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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Der Winter kam in Tryavna drei Tage nach Rob an. In der Nacht begann es zu schneien, und während der nächsten beiden Tage fielen abwechselnd windgepeitschte, harte Graupel und dicke Flocken, die so groß herabschwebten, dass sie aussahen wie Zuckerkonfekt. Als es aufhörte zu schneien, gab man Rob eine große hölzerne Schneeschaufel. Er schaffte die Schneewehen vor den Türen weg und trug dabei einen ledernen Judenhut, den er an einem Pflock im Stall gefunden hatte. Über ihm glitzerten die hohen Berge weiß in der Sonne, und die Arbeit in der kalten Luft machte ihn zuversichtlich. Als er mit dem Schaufeln fertig war, gab es keine andere Arbeit, und er konnte das Studierhaus aufsuchen. In das Holzhaus drang die Kälte ein, gegen die das Herdfeuer so unzureichend ankämpfte, dass die Leute oft vergaßen, es zu unterhalten. Die Juden saßen an rohen Tischen, studierten Stunde um Stunde und debattierten laut und manchmal erbittert. Sie nannten ihr Kauderwelsch loschen. Simon erklärte ihm, dass es sich um eine Mischung aus Hebräisch und Latein und ein paar Redewendungen aus den Ländern handelte, in denen sie reisten oder lebten. Es war eine für Disputanten geschaffene Sprache, und wenn sie gemeinsam studierten, warfen sie einander die Wörter an den Kopf.

»Worüber streiten sie denn?« fragte Rob verwundert. »Über die Gesetze.« »Wo sind ihre Bücher?«

»Sie verwenden keine Bücher. Wer die Gesetze kennt, hat sie auswendig gelernt, wie er sie von seinen Lehrern gehört hat. Wer sie noch nicht auswendig kann, lernt sie, indem er zuhört. So war es immer. Es gibt natürlich auch das geschriebene Gesetz, aber es ist nur da, um zu Rate gezogen zu werden. Jeder Mann, der das mündliche Gesetz

kennt, lehrt die Auslegung der Gesetze, die ihn sein Lehrer gelehrt hat, und es gibt eine Menge Auslegungen, weil es so viele verschiedene Lehrer gibt. Deshalb streiten sie. Jedes Mal, wenn sie debattieren, lernen sie ein bißchen mehr über das Gesetz.«

In Tryavna nannten sie ihn von Anfang an Mär Reuven, die hebräische Übersetzung von Master Robert. Mär Reuven, der Baderchirurg. Daß er Mär genannt wurde, unterschied ihn von ihnen, denn sie nannten einander Reh, ein Titel, der auf lobenswerte Gelehrsamkeit hinwies, aber unter dem eines rabbenu stand. In Tryavna gab es nur einen rabbenu.

Sie waren seltsame Leute und unterschieden sich von ihm durch ihr Aussehen wie durch ihre Bräuche. »Was ist mit seinem Haar los?« wurde Meier von Reb Joel Levski, dem Hirten, gefragt. Rob war der einzige im Studierhaus, der keine peot besaß, die rituellen Haarlocken, die sich neben jedem Ohr ringelten.

»Er weiß es nicht besser. Er ist ein go/, ein anderer«, erklärte ihm Meier »Aber Simon hat mir erzählt, dass dieser andere beschnitten ist. Wie kann das sein?« fragte Reb Pinhas ben Simeon, der Milchmann. Meier zuckte mit den Achseln. »Ein Zufall«, sagte er. »Ich habe mit ihm darüber gesprochen. Es hat nichts mit Abrahams Bund zu tun.« Einige Tage lang wurde Mär Reuven angestarrt, doch auch er starrte die Juden an, denn mit ihren Hüten, Ohrlocken, buschigen Barten, mit ihrer dunklen Kleidung und ihren fremdartigen Bräuchen wirkten sie überaus seltsam. Ihre Gewohnheiten beim Gebet faszinierten ihn, sie waren so persönlich: Meier legte seinen Gebetsschal bescheiden und unauffällig an. Reb Pinhas entfaltete seinen talht, schüttelte ihn beinahe arrogant aus, hielt ihn an zwei Ecken vor sich, warf ihn sich mit einer Armbewegung und einer Drehung seiner Handgelenke über den Kopf, so dass der Schal sich bauschte und sanft wie ein Segen auf seine Schultern fiel.

Wenn Reb Pinhas betete, beugte er sich ruckartig vor und zurück, weil er dem Allmächtigen seine Bitte dringend unterbreiten wollte. Meier schwankte sanft, wenn er seine Gebete aufsagte. Simons Tempo lag irgendwo dazwischen, und er beendete jede Vorwärtsbewegung mit einem leichten Erschauern und Kopfschütteln.

Rob las und studierte sein Buch und die Juden; er benahm sich so sehr wie die übrigen, dass er bald kein Aufsehen mehr erregte. Das Studierhaus war brechend voll - täglich sechs Stunden lang, drei Stunden nach dem Morgengebet, das sie schacharit nannten, und drei Stunden nach dem Abendgebet, ma'ariw —, denn die meisten Männer studierten vor und nach ihrer täglichen Arbeit, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Zwischen diesen beiden Perioden war es jedoch verhältnismäßig ruhig, da nur ein oder zwei Tische von hauptberuflichen Gelehrten besetzt waren. Bald saß Rob ungezwungen und unbemerkt zwischen ihnen, überhörte ihr Gebrabbel, arbeitete am persischen Qu'ran, dem Koran, und begann schließlich, wirkliche Fortschritte zu machen.

Wenn der Sabbat kam, kümmerte er sich um das Feuer. Es war der schwerste Arbeitstag der Woche, aber dennoch nicht so zeitraubend, dass er nicht einen Teil des Nachmittags studieren konnte. Zwei Tage später half er Reb Elia, dem Tischler, neue Querleisten an Holzstühlen anzubringen. Sonst hatte er nichts zu tun, außer Persisch zu studieren, bis ihm Rahel, die Enkelin des rabbenu, das Melken beibrachte. Sie hatte eine weiße Haut und langes, schwarzes Haar, das sie um ihr herzförmiges Gesicht flocht; die Unterlippe ihres zierlichen Mundes war voll wie die einer Frau, und auf ihrem Hals befand sich ein winziges Muttermal. Ihre großen, braunen Augen ließen ihn nicht los.

Rob stand mit einer Decke in der Hand allein im dunklen Kuhstall. Die Decke roch intensiv nach der Stute und war nur wenig größer als ein Gebetsschal. Mit einer schnellen Bewegung schwang er sie über den Kopf, und sie legte sich so ordentlich um seine Schultern, als wäre sie Reb Pinhas tallit. Rob übte so oft, bis er sich den Gebetsschal selbstsicher umlegen konnte. Die Rinder muhten, während er ruhig, aber zielstrebig die schwankende Bewegung beim Beten übte. Beim Gebet ahmte er lieber Meier nach und nicht energischere Andächtige wie Reb Pinhas.

Das war jedoch der leichtere Teil. Es würde viel Zeit erfordern, ihre fremd klingende, komplizierte Sprache zu erlernen, vor allem, da er sich hauptsächlich darum bemühte, Persisch zu lernen. Sie waren ein Volk, das an Amulette glaubte. Im oberen Drittel des rechten Türpfostens jeder Tür in jedem Haus war ein hölzernes Röhrchen angenagelt, das mesusa hieß. Simon erklärte ihm, dass jede mesusa ein winziges, gerolltes Stückchen Pergament enthielt; auf der

Vorderseite waren in rechtwinkeligen assyrischen Buchstaben zwei-undzwanzig Zeilen aus dem 5. Buch Mose 6.4—9 un^ 11.13 — 21 aufgezeichnet, und auf der Rückseite stand das Wort Schaddai -Allmächtiger.

Wie Rob schon während der Reise bemerkt hatte, band sich jeder Erwachsene jeden Morgen außer am Sabbat Riemen mit einer kleinen Lederschachtel an den linken Arm und an den Kopf. Diese hießen tefillin und enthielten Teile von ihrem Heiligen Buch, der Thora; die Schachtel auf der Stirn befand sich in der Nähe des Geistes, die am Arm in der Nähe des Herzens.

»Wir tun es, um den Anweisungen im j. Buch Mose zu gehorchen«, sagte Simon. »>Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen... Und sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sollen dir ein Denkmal vor deinen Augen sein.«« Das Dumme war, dass Rob nur, indem er zuschaute, nicht herausbekam, wie die Juden die tefillin anlegten. Er konnte auch Simon nicht ersuchen, es ihm zu zeigen, denn es wäre merkwürdig gewesen, wenn ein Christ einen Ritus des jüdischen Gottesdiensts lernen wollte. Simon erzählte zwar, dass sie sich den Riemen zehnmal um den Arm schlagen, aber was sie mit der Hand taten, war kompliziert, denn sie verflochten den Lederriemen auf eine besondere Art, mit den Fingern, die er nicht herausfinden konnte.

Er stand in dem kräftig riechenden Stall und wand sich statt der ledernen tefillin eine alte Schnur um den linken Arm, aber so, wie er die Schnur um Hand und Finger wand, ergab es keinen Sinn. Die Juden waren jedoch die geborenen Lehrer, und er lernte jeden Tag etwas Neues. In der Klosterschule von St. Botolph hatten ihm die Priester beigebracht, dass der Gott des Alten Testaments Jehova war. Aber als er Jehova erwähnte, schüttelte Meier den Kopf. »Ihr müßt wissen, dass für uns der Herr unser Gott, gelobt sei Er, sieben Namen besitzt. Das ist der heiligste.« Mit einem Stück Kohle aus dem Kamin schrieb er das Wort sowohl in Persisch als auch in seiner Sprache auf den Holzboden: Jahwe. »Es wird nie ausgesprochen, denn die Identität des Allerhöchsten ist unaussprechlich. Das Wort wird von den Christen falsch ausgesprochen, wie Ihr es getan habt. Aber der Name ist nicht Jehova, versteht Ihr?« Rob nickte. ,?.yv

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