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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Selbst wenn man Rob dazu eingeladen hätte, hätte ihn nichts dazu bewegen können, in die Kälte dieses dunklen Mysteriums des Wassers einzutauchen. Wenn der Jabwe genannte Gott wahrlich existierte, dann wusste Er vielleicht, dass Rob Colt zwar die Absicht hatte, sich als eines Seiner Kinder auszugeben, doch hatte er das Gefühl, dass ihn in dem unergründlichen Wasser etwas in die jenseitige Welt ziehen würde, wo alle Sünden seines schändlichen Planes bekannt waren; hebräische Schlangen würden an seinem Fleisch nagen, und vielleicht würde ihn Jesus persönlich bestrafen.

Winter im Studierhaus

Diese Weihnachten waren die seltsamsten, die Rob in seinen einundzwanzig Lebensjahren mitgemacht hatte.

Der Bader hatte ihn nicht zu einem wahren Gläubigen erzogen, aber die Gänse und der Pudding, die Sülze aus dem Schweinskopf, das Singen, die Trinksprüche, der feiertägliche Klaps auf den Hintern waren ein Teil des Festes. In diesem Jahr überfiel ihn gähnende Einsamkeit. Die Juden übersahen diesen Tag nicht aus Niedertracht; in ihrer Welt gab es einfach Jesus nicht. Zweifellos hätte Rob eine Kirche aufsuchen können, er tat es aber nicht.

Merkwürdig: Die Tatsache, dass ihm niemand fröhliche Weihnachten wünschte, machte ihn innerlich mehr zum Christen, als irgend etwas zuvor. Eine Woche später, als das Jahr des Herrn 1033 dämmerte, lag er auf seinem Strohsack und dachte darüber nach, was

aus ihm geworden war und wohin ihn dies alles führen würde. Als er quer durch die britische Insel gewandert war, hielt er sich für einen erfahrenen Reisenden, doch er hatte inzwischen eine Entfernung zurückgelegt, die den Umfang seiner heimatlichen Insel weit überschritt, und noch immer lag ein endloser unbekannter Weg vor ihm.

Die Juden feierten die Jahreswende aber nicht, weil es Neujahr war, sondern weil Neumond war. Er erfuhr zu seiner Verwirrung, dass sie sich nach ihrem Kalender mitten im Jahr 4793 befanden. Das Land war für den Schnee wie geschaffen. Rob freute sich jedes Mal, wenn es schneite, und bald war es für alle selbstverständlich, dass nach jedem Schneesturm der große go; mit seiner Holzschaufel die Arbeit von etlichen gewöhnlichen Schneeschauflern besorgte. Es war seine einzige körperliche Betätigung; wenn er nicht Schnee schaufelte, lernte er Parsi. Er war inzwischen so weit fortgeschritten, dass er allmählich in der persischen Sprache denken konnte.

Einige Juden aus Tryavna hatten Persien besucht, und er sprach mit jedem Menschen Persisch, der dazu bereit war. »Die Aussprache, Simon. Wie ist meine Aussprache?« fragte er seinen Lehrer, der sich darüber ärgerte.

»Jeder Perser wird darüber lachen« entgegnete Simon. »Denn für die Perser werdet Ihr ein Ausländer sein.

Erwartet Ihr Wunder?« Die Juden im Studierhaus lächelten über die Unbeholfenheit des jungen, riesigen go;'.

Sollen sie nur lächeln, dachte der; für ihn waren sie ein ergiebigeres Studienobjekt als er für sie. Zum Beispiel bekam er bald heraus, dass Meier und seine Gruppe nicht die einzigen Fremden in Tryavna waren. Viele Männer im Studierhaus waren ebenfalls Reisende, die auf das Ende des strengen Balkanwinters warteten. Zu Robs Überraschung erzählte ihm Meier, dass keiner von ihnen auch nur eine einzige Münze für über drei Monate Unterkunft und Verpflegung bezahlte. Meier klärte ihn auf: »Dieses System ermöglicht es meinem Volk, zwischen den Nationen Handel zu treiben. Ihr habt gesehen, wie schwierig und gefährlich es ist, die Welt zu bereisen, doch jede jüdische Gemeinde schickt Kaufleute ins Ausland. Und in jedem jüdischen Dorf in jedem Land, ob christlich oder mohammedanisch, wird ein jüdischer Reisender von den Juden aufgenommen, erhält Essen und Wein, einen Platz in der Synagoge, einen Stall für sein Pferd. Jede Gemeinde entsendet Männer in fremde Länder, die dort von jemand

anderem unterstützt werden. Und im nächsten Jahr wird der Wirt der Gast sein.«

Die Fremden fügten sich schnell in das Leben der Gemeinde ein und fanden sogar am lokalen Klatsch Gefallen.

So erfuhr Rob eines Nachmittags, als er im Studierhaus mit einem anatolischen Juden, einem Hufschmied namens Ezra, auf Persisch plauderte - Klatsch auf Parsi! -, dass am nächsten Tag eine aufregende Konfrontation stattfinden werde: Der rabbenu füngierte als schocket, als Gemeindeschlächter von Fleischtieren. Am nächsten Morgen würde er zwei seiner eigenen Tiere, junge Rinder, schlachten. Eine kleine Gruppe der angesehensten Weisen der Gemeinde amtiere als maschgiot, rituelle Prüfer, die dafür sorgten, dass während des Schlachtens das komplizierte Gesetz bis zur letzten Einzelheit eingehalten wurde. Und während der rabbenu schlachtete, war als Vorsitzender der maschgiot sein einstiger Freund und derzeitig erbitterter Widersacher Reb Baruch ben David vorgesehen.

An diesem Abend unterrichtete Meier Rob aus dem Buch Leviticus, dem 3. Buch Mose. Den Juden war erlaubt, von den Tieren der Erde die folgenden zu essen: jedes Tier, das wiederkäute und einen gespaltenen Huf besaß, also auch Schafe, Rinder, Ziegen und Hirsche. Zu den Tieren, die treife, also nicht koscher, waren, gehörten Pferde, Esel, Kamele und Schweine.

Von den Vögeln durften sie Wildtauben, Hühner, Haustauben, Hausenten und Hausgänse essen. Zu den geflügelten Tieren, vor denen sie Abscheu hegten, gehörten Adler, Strauße, Geier, Falken, Kuckucke, Schwäne, Störche, Eulen, Pelikane, Kiebitze und Fledermäuse. »Ich habe nie in meinem Leben etwas so Gutes gegessen wie einen liebevoll zubereiteten jungen Schwan, der mit gepökeltem Schweinespeck gespickt und dann langsam über dem Feuer gebraten wird.« Meier sah ihn leicht angewidert an. »Das werdet Ihr hier nicht bekommen.«

Der nächste Morgen dämmerte klar und kalt. Das Studierhaus war nach dem schacharit, dem Morgengebet, beinahe leer, denn viele wanderten zum Scheunenhof des rabbenu, um dem rituellen Schlachten beizuwohnen.

Ihr Atem bildete kleine Wölkchen, die in der ruhigen, frostigen Luft schwebten.

Rob stand neben Simon. Leichte Unruhe entstand, als Reb Baruch ben David mit dem zweiten Prüfer, einem gebeugten alten Mann namens Reb Samson ben Zanvil, eintraf, dessen Gesicht ernst und streng war.

»Er ist älter als Reb Baruch oder der rabbenu, aber nicht so gelehrt«, flüsterte Simon. »Und jetzt befürchtet er, zwischen die beiden zu geraten, wenn es zu einem Streit kommen sollte.« Die vier Söhne des rabbenu brachten das erste Tier aus dem Stall, einen schwarzen Stier mit kräftigem Rücken und schweren Hintervierteln. Der Stier brüllte, warf den Kopf hoch, stampfte, und sie mussten die Hilfe der Zuschauer in Anspruch nehmen, um ihn mit Stricken im Zaum zu halten, während die mascbgiot jeden Zoll seines Körpers untersuchten.

»Die kleinste Wunde oder der winzigste Riß in der Haut macht das Tier zum Essen ungeeignet«, erklärte Simon.

»Warum?«

Simon sah Rob verärgert an. »Weil das Gesetz so lautet.« Als sie endlich zufrieden waren, führten sie den Stier zu einem mit duftendem Heu gefüllten Futtertrog. Der rabbenu ergriff ein langes Messer. »Siehst du das stumpfe, viereckige Ende des Messers?« fragte Simon. »Es hat keine Spitze, damit es keinen Kratzer in der Haut des Tieres hinterlassen kann. Aber es ist scharf wie ein Rasiermesser.« Sie warteten in der Kälte, aber nichts geschah. »Worauf warten sie?« flüsterte Rob.

»Auf den genau richtigen Moment«, antwortete Simon, »denn das Tier darf sich im Augenblick des Todesschnittes nicht bewegen, sonst ist es nicht koscher.«

Noch während er sprach, blitzte das Messer auf. Mit einem einzigen, geschickten Schnitt wurden der Schlund, die Luftröhre und die Halsschlagader durchtrennt. Im nächsten Augenblick schoß ein roter Strom heraus, und der Stier verlor das Bewusstsein, da die Blutzufuhr zum Gehirn schlagartig abgeschnitten war. Die Augen des Rindes wurden matt, der Stier sank auf die Knie und war einen Augenblick später tot.

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