Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Schließlich die impedimenta, der Troß aus Packpferden, Frauen und Kindern, Huren, Händlern, Kurieren und Regierungsbeamten, jenen Ameisen der Geschichte, die von den Überresten der römischen Feste lebten.
Die Cullen-Tochter ging wieder neben seinem Wagen und hatte ihr Pferd an eines der Packtiere gebunden.
»Wollt Ihr mit mir fahren, Mistress ? Der Wagen wird eine Abwechslung für Euch sein.«
Sie zögerte, doch als er die Hand ausstreckte, ergriff sie sie und ließ sich hochziehen.
»Eure Wange ist gut geheilt«, bemerkte sie. Sie errötete, sprach aber trotzdem weiter. »Von dem letzten Kratzer ist nur eine zarte silberne Linie übriggeblieben. Wenn Ihr Glück habt, wird sie verschwinden, und es bleibt keine Narbe zurück.«
Auch er errötete, und es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie seine Züge nicht gemustert hätte.
»Wie seid Ihr zu der Verletzung gekommen?« »Eine Begegnung mit Wegelagerern.«
Margaret Mary Cullen holte tief Luft. »Ich bete zu Gott, er möge uns davor bewahren.« Sie sah ihn nachdenklich an. »Einige behaupten, dass Karl Fritta die Gerüchte von den magyarischen Banditen selbst in Umlauf setzt, um den Reisenden Angst einzujagen.« Rob hob die Schultern. »Ich traue es Master Fritta zu. Die Magyaren wirkten eigentlich nicht gefährlich.« Zu beiden Seiten der Straße ernteten Männer und Frauen Kohl.
Sie verstummten. Jede Unebenheit der Straße rüttelte die beiden durcheinander, und Rob hoffte, eine weiche Hüfte und einen festen Oberschenkel zu spüren. Der Geruch ihres Körpers glich dem schwachen, warmen Duft, den die Sonne den Beerenbüschen entlockt.
Er, der landauf, landab in England Frauen in den Armen gehalten hatte, konnte nur stockend sprechen. »Hat Euer erster Vorname immer schon Margaret gelautet, Mistress Cullen?« Sie sah ihn erstaunt an. »Immer.« »Könnt Ihr Euch an keinen anderen Namen erinnern?« »Als ich klein war, nannte mich mein Vater Schildkröte, weil ich manchmal so guckte.« Sie schloss und öffnete beide Augen langsam. Er sehnte sich danach, ihr Haar zu berühren, und wurde unruhig. Unterhalb des breiten Backenknochens befand sich auf ihrer linken Wange eine kleine Narbe, die er erst jetzt entdeckte, aber sie beeinträchtigte ihr Aussehen nicht. Er blickte rasch weg. Vorne wandte Cullen sich im Sattel um und erblickte seine Tochter auf dem Wagen. Cullen hatte Rob inzwischen mehrmals in Gesellschaft der Juden gesehen, und als er Mary Margarets Namen rief, erkannte man an seiner Stimme seine Mißbilligung. Sie stand auf. »Wie lautet Euer voller Name, Master Cole?« »Robert Jeremy.«
Sie nickte ernst, aber ihre Augen neckten ihn. »Hat er immer so gelautet? Könnt Ihr Euch an keinen anderen Namen erinnern?« Sie raffte ihre Röcke mit einer Hand zusammen und sprang leichtfüßig wie ein Tier hinunter.
Kurz sah er weiße Beine aufleuchten. Rob schlug die Stute mit den Zügeln auf den Rücken und ärgerte sich darüber, dass sich die Cullen-Tochter über ihn lustig gemacht hatte.
An diesem Abend suchte er nach dem Essen Simon wegen der zweiten Lektion auf, und er stellte fest, dass die Juden Bücher besaßen. An der St.-Botolph-Schule, die er als Junge besucht hatte, hatte es drei Bücher gegeben: ein Altes und ein Neues Testament, beide lateinisch, und ein englisches Monatsregister, die Liste der heiligen Festtage, deren Einhaltung der König von England vorgeschrieben hatte. Die Seiten bestanden aus Pergament, das aus den Häuten von Lämmern, Kälbern oder Zicklein gewonnen wurde. Jeder Buchstabe war handschriftlich übertragen worden, eine gewaltige Arbeit, die Bücher teuer und selten machte.
Die Juden bewahrten mehrere Bücher - später erfuhr er, dass es sieben waren - in einer kleinen Truhe aus besonders bearbeitetem Leder auf. Simon nahm eines, das in Parsi geschrieben war, und die Lektion bestand darin, dass Rob jene Buchstaben in dem Text suchte, die Simon nannte. Rob hatte das Parsi-Alphabet schnell und gut gelernt. Simon lobte ihn und las einen Abschnitt des Buches, damit Rob den Wohlklang der Sprache hören konnte. Nach jedem Wort hielt er inne und ließ es von Rob wiederholen. »Wie heißt dieses Buch?« »Es ist der Koran, ihre Bibel«, antwortete Simon und übersetzte: Ehre sei Gott, dem Allerhöchsten, voller Gnade und Barmherzigkeit; Er schuf alles, einschließlich des Menschen.
Dem Menschen gab Er einen besonderen Platz in Seiner Schöpfung. Er erwies dem Menschen die Ehre, Sein Bevollmächtigter zu sein, Und zu diesem Zweck schenkte Er ihm Verständnis, Läuterte seine Neigungen und verlieh ihm geistige Einsicht.
»Ich werde Euch jeden Tag eine Liste von zehn persischen Wörtern und Ausdrücken geben«, sagte Simon. »Ihr müßt sie dann für die Lektion des nächsten Tages auswendig lernen.« »Gib mir jeden Tag fünfundzwanzig Wörter«, verlangte Rob, denn er wusste, dass er seinen Lehrer nur bis Konstantinopel behalten würde. Simon lächelte. »Dann also fünfundzwanzig.«
Am nächsten Tag lernte Rob die Wörter mühelos, denn die Straße war noch immer gerade und eben, und die Stute trottete mit verhängten Zügeln dahin, während ihr Herr auf dem Kutschbock saß und übte. Rob fand jedoch, dass er jede Gelegenheit nutzen musste, und so bat er nach der Lektion dieses Tages Meier ben Ascher um die Erlaubnis, das persische Buch in seinen Wagen mitnehmen zu dürfen, damit er es während der langen, eintönigen Reisetage studieren könne. Meier lehnte entschieden ab. »Wir dürfen das Buch nie aus den Augen lassen. Ihr könnt es nur lesen, wenn wir dabei sind.« »Darf dann Simon in meinem Wagen mitfahren?« Er war davon überzeugt, dass Meier wieder nein sagen würde, aber Simon setzte sich für ihn ein: »Ich könnte in dieser Zeit die Kontobücher prüfen.« Meier überlegte.
»Er wird lernen wie ein Verrückter«, meinte Simon ruhig. »Er hungert nach Wissen.«
Die Juden schauten Rob irgendwie anders an als bisher. Schließlich nickte Meier. »Ihr könnt das Buch in Euren Wagen mitnehmen.«
An diesem Abend schlief Rob mit dem Wunsch ein, es wäre schon morgen, und am Morgen erwachte er früh und beinahe schmerzhaft gespannt vor Erwartung. Das Warten wurde ihm lang, als er zusah, wie die Juden langsam Anstalten trafen, den Tag zu beginnen. Simon ging in den Wald, um Blase und Darm zu entleeren, Meier und Tuveh schlurften zur Quelle, um sich zu waschen, dann beugten sich alle vor und zurück und murmelten das Morgengebet. Schließlich trugen Gerson und Juda Brot und Schleimsuppe auf.
Kein Liebender hatte jemals sein Mädchen sehnsüchtiger erwartet.
»Komm, komm, du Schleicher, du hebräischer Tagedieb«, murmelte Rob und ging noch ein letztes Mal seine Tageslektion persischer Wörter durch.
Als Simon endlich kam, brachte er das persische Buch, ein schweres Hauptbuch und einen eigentümlichen Holzrahmen mit, in dem auf dünnen Stangen Glasperlen aufgereiht waren.
»Was ist das?«
»Ein Abakus. Ein Rechengerät, das beim Addieren gute Dienste leistet.«
Nachdem sich die Karawane in Bewegung gesetzt hatte, stellte sich heraus, dass die neue Regelung günstig war.
Obwohl die Straße relativ eben war, rollten die Wagenräder doch über viele Steine, und man konnte kaum schreiben; doch man konnte ohne Schwierigkeiten lesen, und sie machten sich an die Arbeit, während sie Meile um Meile durch das Land zogen.
Rob verstand das persische Buch noch nicht, aber Simon hatte ihm gesagt, er solle die Parsi-Buchstaben und -