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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Simons Erklärungen machten den Qu'ran für Rob lebendig. Er war beinahe bis zur Hälfte des Buches durchgedrungen und studierte es eifrig, weil ihm klar war, dass sie bald wieder reisen würden. Sobald sie Konstantinopel erreichten, würden er und Meiers Gruppe verschiedene Wege einschlagen, und das hieß, dass er sich nicht nur von seinem Lehrer Simon trennen musste, sondern auch, was schlimmer war, von dem Buch. Der Qu'ran veranschaulichte ihm eine Kultur, die sich von der seinen völlig unterschied, und die Juden von Tryavna gewährten ihm außerdem Einblick in eine dritte Lebensweise. Als Junge hatte er geglaubt, dass England die Welt darstellte, doch nun erkannte er, dass es noch ganz andere Völker gab; manche Züge waren allen gemeinsam, doch sie unterschieden sich voneinander in vieler Hinsicht. Die Begegnung beim Schächten hatte den rabbenu und Reb Baruch ben David versöhnt, und ihre Familien begannen sofort, die Hochzeit von Rahel mit dem jungen Reb Meschullum ben Nathan vorzubereiten. Im Judenviertel setzte lebhafte Geschäftigkeit ein, und die beiden alten Männer wurden oft in bester Stimmung gemeinsam gesehen.

per rabbenu schenkte Rob den alten Lederhut und lieh ihm zum Studium einen winzigen Teil des Talmuds. Das hebräische Gesetzbuch war ins Persische übersetzt, und obwohl Rob die Gelegenheit willkommen war, die persische Sprache in einem anderen Dokument kennenzulernen, begriff er den Abschnitt nicht. Das Fragment befaßte sich mit einem Gesetz, das schaatnes hieß: Obwohl die Juden Leinen oder Wolle tragen durften, war ihnen verboten, ein Gemisch aus Leinen und Wolle zu tragen, und Rob verstand nicht, weshalb. Wen immer er fragte, der wusste es entweder nicht oder zuckte mit den Achseln und sagte, so laute eben das Gesetz.

Als Rob an diesem Freitag nackt im dampferfüllten Badehaus badete, nahm er seinen Mut zusammen, während sich die Männer um ihren Weisen drängten.

»Schi-aila, Rabbenu, schi-aila«, rief er. Eine Frage, eine Frage! Der rabbenu hörte auf, seinen großen schwabbeligen Bauch einzuseifen, lächelte dem jungen Fremden zu und sagte dann etwas. »Er sagt: >Stell deine Frage, mein Sohn!<« übersetzte Simon. »Es ist euch verboten, Fleisch mit Milch zu essen. Es ist euch verboten, Leinen mit Wolle zu tragen. Die Hälfte des Jahres ist es euch verboten, eure Frauen anzurühren. Warum ist so vieles verboten?« »Um den Glauben zu erzwingen«, erwiderte der rabbenu. »Warum stellt Gott so merkwürdige Anforderungen an die Juden?« »Um uns von euch zu unterscheiden«, sagte der rabbenu, aber seine Augen glitzerten freundlich, und seine Worte klangen nicht boshaft. Rob schnappte nach Luft, als Simon ihm Wasser über den Kopf goß.

Alle nahmen an der Feier teil, als am zweiten Freitag des Monats Adar Rahel, die Enkelin des rabbenu, mit Reb Baruchs Enkel Meschullum vermählt wurde.

Am frühen Morgen versammelte sich die Hochzeitsgesellschaft vor dem Hause von Daniel ben Sch'lomo, dem Vater der Braut. Drinnen bezahlte Meschullum den stattlichen Brautpreis von fünfzehn Goldstücken. Die ketubba, der Heiratsvertrag, wurde unterschrieben, und Reb Daniel überreichte eine ansehnliche Mitgift, gab dem Paar den Brautpreis zurück und fügte noch fünfzehn Goldstücke, einen Wagen und ein Pferdegespann hinzu. Nathan, der Vater des Bräutigams, schenkte dem glücklichen Paar zwei Milchkühe. Als sie das Haus verließen, ging die strahlende Rahel an Rob vorüber, als wäre er unsichtbar.

Die gesamte Gemeinde begleitete das Paar zur Synagoge, wo die beiden unter einem Baldachin sieben Segenssprüche aufsagten. Me-schullum zertrat ein dünnes Glas, um zu veranschaulichen, dass Glück vergänglich ist und dass die Juden die Zerstörung des Tempels nicht vergessen dürfen. Dann waren sie Mann und Frau. Die Feier dauerte den ganzen Tag. Ein Flötist, ein Pfeifer und ein Trommler sorgten für Musik, und die Juden sangen fröhlich. Die beiden Großväter breiteten freudig die Arme aus, schnalzten mit den Fingern, schlössen die Augen, warfen die Köpfe zurück und tanzten. Die Hochzeitsfeier endete erst in den frühen Morgenstunden. Rob hatte viel zuviel Fleisch und schwere Süßspeisen gegessen und zuviel getrunken. Als er endlich in der Wärme mit der Katze zu seinen Füßen auf dem Stroh lag, musste er grübeln. Er erinnerte sich mit immer weniger Abscheu an die blonde Frau in Gabrovo und zwang sich, nicht an Mary Cullen zu denken. Er dachte neidisch an den mageren jungen Meschullum, der in diesem Augenblick bei Rahel lag, und hoffte, dass die großartige Gelehrsamkeit des Jungen diesen befähigen würde, sein Glück zu schätzen.

Er erwachte noch vor Sonnenaufgang und spürte die Veränderung in seiner Umwelt mehr, als er sie hörte.

Nachdem er wieder eingeschlafen, noch einmal aufgewacht und dann aufgestanden war, konnte er die Geräusche deutlich hören: ein Tropfen, ein Geklingel, ein Rauschen, ein Dröhnen, das immer stärker wurde, weil immer mehr Eis und Schnee schmolzen. Das Schmelzwasser vereinigte sich mit den Gewässern der befreiten Erde, stürzte die Berghänge hinunter und verkündete das Kommen des Frühlings.

Im Weizenfeld

Als Mary Cullens Mutter starb, hatte ihr ihr Vater versprochen, dass er den Rest seines Lebens um seine Frau Jura trauern würde. Sie hatte bereitwillig wie er Schwarz getragen und öffentliche Vergnügungen gemieden, doch als am 18. März ein volles Trauerjahr zu Ende war,

sagte sie ihrem Vater, es sei Zeit für sie beide, wieder den Gang des normalen Lebens aufzunehmen.

»Ich trage weiterhin Schwarz«, stellte James Cullen fest. »Ich nicht«, meinte sie, und er nickte.

Sie hatte aus Schottland einen Ballen leichten Stoffs mitgebracht, der aus Wolle von ihren eigenen Schafen gewebt war, und sie erkundigte sich genau, bis sie eine gute Schneiderin in Gabrovo fand. Die Frau nickte, als sie ihr erklärte, was sie wollte, wies aber darauf hin, dass man den Stoff, der eine unbestimmte Naturfarbe aufwies, färben solle, bevor man ihn zuschnitt. Die Krappwurzeln ergäben rote Töne, doch bei ihrer Haarfarbe würde sie dann zu auffallend sein. Eichenholz aus dem Kern des Stammes ergäbe Grau, aber nach dem ewigen Schwarz sei Grau zu gedämpft. Ahorn oder Sumachrinde führte zu Gelb oder Orange, doch das seien leichtfertige Farben. Braun bot sich an. »Ich habe mein Leben lang nußschalenbraune Kleider getragen«, murrte sie vor ihrem Vater.

Am nächsten Tag brachte er ihr einen Topf mit einer gelblichen Paste, die wie leicht ranzige Butter aussah. »Das ist ein Farbstoff, ein sehr teurer.«

»Diese .Farbe ist aber nicht gerade bewundernswert«, meinte sie vorsichtig.

James Cullen lächelte. »Sie heißt Indigoblau. Die Paste löst sich im Wasser auf, und du musst darauf achten, dass du sie nicht auf die Hände bekommst. Wenn der feuchte Stoff aus dem gelben Wasser herausgenommen wird, wechselt er an der Luft die Farbe, die dann waschecht ist.«

Der Wollstoff erhielt einen satten, tiefblauen Ton, wie sie ihn noch nie gesehen hatte, und die Schneiderin schnitt ein Kleid und einen Mantel zu. Die fertigen Kleidungsstücke gefielen Mary, aber sie faltete sie zusammen und bewahrte sie bis zum Morgen des 10. April auf, an dem Jäger die Nachricht nach Gabrovo brachten, dass der Weg durch die Berge endlich offen sei.

Am frühen Nachmittag trafen alle Leute in Gabrovo ein, die überall in der Umgebung auf das Tauwetter gewartet hatten, denn die Stadt war der Ausgangspunkt für den großen Paß, dem Tor zum Balkan.

Lebensmittelhändler boten ihre Waren an, und die Massen drängten sich um sie und kämpften darum, Vorräte zu kaufen.

Mary musste der Frau des Wirtes Geld geben, damit sie während dieser turbulenten Stunden Wasser über dem Feuer erhitzte und es in die Schlaf räume der Frauen hinauftrug. Zuerst kniete Mary vor dem hölzernen Bottich, um sich die Haare zu waschen, die jetzt lang und dicht waren wie ein Winterpelz. Dann kauerte sie sich in den Bottich und schrubbte sich, bis sie glühte.

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