleerte Flasche an den Mund. Er trank sie aus und warf sie zu Boden, daß die Scherben herumflogen.
„Verdammte Liebelei mit diesem Burschen!“ rief er. „Und wie habt ihr euch aneinander herumgedrückt! Der ganze Anzug ist dabei zerrissen worden!“