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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Wörter lesen, bis ihm die Aussprache keine Mühe mehr mache. Einmal stieß er auf einen Ausdruck, der auf Simons Liste stand, koc-homedi; — Du kommst mit guter Absicht —, und er triumphierte, als hätte er einen kleinen Sieg errungen.

Manchmal blickte er auf, um Margaret Mary Cullens Rücken zu beobachten. Sie ritt dicht neben ihrem Vater, zweifellos auf seinen Wunsch, denn er hatte Simon seltsam angestarrt, als dieser auf den Wagen geklettert war.

Sie hielt sich sehr gerade und hatte den Kopf hoch erhoben, als hätte sie ihr Leben lang im Sattel gesessen.

Schon mittags hatte Rob seine Liste von Wörtern und Sätzen gelernt. »Fünfundzwanzig sind nicht genug. Du musst mir mehr aufgeben.« Simon lächelte und gab ihm weitere fünfzehn Wörter auf. Der Jude sprach wenig, und Rob gewöhnte sich an das Klick-klick-klick der Abakus-Perlen, die unter Simons Fingern hin und her sausten. Irgendwann am Nachmittag knurrte Simon, und Rob wusste, dass er in einer Rechnung einen Fehler entdeckt hatte. Das Hauptbuch enthielt offenbar Aufzeichnungen über sehr viele Transaktionen; Rob dämmerte, dass diese Männer ihrer Familie die Gewinne jener Handelskarawane brachten, die sie von Persien nach Deutschland geführt hatten; deshalb ließen sie auch ihr Lager nie unbewacht. Vor ihm in der Marschlinie befand sich Cullen, der einen beträchtlichen Betrag nach Anatolien brachte, um Schafe zu kaufen. Hinter ihm befanden sich die Juden, die bestimmt einen noch größeren Betrag bei sich hatten. Wenn Räuber eine solch reiche Beute witterten, würden sie ein Heer von Verbrechern aufstellen, und selbst eine so große Karawane wäre dann vor ihrem Angriff nicht sicher. Aber er kam nicht auf den Gedanken, die Karawane zu verlassen, denn allein zu reisen hätte bedeutet, den Tod herauszufordern. Also schlug er sich alle Bedenken aus dem Kopf, saß Tag um Tag mit verhängten Zügeln auf dem Kutschbock und hielt den Blick gleichsam für immer auf das Heilige Buch des Islam gerichtet.

Eine besondere Zeit folgte. Das Wetter hielt, der Himmel war so herbstlich, dass sein tiefes Blau Rob an Mary Cullens Augen erinnerte, die er jedoch nur selten zu sehen bekam, weil sie sich von ihm fernhielt - zweifellos auf Geheiß ihres Vaters.

Simon unterrichtete ihn eifrig, als müsse er ein Großkaufmann werden.

»Wie heißt die persische Gewichtseinheit?«

»Das man, Simon, ungefähr die Hälfte von einem englischen Stone.« »Nennt mir die anderen Gewichte!«

»Ein ratel, der sechste Teil eines man. Das äirham, der fünfte Teil eines ratel. Das mescal, ein halbes dirham.

Das düng, der sechste Teil eines ntescal. Und das Gerstenkorn, ein Viertel eines düng.« »Sehr gut. Wirklich gut!« Wenn Rob nicht geprüft wurde, stellte er ununterbrochen Fragen.

»Bitte, Simon, wie heißt das Wort für Geld?« »Ras."

»Simon, würdest du so freundlich sein... was heißt dieser Ausdruck in dem Buch, sonab a cartet?«

»Verdienst für das nächste Leben, das heißt im Paradies.« »Simon...«

Simon stöhnte, und Rob wusste, dass er ihm lästig wurde, worauf er sich die Fragen verkniff, bis ihm eine äußerst dringende einfiel. Zweimal in der Woche besuchten sie Patienten. Simon übersetzte für ihn, schaute und hörte zu. Wenn Rob untersuchte und behandelte, war er der Fachmann, und Simon stellte die Fragen. Ein dümmlich grinsender fränkischer Treiber suchte den Baderchirurgen auf und klagte über Schwäche und Schmerzen in den Kniekehlen, in denen sich harte Knoten befanden. Rob gab ihm eine Salbe aus schmerzstillenden Krautern und Schafsfett und sagte ihm, er solle in zwei Wochen wiederkommen. Aber der Treiber stand schon nach einer Woche wieder vor ihnen. Diesmal berichtete er, dass er die gleichen Knoten in beiden Achselhöhlen habe. Rob gab ihm zwei Flaschen Umversal-Spezificum und schickte ihn weg. Als alle fort waren, wandte sich Simon an Rob. »Was ist mit dem großen Franken los?«

»Vielleicht werden die Knoten vergehen. Aber ich glaube es nicht. Er wird weitere Knoten bekommen, wenn er die Beulenpest hat. In diesem Fall muss er bald sterben.« Simon blinzelte. »Könnt Ihr nichts dagegen tun?« Rob schüttelte den Kopf. »Ich bin ein unwissender Baderchirurg. Vielleicht gibt es irgendwo einen großen Arzt, der ihm helfen könnte.« »Ich könnte Eure Arbeit erst dann verrichten«, meinte Simon langsam, »wenn ich alles gelernt hätte, was es zu wissen gibt.« Rob sah ihn an, schwieg aber. Es erschreckte ihn, dass der junge Jude sofort und so klar erkannt hatte, wozu er so lange gebraucht hatte.

In dieser Nacht wurde er von Cullen rauh geweckt. »Beeilt Euch, Mann, um Christi willen«, sagte der Schotte.

Eine Frau schrie.

»Mary?«

»Nein, nein. Kommt mit!«

Es war eine dunkle, mondlose Nacht. Nur hinter dem Lager der Juden hatte jemand Pechfackeln angezündet, und im flackernden Licht sah Rob, dass ein Mann im Sterben lag.

£s war Raybeau, ein leichenblasser Franzose, der drei Plätze hinter Rob in der Marschlinie reiste. In seiner Kehle klaffte ein offener Riß, und neben ihm auf dem Boden glänzte eine dunkle Lache. »Er war heute nacht der Wächter unseres Abschnitts«, erklärte Simon. Mary Cullen nahm sich des schreienden Weibes an, Raybeaus gewichtiger Frau, mit der er fortwährend gestritten hatte. Unter Robs feuchten Fingern fühlte sich die aufgeschlitzte Kehle des Mannes glitschig an. Raybeaus Atem ging rasselnd, einen Moment wandte er sich dem verzweifelten Geschrei seiner Frau zu, dann krümmte er sich zusammen und starb.

Einen Augenblick später schraken sie vom Geräusch galoppierender Pferde zusammen. »Es sind nur berittene Wachen, die Fritta ausschickt«, beruhigte sie Meier aus dem Dunkeln. Die gesamte Karawane war auf den Beinen und bewaffnet, doch bald kehrten Frittas Reiter mit der Meldung zurück, dass sie keine Räuberbande gefunden hätten. Vielleicht war der Mörder ein einzelner Dieb oder der Kundschafter von Banditen gewesen; auf jeden Fall war er verschwunden.

Den Rest der Nacht schliefen sie wenig. Am Morgen wurde Caspar Raybeau dicht neben der Römerstraße begraben. Karl Fritta sprach eilig die Begräbnisformeln auf deutsch, dann verließen die Leute die Grabesstelle und trafen nervös Vorbereitungen für die Weiterreise. Die Juden beluden ihre Packmaultiere so, dass die Lasten sich nicht lockerten, wenn die Tiere galoppieren mußten. Jedes Maultier war unter anderem mit einem schmalen, offenbar sehr schweren Sack aus Leder beladen. Rob konnte sich denken, was sich darin befand. Simon kam nicht zum Wagen, sondern ritt neben Meier, bereit zu kämpfen oder zu fliehen, falls es notwendig wurde.

Am nächsten Tag erreichten sie Novi Sad, eine geschäftige Stadt am linken Ufer der Donau. Hier erfuhren sie, dass eine Gruppe von sieben fränkischen Mönchen, die ins Heilige Land pilgerten, vor drei Tagen von Banditen überfallen, beraubt, geschändet und getötet worden war.

Während der nächsten drei Tage reisten sie, als stünde ständig ein Angriff bevor, doch sie gelangten am breiten, glitzernden Strom

entlang ohne Zwischenfall nach Belgrad und kauften dort auf dem Bauernmarkt Vorräte, darunter kleine, säuerliche Pflaumen, die köstlich schmeckten, und kleine grüne Oliven, die Rob zusagten. Er nahm sein Abendessen in einer Taverne ein, doch es entsprach nicht seinem Geschmack, denn es bestand aus mehreren fetten Fleischsorten, die gehackt und vermischt worden waren und nach ranzigem Fett schmeckten.

Schon in Novi Sad hatten etliche Leute die Karawane verlassen, und weitere verließen sie in Belgrad. Dafür stießen andere zu ihr, so dass Cullen, Rob und die jüdische Gruppe in der Marschlinie vorrückten und nicht mehr der gefährdeten Nachhut angehörten. Bald nachdem sie Belgrad verlassen hatten, kamen sie durch ein Vorgebirge, das bald in hohe Berge überging, die unwegsamer waren als alle, die sie bisher überquert hatten. Die steilen Hänge waren mit Steinblöcken übersät, die wie gefletschte Zähne aussahen. Auf den höheren Wegstrecken wehte ein scharfer Wind, und sie mussten plötzlich an den Winter denken: Diese Berge mussten bei Schnee die Hölle sein.

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