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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Er erinnerte sich, wie es war, wenn man kletterte. Überall Nadeln, die ihm das nackte Gesicht zerkratzten und ihm in den Nacken fielen, der klebrige Saft an seinen Händen, der scharfe Kieferngeruch. Für einen Jungen war der Baum leicht zu erklimmen, krumm, wie er war, und die Äste waren so dicht beieinander, dass sie fast eine Leiter bildeten, die bis hinauf zum Dach führte.

Knurrend schnüffelte er am Fuß des Baumes herum, hob das Bein und markierte den Stamm. Ein niedriger Zweig strich ihm durchs Gesicht, und er schnappte danach, zog und zerrte daran, bis das Holz brach und abriss. Sein Maul war voller Nadeln, und er hatte den Geschmack von Harz auf der Zunge. Er schüttelte den Kopf und knurrte erneut.

Sein Bruder setzte sich auf die Hinterpfoten und stieß ein wehklagendes Heulen aus, ein Lied voller Trauer. Der Weg war kein Ausweg. Sie waren keine Eichhörnchen und keine Menschenjungen, die sich mit ihren rosigen Pfoten und unbeholfenen Füßen an den Stämmen von Bäumen hochhangeln konnten. Sie waren Läufer, Jäger, Pirscher.

Draußen in der Nacht, jenseits des Steins, der sie einsperrte, erwachten die Hunde und begannen zu bellen. Erst einer, dann ein zweiter und schließlich alle. Sie witterten ihn ebenfalls, den Geruch von Feinden und Furcht.

Eine verzweifelte Wut ergriff heiß wie Hunger von ihm Besitz. Er sprang von der Mauer fort und lief mit großen Sätzen unter den Bäumen hindurch, wobei ihm die Schatten von Zweigen und Laub durch das graue Fell strichen … und dann drehte er sich um und rannte wieder zurück. Er flog dahin, warf feuchtes Laub und Kiefernnadeln hinter sich auf, und für kurze Zeit war er der Jäger, und ein Hirsch mit mächtigem Geweih floh vor ihm, und er konnte ihn sehen und wittern und setzte ihm mit aller Kraft hinterher. Der Geruch nach Angst ließ sein Herz klopfen, der Geifer rann ihm von den Lefzen, und er erreichte den Baum und warf sich am Stamm hoch und krallte sich, noch immer auf der Verfolgungsjagd, in die Rinde. Aufwärts ging es, aufwärts, zwei Sätze, drei, und er wurde kaum langsamer, bis er die unteren Äste erreicht hatte. Zweige wanden sich um seine Beine und schlugen nach seinen Augen, es regnete graugrüne Nadeln. Er wurde langsamer. Etwas schnappte nach seiner Pfote, und er riss sich knurrend los. Der Stamm unter ihm wurde schmaler, die Neigung steiler, fast aufrecht jetzt, und nass. Die Rinde zerriss wie Haut, wenn er sich daran festklammerte. Ein Drittel des Weges hatte er hinter sich, die Hälfte, und noch ein Stück, das Dach war fast erreicht … und dann spürte er, wie eine seiner Pfoten an dem nassen Holz abglitt, und plötzlich rutschte er. Voller Furcht und Zorn jaulte er auf, fiel, fiel, und drehte sich herum, während der Boden auf ihn zuraste und ihn zu zerschmettern drohte …

Und dann war Bran wieder im Bett seines einsamen Turmzimmers, umklammerte seine Decke und atmete keuchend. »Sommer«, rief er laut. »Sommer.« Seine Schulter schien zu schmerzen, als wäre er darauf gefallen, doch er wusste, dass es sich nur um den Geist dessen handelte, was der Wolf fühlte. Jojen hat die Wahrheit gesagt. Ich bin ein Tierling. Von draußen hörte er das ferne Bellen der Hunde. Das Meer ist gekommen. Es überflutet die Mauern, genau wie Jojen es gesehen hat. Bran packte die Stange über seinem Kopf, zog sich hoch und rief um Hilfe. Niemand kam, und einen Augenblick später erinnerte er sich, dass auch niemand kommen würde. Sie hatten die Wache von seiner Tür abgezogen. Ser Rodrik brauchte jeden Mann im kampffähigen Alter, und deshalb hatte Winterfell nur noch eine symbolische Besatzung.

Die anderen waren vor acht Tagen ausgezogen, sechshundert Mann aus Winterfell und den Befestigungen der Umgebung. Cley Cerwyn würde mit weiteren dreihundert unterwegs zu ihnen stoßen, und Maester Luwin hatte Raben ausgeschickt, um die Männer aus Weißwasserhafen, dem Land der Hügelgräber und sogar solchen abgelegenen Plätzen wie dem Wolfswald einzuberufen. Torrhenschanze war von einem riesigen Kriegshäuptling namens Dagmer Spaltkinn angegriffen worden. Die Alte Nan sagte, dass man ihn nicht töten könne und dass ein Gegner ihm einmal den Kopf mit einer Axt in zwei Teile gespalten habe, aber Dagmer war nur wütend geworden und hatte die beiden Hälften zusammengedrückt, bis sie verheilt waren. Könnte Dagmer gewonnen haben? Torrhenschanze war viele Tage von Winterfell entfernt, und dennoch …

Bran zog sich aus dem Bett und hangelte sich von Stange zu Stange bis zum Fenster. Er tastete ein wenig herum und stieß schließlich die Läden auf. Der Hof war leer, und alle Fenster, die er von hier aus sehen konnte, waren dunkel. Winterfell schlief. »Hodor!«, rief er nach unten, so laut er konnte. Hodor würde über dem Stall schlummern, doch vielleicht würde er Bran hören, wenn dieser nur laut genug schrie, oder jemand anders. »Hodor, komm schnell! Osha! Meera, Jojen, ist denn niemand da?« Bran legte die Hände wie einen Trichter vor den Mund. »HOOOOODOOOOOOR!«

Doch als die Tür hinter ihm krachend aufgestoßen wurde, handelte es sich bei dem Mann, der eintrat, um niemanden, den Bran kannte. Er trug ein Lederwams, das mit sich überlappenden Eisenscheiben benäht war, hielt einen Dolch in der Hand und hatte eine Axt über die Schulter geworfen. »Was willst du hier?«, wollte Bran verängstigt wissen. »Das ist mein Zimmer! Raus hier!«

Theon Graufreud trat hinter dem Mann herein. »Wir wollen dir nichts tun, Bran.«

»Theon?« Bran wurde ganz schwindlig vor Erleichterung. »Hat Robb dich geschickt? Ist er auch hier?«

»Robb ist weit fort. Er kann dir nicht helfen.«

»Mir helfen?« Er war verwirrt. »Mach mir keine Angst, Theon.«

»Prinz Theon heißt es jetzt. Wir sind beide Prinzen, Bran. Wer hätte sich das träumen lassen? Aber ich habe deine Burg eingenommen, mein Prinz.«

»Winterfell?« Bran schüttelte den Kopf. »Nein, das kannst du nicht machen.«

»Lass uns allein, Werlag.« Der Mann mit dem Dolch ging hinaus. Theon setzte sich auf das Bett. »Ich habe vier Männer mit Wurfhaken und Seilen über die Mauer geschickt, und sie haben ein Seitentor für die anderen geöffnet. Meine Männer kümmern sich gerade um deine. Ich versichere dir, Winterfell gehört mir.«

Bran verstand es nicht. »Aber du bist Vaters Mündel.«

»Und jetzt seid du und dein Bruder meine Mündel. Sobald die Kämpfe vorüber sind, werden meine Männer den Rest deiner Leute in der Großen Halle versammeln. Du und ich, wir werden zu ihnen sprechen. Du sagst ihnen, dass du Winterfell an mich übergeben hast und befiehlst ihnen, mir als ihrem neuen Lord zu dienen und zu gehorchen, wie sie es für dich getan haben.«

»Das tue ich nicht«, entgegnete Bran. »Wir werden gegen euch kämpfen und euch hinauswerfen. Ich habe mich noch nie ergeben, und du kannst mich nicht dazu zwingen.«

»Dies ist kein Spiel, Bran, also treib es nicht zu weit, das lasse ich mir nicht gefallen. Die Burg gehört mir, aber diese Menschen sind noch immer dein. Wenn der Prinz um ihre Sicherheit besorgt ist, sollte er besser tun, was man ihm sagt.« Er erhob sich und trat zur Tür. »Man wird dich anziehen und in die Große Halle tragen. Denk gut darüber nach, was du sagen wirst.«

Während er warten musste, fühlte sich Bran noch hilfloser als zuvor. Er saß auf der Fensterbank und starrte hinaus auf die dunklen Türme und Mauern, die schwarz wie Schatten waren. Einmal glaubte er, Schreie und so etwas wie das Klirren von Schwertern aus Richtung der Wachhalle zu hören, doch er besaß weder Sommers Gehör noch seine Nase. Wach bin ich noch immer ein Krüppel, aber wenn ich schlafe, wenn ich Sommer bin, kann ich laufen und kämpfen und hören und riechen.

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