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Kerker und Ketten

Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:

Der Pfeifer und seine Freunde quälen sich in den Steinbrüchen von El Mengub. Schon haben sie den sicheren Tod vor Augen, da dürfen sie neue Hoffnung schöpfen: die Piratin Marina, in schmerzlicher Haßliebe an Michel Baum gekettet, versucht, die Gefangenen zu befreien. Doch bald wird sie selbst von Sklavenhändlern verschleppt, und nun ist es an Michel, sie zu suchen. Aber der Bej von Tunis hält ihn fest, und erst eine Palastrevolution schafft ganz neue Verhältnisse. Doch Marina bleibt verschwunden.
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
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»Salam alejkum«, grüßte Steve in seinem schlechten Arabisch.

»W'alejk sal«, erwiderte der Posten unhöflich. Einem Mann, der nicht einmal einen Turban oder einen Fes, die Zierde des Rechtgläubigen, trug, brauchte man nicht den ganzen Gegengruß zu erweisen.

»Wir möchten in den Palast«, sagte Steve.

»Wollt ihr vielleicht den Emir el Mumenin1 besuchen?« fragte der Wärter lachend.

»Das auch. Aber zuerst wollen wir zu dem englischen General, Lord Hawbury, der im Palast des Sultans wohnt.«

»Ah! So habt Ihr wohl gar eine Botschaft für ihn?« »Er ist unser Vater.«

»So, er ist euer Vater — er ist euer Vater«, der Posten wollte sich ausschütten vor Lachen. »Sagt, ist ein englischer Lord nicht so etwas Ähnliches wie ein Kajd[10], dem die Leute gehorchen und der viele Schafe sein eigen nennt?« »Er ist nicht nur ein Kajd, er ist ein Emir.«

»Ein Emir, so, so, und Ihr seid also die Kinder eines Emirs, o Allah, was müssen die Engländer für arme Leute sein, wenn sie so schmutzige Söhne haben.«

Steve blickte seine Schwester an. Isolde war blaß geworden. Sie kannte die Ansichten und Sitten der Araber besser als ihr Bruder und wußte, daß dieser Posten sie niemals in den Palast eintreten lassen würde. Er glaubte wohl kein Wort von dem, was ihm Steve erzählte.

Ihre Gedanken wurde auch sogleich bestätigt; denn jetzt meinte der Posten weniger freundlich:

»Was steht ihr noch hier herum? Das ist kein Platz, an dem sich Bettler und Händler ausruhen dürfen. Macht, daß ihr weiterkommt, sonst mache ich euch Beine.«

In Steve kochte es.

»Du Hundesohn!« schrie er außer sich und stürzte sich auf den Araber, der ihn um halbe Haupteslänge überragte.

Er erhielt einen heftigen Schlag vor die Brust und taumelte zurück. Als er mit der Hand nach dem Brustkorb griff, spürte er ein schmerzhaftes Ziehen oberhalb der sechsten Rippe.

Isoldes Nerven waren diesen neuerlichen Aufregungen nicht mehr gewachsen. Sie begann zu weinen. Die Tränen rannen ihr über die weichen Wangen, so daß sie der Posten erstaunt ansah. »Bist du ein Weib?« fragte er ärgerlich, »daß du so heulst?« »Ich bin die Schwester dieses Mannes«, sagte Isolde schluchzend. »Allah kerim, was wollt ihr denn nur beim Sultan?«

»Wir wollen wirklich nur zu dem englischen General, der bei ihm zu Gast ist.« Jetzt stampfte der Posten zornig mit dem Fuß auf.

»Maschallah, deine verdammten Tränen rühren mich nicht. Ihr müßt euch einen Dümmeren aussuchen, wenn ihr ihm solche Märchen aufbinden wollt. Seht zu, daß ihr Boden gewinnt, sonst rufe ich die Wachen, und ihr wandert in den Kerker. Barra, barra!«

Er machte mit dem Gewehrkolben abermals eine bezeichnende Geste. Isolde zog es vor, nicht zu dicht an ihn heranzukommen. Steve stand an den Zaun gelehnt und hielt sich die schmerzende Brust. Er stöhnte leise.

»Was machen wir nun?« fragte Isolde mit bebender Stimme.

Er zuckte nur die Achseln. Sein ganzer Hochmut war unter dem Schlag zusammengebrochen. Ja, wenn sie jetzt Ojo dabeigehabt hätten! Ein paar Schläge von dessen Händen, und der Bursche hätte sich mitsamt seiner Flinte begraben lassen können. Ein eisiger Schreck durchzuckte das Mädchen.

Ojo hatte den ganzen Rest des Geldes bei sich. Wo aber sollten sie den Begleiter jetzt finden? In der Stadt gab es mindestens tausend Herbergen. In welcher würde Ojo sein?»Barra! Macht, daß ihr fortkommt, ihr Halunken. Ich seh es mir nur noch einen Augenblick an, daß ihr hier herumsteht. Barra! Barra!«

Isolde nahm traurig die beiden Pferde beim Zügel, und ihr Bruder folgte ihr wankend. Der graue Wolkenschleier, der vor dem Himmel hing, zerriß plötzlich. Jäh stach die Sonne auf die Geschwister nieder. Die Hitze legte sich wie ein wollener Mantel um sie und trocknete die durchnäßten Lumpen an ihren Körpern. Zuerst hatten die beiden nur den Eindruck wohliger Wärme. Aber schon nach einer halben Stunde verwünschte Steve die Sonne. Hatte sie vorher der feine Regen durchnäßt und sie frösteln lassen, so lief ihnen jetzt der Schweiß in Strömen vom Rücken, und die Lumpen waren wieder naß.

Stunde um Stunde wanderten sie durch die Stadt und schleppten die abgetriebenen Gäule, die durstig waren, am Zügel nach.

Die Schmerzen in Steves Brust verstärkten sich mit jedem Schritt. Als sich die Sonne dem Horizont zuneigte, jammerte er:

»Ich kann nicht mehr, Isolde, ich bin unfähig, auch nur noch einen Schritt zu machen.« Isoldes Tränen waren mittlerweile versiegt. Sie hatte sich in ihr Geschick ergeben. Aber sie war noch nicht so weit herunter, daß sie sich willenlos von der Verzweiflung hätte übermannen lassen. Reste ihrer Energie waren noch vorhanden. »Wir können uns nicht hier an den Straßenrand setzen. Steve.«

»Ich kann nicht mehr«, stöhnte er verzweifelt. Glühende Messer wühlten in seiner Brust. Isolde verhielt den Schritt und sah ihn an. Er war um Jahre gealtert. Scharfe Furchen standen in seinen jugendlichen Zügen. Sie biß die Lippen aufeinander. Wenn er auch Dummheiten gemacht hatte, er war ihr Bruder. Sie mußte zu ihm halten. Sie hatte schon Schwereres überstanden. Jetzt war sie wenigstens in Freiheit.

»Well«, meinte sie mit fester Stimme, »dann setz dich dort drüben unter den Baum, binde das Pferd an, ich gehe Ojo suchen. Irgendwo muß er ja sein.«

Steve nickte und wankte zu dem von ihr bezeichneten Baum, wo er sich völlig erschöpft niederließ.

Isolde kletterte mühsam in den Sattel und ritt im Schritt davon. Stunde um Stunde ritt sie durch die engen Straßen. Manch ein Blick aus finsteren Augen traf sie. Dennoch blieb sie unbehelligt. Ojo — Ojo, hämmerte ihr Gehirn. Sie mußte ihn finden, koste es, was es wollte. Der Abend brach fast überganglos herein.

Sie hörte von den zahlreichen Minarehs die Stimmen der Muezzins, die die Gläubigen zum Abendgebet riefen, das sicherste Zeichen, daß es in wenigen Minuten tiefe Nacht sein würde. Wie im Traum irrte sie weiter. Manchmal blieb das Pferd von selbst stehen und gehorchte dem Schenkeldruck nicht mehr. Dann schlug sie ihm wütend mit der Faust zwischen die Ohren. Der Gaul machte wieder ein paar Schritte.

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10

Statthalter, Gouverneur

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