Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
Als ehemaligem Hauptmann der Bogenschützen bot man mir das Kommando über die Leichtbewaffneten. Ich nahm es an, nach einer kurzen Beratung mit Myson. Der Kampf mit Bogen und Schleuder ist zwar weniger ehrenhaft als das wütende Zusammenprallen der Hopliten auf offenem Feld, Myson und ich aber waren sicher, dass die kommenden Schlachten ohnehin nicht auf offenem Feld zu gewinnen waren - zu mächtig, zu gewaltig war das Heer der Spartaner, dessen Soldaten von Kindheit an zum Krieg mit Speer und Schild erzogen waren. In den kommenden Kämpfen konnte es daher nur darum gehen, die Stadt zu halten und den Angriffswellen so lange zu trotzen, bis auch sie sich erschöpften und endlich an den Langen Mauern zerschellten. Hierzu brauchte es gute Schützen, Männer, die in der Lage waren, mit dem Eibenbogen jene wenigen offenen Stellen anzuvisieren, die der runde Schild und die Rüstung ließen. Zum ersten Mal seit vier Jahren betrat ich den Kasernenhof der Toxotai wieder. Dort ließ ich Strohpuppen mit Schilden und Helmen aufbauen und meine Soldaten Tag und Nacht auf das Visier der Sturmhaube zielen, das dem Hopliten die Sicht lässt und zugleich seine verwundbarste Stelle bildet.
Während die Stadt dem Kampf entgegenfieberte und die Schreie der Ausbilder durch die Gassen hallten, ließ mich mein Gespräch mit Chilon nicht los. Ich war so sicher, dass kein anderer als Kritias der Mörder Perianders sein konnte, dass ich mir kaum Gedanken darüber gemacht hatte, hierfür auch einen letzten Beweis zu finden. Dabei hatte mir schon Alkibiades allzu deutlich gezeigt, wie wenig ich gegen den Verfasser der ΑΘΗΝΑΙΩΝ ΡΟΛΙΤΕΙΑ wirklich in der Hand hatte. Wie sollte ich der Lösung dieses Rätsels aber näher kommen - jetzt, nachdem vier Jahre vergangen waren, ich nicht mehr der Hauptmann der Toxotai war und kein Stratege mehr seine schützende Hand über mich hielt? War die Tür zur Wahrheit für immer verschlossen? Ich grübelte Tag und Nacht darüber nach, selbst während ich meinen Männern auf dem Übungsplatz den letzten Schliff gab, und bald wurde mir klar, dass es jemanden gab, der diese Tür für mich öffnen konnte. Die Gedanken und Erinnerungen an ihn drängten sich auf, auch wenn mir die Vorstellung, je wieder ein Wort mit ihm zu wechseln oder auch nur seinen Namen auszusprechen, zuwider war - noch jetzt zittert meine Hand, wenn ich ihn niederschreibe: Lykon. Aber wie ihn finden und sprechen? Er musste jetzt siebzehn Jahre alt sein. Wenn sein Vater nicht allzu ehrgeizig war, dann war er bisher weder in die Bürgerrolle seines Demos eingetragen noch für den Wehrdienst eingezogen. Ihn auf dem Sportplatz abzupassen und vor Freunden anzusprechen, war unmöglich, viel zu schnell hätte Kritias, hätte auch Anaxos Nachricht davon. Ich musste ihn also bei sich zu Hause treffen, auch wenn ich es seinerzeit streng vermieden hatte, ihn je bei seinen Eltern zu sehen und zu besuchen.
Kaum hatte ich allerdings den Entschluss gefasst, Lykon wiederzusehen, musste ich seine Ausführung auch schon verschieben. Ich war gerade von der Kaserne aus aufgebrochen, um mich auf den Weg zu ihm zu machen, da erklangen von den Toren her die Hörner. Das konnte nur eines bedeuten: Die Spartaner rückten an. Sofort machte ich kehrt und befahl meine Leichtbewaffneten auf die Mauern. Ich selbst bezog Stellung beim Tor Dipylon, von wo aus man die beste Sicht in den Westen und den Norden hatte. Von hier erwarteten wir den Hauptangriff und hatten offenbar recht mit dieser Einschätzung. Schon von Weitem sah man die gewaltige Staubwolke, die von den eisenbeschlagenen Schuhen der Spartaner aufgewirbelt wurde. Wie eine riesenhafte Herde Rinder näherten sie sich der Stadt, und doch war da keine Bewegung zu viel und kein Tritt zu schnell. Einheit um Einheit, Kohorte um Kohorte, Phalanx um Phalanx kamen sie uns entgegen, ruhig und sicher. Bald erkannten wir König Pausanias' Zeichen auf den Standar-ten. Aber es waren nicht nur spartanische Fahnen, die über den Köpfen der Angreifer wehten, es waren die Fahnen der ganzen Peloponnes. Die Feldzeichen Megaras, Korinths, Mantineas und Messeniens zogen auf uns zu, ein Wald roter, blauer und grüner Fahnen vor einer gigantischen, aus Menschen, Speeren und Schilden geformten, tödlichen Wand. Ich sah mich um und erkannte die Angst in den Augen meiner Kameraden. Ich gab das Zeichen, die Sehnen anzulegen und die Bogen zu spannen.
Die Feinde näherten sich auf fünf Stadien, dann stoppten sie ihren Aufmarsch und standen bewegungslos vor unseren Toren. Mit einem Mal war es völlig still. Der Staub legte sich. Die Fahnen beruhigten sich. Ein paar Falken kreisten über unseren Köpfen und schrien. Niemand sprach ein einziges Wort. Es war, als wären die Götter für einen Moment unter uns getreten.
Doch der Angriff blieb aus. Wir alle warteten auf den spartanischen Kriegsruf und auf den Sturm auf unsere Mauern. Aber die Armeen der Peloponnes blieben unbeweglich - einen verzweifelten halben Nachmittag lang. Unsere Angreifer blieben so regungslos, dass wir meinten, keine Menschen, sondern Statuen vor uns zu haben ...
Endlich löste sich eine Gruppe Reiter aus der Front der Feinde und kam langsam auf uns zu. Es waren drei Männer auf weißen Rossen. Ihre Brustpanzer und Helme leuchteten wie Gold im Licht der tiefstehenden Sonne. Zwei Stadien vor der Stadt legten sie für alle sichtbar die Waffen nieder. Es mussten Unterhändler sein. Dann ritten sie bis vor unsere Mauern. Nach einem kurzen Wortwechsel ließ man sie herein. Am Tor wartete schon eine kleine Schar Athener Reiter, die die Spartaner empfing und zur Agora begleitete. Ich sah ihnen nach, wie sie den Dromos entlanggaloppierten.
Die Fremden blieben bis zum Abend. Kurz bevor die Sonne unterging, kehrten sie zurück und verließen die Stadt auf gleichem Weg. Sie nahmen ihre Waffen auf und reihten sich, ruhig und ohne ein einziges Mal zurückzusehen, wieder bei ihren Kameraden ein. Ein rauer Befehl aus der Kehle eines alten Offiziers, und die Armeen der Peloponnes zogen sich zurück und errichteten vor der Stadt ihre Lager - eines davon, wie ich spä-ter erfuhr, auch in dem Hain, in dem ich Platon zum ersten Mal getroffen hatte.
Sie warteten. Athen wurde belagert.
Es dauerte nur einen Tag, da traf auch die spartanische Flotte ein und ging vor Piräus vor Anker. Chilon schickte mir einen Sklaven, damit ich Bescheid wusste: Lysander hielt die gesamte Hafeneinfahrt besetzt. Allein fünfzig Schiffe hatte Chilon gezählt. Der Rest der spartanischen Flotte kreuzte vermutlich in der Ägäis. Athen war eingeschlossen. Ohne den Willen der Spartaner konnte niemand herein und niemand mehr heraus. Unsere Mauern schützten uns, aber zugleich hielten sie uns gefangen.
Ich ging jeden Tag zu den Mauern, um meine Männer einzuteilen und ihnen Mut zuzusprechen. Das Warten machte sie überheblich und zermürbte sie zugleich. Schon nach drei Tagen legten die Ersten die Bogen zur Seite. Sie begannen, auf den Zinnen Würfel zu spielen und Wein zu trinken. Als ich dazukam, zerschlug ich wütend ihre Amphoren und brüllte sie an. Sie erhoben sich unwillig und maulend, gingen aber wieder auf ihre Posten. Wir warteten, aber das spartanische Lager bewegte sich nicht; an diesem Tag nicht und nicht in den nächsten. Wohl aber standen ihre Wachen senkrecht und unbeweglich vor unseren Toren. An einen Ausfall war nicht zu denken.
Nach vier Tagen erhielt ich den Befehl, für den nächsten Morgen alle Metöken in Waffen zum Wachdienst an der Mauer abzukommandieren. Die Prytanen hatten eine Bürgerversammlung angesetzt. Es gab ein Friedensangebot!
Es war kurz nach Sonnenaufgang, als sich die Pnyx schon füllte. Die unpünktlichen und lauten Athener - an diesem Tag versammelten sie sich zeitig, still und ernst. Kein überflüssiges Wort wurde gesprochen. Wo sich die Männer noch vor Wochen beschimpft und angeschrien hatten, umarmten sie sich jetzt voller Mitgefühl und gaben sich den Bruderkuss.