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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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»Während die Wachen zuschauen und Wetten darüber abschließen, wie oft ich zuschlagen muss?«

Arya kaute auf ihrer Unterlippe herum. »Wir müssten die Wachen vorher töten.«

»Und wie?«

»Vielleicht sind es ja nicht so viele.«

»Auch wenn es nur zwei wären, sind das schon zu viele für uns. Du hast in diesem Dorf wohl gar nichts begriffen, oder? Wenn du das tatsächlich versuchst, wird Vargo Hoat dir Hände und Füße abschlagen.«

»Du hast nur Angst.«

»Lass mich in Ruhe, Mädchen.«

»Gendry, es sind hundert Nordmannen. Vielleicht mehr, ich konnte sie nicht alle zählen. Das sind genauso viele, wie Ser Amory hat. Na ja, solange man den Blutigen Mummenschanz nicht mitzählt. Wir müssen sie nur befreien, dann können wir die Burg übernehmen und fliehen.«

»Du kannst sie genauso wenig befreien, wie du Lommy retten konntest.« Gendry drehte den Brustharnisch mit der Zange um und musterte ihn sorgfältig. »Und falls wir fliehen könnten, wohin sollten wir gehen?«

»Nach Winterfell«, antwortete sie sofort. »Ich würde Mutter erzählen, wie du mir geholfen hast, und du könntest bleiben und …«

»Würde M’lady das gestatten? Dürfte ich die Pferde für Euch beschlagen und Schwerter für Eure Hohen Brüder schmieden?«

Manchmal machte er sie rasend. »Hör auf damit!«

»Warum soll ich meine Füße und Hände riskieren, damit ich hinterher statt in Harrenhal in Winterfell schwitze? Kennst du den alten Ben Schwarzdaumen? Er ist als Junge hierhergekommen. Hat für Lady Whent geschmiedet, und davor für ihren Vater und ihren Großvater und sogar für Lord Lothston, der vor den Whents Harrenhal besessen hat. Jetzt steht er in Lord Tywins Diensten, und weißt du, was er sagt? Ein Schwert ist ein Schwert, ein Helm ein Helm, und wenn du ins Feuer greifst, verbrennst du dich, egal, wem du dienst. Lucan ist ein ganz anständiger Meister. Ich bleibe hier.«

»Dann wird dich die Königin erwischen. Ben Schwarzdaumen hat sie schließlich keine Goldröcke hinterhergeschickt!«

»Wahrscheinlich wollte sie auch mich nicht.«

»Doch, und das weißt du selbst auch sehr gut. Du bist nicht irgendwer.«

»Ich bin ein Lehrling des Schmiedehandwerks, und eines Tages werde ich ein Meister der Waffenschmiedekunst sein … wenn ich nicht davonlaufe und mir die Füße abhacken lasse oder sogar umgebracht werde.« Er wandte sich von ihr ab, nahm seinen Hammer und schlug auf das Metall ein.

Hilflos ballte Arya die Hände zu Fäusten. »Dem nächsten Helm, den du machst, solltest du Eselsohren aufsetzen anstatt Stierhörner!« Sie musste hier verschwinden, sonst würde sie anfangen, auf ihn einzuprügeln. Wahrscheinlich würde er es gar nicht bemerken, wenn ich es täte. Aber wenn sie herausfinden, wer er ist und ihm den dummen Eselskopf abschlagen, wird es ihm leidtun, dass er mir nicht geholfen hat. Ohne ihn war sie sowieso besser dran. Schließlich waren sie seinetwegen in dem Dorf erwischt worden.

Der Gedanke an das Dorf erinnerte sie an den Marsch, an den Lagerraum und den Kitzler. Sie dachte an den kleinen Jungen, der mit einem Morgenstern ins Gesicht geschlagen worden war, an den dummen alten »Alle-für-Joffrey«, an Lommy Grünhand. Ich war ein Schaf, und dann war ich eine Maus, ich konnte nichts anderes tun, als mich zu verstecken. Arya kaute auf ihrer Unterlippe herum und überlegte, wann ihr Mut zurückgekehrt war. Jaqen hat mich wieder mutig gemacht. Er hat mich von einer Maus in einen Geist verwandelt.

Seit Wies’ Tod hatte sie den Mann aus Lorath gemieden. Chiswyck war einfach gewesen, jeder konnte einen Mann vom Wehrgang stoßen, doch Wies hatte seinen hässlichen gefleckten Hund von klein auf großgezogen, und nur dunkle Magie konnte das Tier gegen seinen Herrn aufgebracht haben. Yoren hat Jaqen in einer schwarzen Zelle entdeckt, genauso wie Rorge und Beißer, erinnerte sie sich. Jaqen muss etwas Schreckliches getan haben, und Yoren wusste darüber Bescheid, deshalb hat er ihn in Ketten gehalten. Wenn der Lorathi ein Zauberer war, könnten Rorge und Beißer Dämonen sein, die er aus irgendeiner Hölle herbeigerufen hat.

Jaqen schuldete ihr noch einen Tod. In den Geschichten der Alten Nan über Menschen, denen Zauberwünsche von einem Grumkin gewährt worden waren, musste man beim dritten Wunsch stets besonders vorsichtig sein, weil es der letzte war. Chiswyck und Wies waren nicht sehr wichtig gewesen. Der letzte Tod muss zählen, sagte sich Arya jede Nacht, wenn sie die Namen vor sich hin flüsterte. Jetzt jedoch fragte sie sich, ob das wirklich der Grund war, weshalb sie zögerte. Solange sie mit einem Flüstern töten konnte, brauchte sie sich vor niemandem zu fürchten … doch nachdem sie den letzten Tod verbraucht hätte, wäre sie wieder eine Maus.

Da Triefauge bereits aufgestanden war, wagte sie es nicht, in ihr Bett zurückzukehren. Weil sie nicht wusste, wo sie sich sonst verstecken sollte, machte sie sich zum Götterhain auf. Der scharfe Geruch der Kiefern und Wachbäume, das weiche Gras und die Erde zwischen ihren Zehen und das Rauschen der Blätter im Wind gefielen ihr. Ein kleiner Bach wand sich durch den Hain, und an einer Stelle hatte das Wasser den Boden unter einem umgestürzten Baum fortgespült.

Dort, unter dem verrottenden Holz und den gespaltenen Ästen, fand sie das Schwert, das sie versteckt hatte.

Gendry war zu stur, um eins für sie zu schmieden, deshalb hatte sie sich selbst eins gemacht, indem sie die Borsten von einem Besen brach. Zwar war die Klinge viel zu leicht und hatte kein anständiges Heft, doch ihr gefiel das zersplitterte, scharfe Ende. Wann immer sie eine freie Stunde hatte, stahl sie sich davon und machte die Übungen, die Syrio sie gelehrt hatte, tänzelte barfuß über das Laub, schlug nach Ästen und trennte Blätter von Zweigen. Manchmal kletterte sie sogar in die Bäume hinauf, tanzte auf den oberen Ästen, hielt sich mit den Zehen an der Rinde fest und schwankte jeden Tag weniger, denn ihr Gleichgewichtssinn kehrte langsam zurück. Die Nacht war die beste Zeit dafür; niemand störte sie des Nachts.

Arya kletterte. Oben im Königreich der Blätter zog sie das Schwert aus der Scheide und vergaß sie alle, Ser Amory und den Mummenschanz und sogar die Männer ihres Vaters. Sie verlor sich in dem Gefühl des rauen Holzes unter ihren Füßen und ließ ihr Schwert durch die Luft zischen. Ein abgebrochener Ast wurde zu Joffrey. Sie schlug auf ihn ein, bis er hinunterfiel. Die Königin und Ser Ilyn und Ser Meryn und der Bluthund waren nur Blätter, doch auch diese tötete sie und zerfetzte sie zu grünen feuchten Schnipseln. Als ihr Arm schließlich ermüdete, setzte sie sich und ließ die Beine von einem Ast hoch oben baumeln, während sie die kühle Luft tief in die Lungen sog und den schrillen Lauten der jagenden Fledermäuse lauschte. Durch den Laubbaldachin konnte sie die knochenweißen Zweige des Herzbaumes sehen. Von hier aus sieht er aus wie der in Winterfell. Wenn er es nur wirklich sein könnte – dann würde sie einfach hinunterklettern und wieder zu Hause sein, und vielleicht würde sie ihren Vater an seinem alten Lieblingsplatz unter dem Wehrholzbaum finden.

Sie schob das Schwert durch den Gürtel und hangelte sich von Ast zu Ast, bis sie wieder unten war. Sie lief zum Wehrholzbaum hinüber, dessen Zweige das Mondlicht silberweiß färbte, während die fünfzackigen roten Blätter in der Nacht schwarz geworden waren. Arya starrte das Gesicht an, das in den Stamm geschnitzt war. Es war ein fürchterliches Antlitz mit verzerrtem Mund und hasserfüllten Augen. Sah so ein Gott aus? Konnten Götter verletzt werden, so wie Menschen auch? Ich sollte beten, dachte sie plötzlich.

Arya kniete nieder. Sie war nicht sicher, wie sie anfangen sollte, und faltete zunächst einmal die Hände. Helft mir, ihr alten Götter, betete sie still. Helft mir, diese Männer aus dem Kerker zu befreien, damit wir Ser Amory töten können, und bringt mich zurück nach Winterfell. Macht mich zu einer Wassertänzerin und zu einem Wolf, und lasst mich nie, nie wieder Angst haben.

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