Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Am zweiundzwanzigsten Oktober trieb der Wind harte, weiße Eiskristalle durch die Luft, die brannten, wenn sie auf die nackte Haut trafen. »Es ist zu früh für diese Kälte«, sagte Rob mürrisch zu Simon, der wieder auf dem Kutschbock saß, da Gersons Hinterbacke verheilt und dieser auf sein Pferd zurückgekehrt war.
»Nicht auf dem Balkan«, widersprach ihm Simon. Sie befanden sich in einem hoch gelegenen, zerklüfteten, mit Buchen, Eichen und Kiefern bestandenen Tal, dessen Hänge teilweise so nackt und felsig waren, als hätte eine zornige Gottheit einen Teil des Berges weggewischt. Tosende Wasserfälle, die in tiefe Schluchten stürzten, bildeten kleine Seen. Vater und Tochter Cullen vor ihm sahen in ihren langen Schaffellmänteln und Mützen wie Zwillinge aus, und er konnte sie nur deshalb unterscheiden, weil er wusste, dass die unförmige Gestalt auf dem Rappen Mary war.
Der Schnee blieb nicht liegen, und die Reisenden kämpften sich durch und kamen voran, aber Karl Fritta ging es nicht rasch genug. Er galoppierte die Marschlinie entlang und trieb zu größerer Eile an. »Irgend etwas hat Fritta eine Heidenangst eingejagt«, meinte Rob. Simon warf ihm rasch einen vorsichtigen Blick zu. »Er muss uns in die Stadt Gabrovo bringen, bevor die Schneefälle einsetzen. Über diese Berge hier führt der große Paß, der das
>Tor zum Balkan« genannt wird, aber er ist schon geschlossen. Die Karawane wird in der Nähe des Zugangs in Gabrovo überwintern. In dieser Stadt gibt es Gast- und Privathäuser, die Reisende aufnehmen. Kein anderer Ort in der Nähe des Passes ist groß genug, um eine Karawane wie die unsere zu beherbergen.«
Rob nickte und erkannte seinen Vorteil. »Dann kann ich den ganzen Winter über Persisch studieren.«
»Ihr könnt das Buch nicht behalten«, stellte Simon richtig. »Wir bleiben nicht bei der Karawane in Gabrovo. Wir reiten in die nahegelegene Stadt Tryavna, weil es dort Juden gibt.« »Aber ich muss das Buch haben. Und ich brauche deine Lektionen.« Simon hob die Schultern.
Nachdem Rob an diesem Abend das Pferd versorgt hatte, suchte er das Lager der Juden auf, die gerade einige besonders geschmiedete Hufeisen begutachteten. Meier reichte Rob eines. »Ihr solltet Euch für Eure Stute einen Satz machen lassen. Sie bewahren das Tier davor, auf Schnee und Eis auszugleiten.« »Kann ich nicht nach Tryavna mitkommen?«
Meier und Simon wechselten einen Blick; offenbar hatten sie bereits darüber gesprochen. »Es liegt nicht in meiner Macht, Euch die Gastfreundschaft von Tryavna zu gewähren.« »Wer kann das?«
»Der Anführer der dortigen Juden ist ein großer Weiser, der rabbenu Sch'lomo ben Elijahu.« »Was ist ein rabbenu?«
»Ein Gelehrter. In unserer Sprache bedeutet rabbenu >unser Lehren und ist ein Ausdruck höchster Ehrerbietung.«
»Dieser Sch'lomo, dieser Weise, ist er ein hochmütiger Mann, der Fremden gegenüber kalt, hart und unnahbar ist?« Meier schüttelte lächelnd den Kopf.
»Kann ich nicht vor ihn treten und um die Erlaubnis bitten, bei Eurem Buch und Simons Lektionen zu bleiben?«
Meier sah Rob an, und man erkannte, dass er über die Frage nicht glücklich war. Er schwieg lange, doch als er begriff, dass Rob eigensinnig auf eine Antwort wartete, seufzte er und schüttelte den Kopf. »Wir werden Euch zu dem rabbenu bringen.«
Tryavna
Gabrovo war eine trostlose Stadt mit schäbigen Holzhäusern. Seit langem sehnte sich Rob nach einer Mahlzeit, die er nicht selbst gekocht hatte, einer guten Mahlzeit, die ihm auf dem Tisch eines Gasthauses vorgesetzt wurde.
Die Juden blieben kurz in Gabrovo, um einen Kaufmann aufzusuchen, und diese Zeit nützte Rob, um in einem der drei Wirtshäuser einzukehren. Das Essen war eine schreckliche Enttäuschung: Das Fleisch war zu stark gesalzen, um zu verheimlichen, dass es einen Stich hatte, und das Brot hart und altbacken. Es wies Löcher auf, aus denen man zweifellos Getreidekäfer herausgeholt hatte. Die Räume waren ebenso unbefriedigend wie das Essen. Wenn die anderen beiden Herbergen nicht besser waren, stand den Mitgliedern der Karawane ein harter Winter bevor, denn )ede verfügbare Handbreit war mit Strohsäcken vollgestopft, und sie würden Wange an Wange schlafen müssen.
Meiers Gruppe brauchte nicht einmal eine Stunde, um nach Tryavna zu kommen, das viel kleiner war als Gabrovo. Das Judenviertel - ein paar von der Witterung gebleichte Holzgebäude mit Strohdächern -war von der üppigen Ortschaft durch Weingärten, die im Winterschlaf lagen, und braune Felder getrennt, auf denen Kühe die Stoppeln des erfrorenen Grases fraßen. Sie kehrten in einem Hof ein, wo Jungen sich ihrer Tiere annahmen. »Ihr wartet am besten hier«, sagte Meier zu
Rob.
Es dauerte nicht lang, da holte ihn Simon und führte ihn in eines der Häuser, durch einen dunklen Korridor, der nach Äpfeln roch, bis zu einem Raum, dessen Einrichtung nur aus einem Stuhl und einem Tisch bestand. Auf dem Tisch häuften sich Bücher und Manuskripte. Dahinter saß ein alter, beleibter Mann mit schneeweißem Haar und Bart. Er war gebeugt, hatte ein Doppelkinn und große braune Augen, die tränten, aber bis in Robs Seele drangen. Namen wurden nicht genannt; es war, als träte Rob vor einen Lehensherrn.
»Wir haben dem rabbenu mitgeteilt, dass Ihr nach Persien reist und für Eure Geschäfte die Sprache des Landes lernen müßt«, sagte Simon. »Er fragte darauf, ob die Freude an der Gelehrsamkeit nicht Grund genug sei zu studieren.« »Manchmal bereitet das Studium Freude«, wandte sich Rob direkt an den alten Mann. »Für mich ist es zumeist harte Arbeit. Ich lerne die Sprache der Perser, weil ich hoffe, dass sie mir zu dem verhelfen wird, was ich möchte.«
Simon und der rabbenu sprachen leise miteinander.
»Er fragt, ob Ihr immer so ehrlich seid. Ich habe ihm erzählt, dass Ihr einem vom Tode Gezeichneten geradeheraus erklärt habt, dass er sterben wird, und er hat geantwortet: >Er ist wirklich ehrlich.<«
»Sag ihm, dass ich Geld habe und für Verpflegung und Unterkunft bezahlen werde.«
Der Weise schüttelte den Kopf.
»Das ist kein Gasthaus. Wer hier wohnt, muss arbeiten«, übersetzte Simon. »Wenn der Erhabene barmherzig ist, werden wir in diesem Winter keinen Baderchirurgen brauchen.«
»Ich brauche nicht als Baderchirurg zu arbeiten. Ich bin bereit, alles zu tun, was Euch nützt.«
Die langen Finger des rabbenu wühlten und kratzten in seinem Bart, während er überlegte. Schließlich gab er seine Entscheidung bekannt.
»Wann immer geschlachtetes Rindfleisch für nicht koscher erklärt wird«, übersetzte Simon, »werdet Ihr das Fleisch dem christlichen Fleischer in Gabrovo verkaufen. Und am Sabbat, wenn die Juden nicht arbeiten dürfen, werdet Ihr Euch um das Feuer in den Häusern kümmern.«
Rob zögerte. Der alte Jude sah ihn interessiert an, weil Robs Augen aufgeleuchtet hatten.
»Noch etwas?« murmelte Simon.
»Wenn die Juden am Sabbat nicht arbeiten dürfen, überantwortet er dann nicht meine Seele der Verdammnis, wenn er dafür sorgt, dass ich es tue?«
Der rabbenu lächelte, als Simon übersetzte.
»Er vertraut darauf, dass Ihr nicht danach strebt, ein Jude zu werden, Master Cole?«
Rob schüttelte den Kopf.
»Dann ist er sicher, dass Ihr ohne Bedenken am Sabbat arbeiten könnt, und er heißt Euch in Tryavna willkommen.«
Der rabbenu führte sie in den hinteren Teil eines großen Kuhstalls, wo Rob schlafen sollte. »Im Studierhaus gibt es Kerzen, aber hier im Stall dürfen wegen des trockenen Heus keine Kerzen angezündet werden«, teilte der rabbenu Rob streng durch Simon mit und hieß ihn auch gleich die Ställe ausmisten.
In dieser Nacht lag er auf dem Stroh, und seine Katze lag zu seinen Füßen wie eine Löwin, die ihn bewachte.
Mistress Buffington verließ ihn gelegentlich, um eine Maus zu jagen, kam aber immer wieder zurück. Der Stall war ein dunkler, feuchter Palast, den die großen Körper der Rinder angenehm erwärmten, und sobald Rob sich an das ewige Muhen und den süßlichen Gestank des Kuhmistes gewöhnt hatte, schlief er beruhigt ein.