Indiana Jones Die Gefiederte Schlange
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Indiana Jones Die Gefiederte Schlange». Краткое содержание книги:
Der Mann war im Nebel fast nur als Schatten zu erkennen. Trotzdem erschrak Indiana, wie groß und breitschultrig er war. Er war nackt bis auf einen Lendenschurz und einen Federkopfschmuck, der an Josés erinnerte, aber etwas kleiner war. In der linken Hand trug er ein Messer und in der rechten etwas anderes, das Indiana für einen Speer gehalten hätte, hätte er es nicht besser gewußt. Mit einer fließenden, ungeheuer kraftvollen Bewegung schwang er sich über die stählerne Reling des Schiffes und verschwand geduckt im Nebel.
Dem ersten Mayakrieger folgte ein zweiter, ein dritter und vierter, und dann schien der ganze Nebel rechts und links des Schiffes zum Leben zu erwachen, als Dutzende, wenn nicht Hunderte hünenhafter, halbnackter Gestalten auf das Deck stürmten und sich zu verteilen begannen.
Bentleys Gesicht verlor alle Farbe.»Was um Gottes willen geht da vor?«flüsterte er.
In dem Nebel, der mittlerweile fast die Hälfte des Schiffes verschlungen hatte, blitzte es plötzlich irgendwo auf, und den Bruchteil einer Sekunde später hörte Indiana das sonderbar gedämpfte Geräusch eines Gewehrschusses. Fast im gleichen Augenblick begannen überall an Bord die Alarmsirenen zu schrillen. Aber auch dieses Geräusch wirkte gedämpft und zu leise, als nähme ihm etwas seine Kraft; oder als gehöre es einfach nicht in den Teil der Welt, in den das Schiff vorgedrungen war.
Auf dem Vorderdeck des Schiffes entbrannte ein wütendes Handgemenge zwischen den Angreifern und den Matrosen, die jetzt in immer größerer Zahl an Deck strömten. Es war ein unheimlicher, fast bizarrer Anblick — der Nebel, der sich wie ein graues Leichentuch über dem Schiff ausgebreitet hatte, machte nicht nur die Gestalten von Angreifern und Verteidigern zu gleichförmigen, huschenden Schatten, deren Bewegungen etwas fast Tänzerisches zu haben schienen, er verschluckte auch jeden Laut; dann und wann sah Indiana das grelle Aufblitzen eines Gewehrschusses, aber er hörte nichts.
«Wir müssen raus hier«, schrie Bentley plötzlich. Seine Stimme war schrill und kippte fast um; von dem disziplinierten, stets ruhigen und beherrschten Kreuzerkommandanten, als den Indiana ihn kennengelernt hatte, war nichts mehr geblieben. Was er sah, das mußte sein Weltbild bis in die Grundfesten erschüttert haben. Vermutlich hatte er recht mit dem, was er Indiana noch in der Nacht voller Stolz erklärt hatte: daß nämlich die Kampfkraft dieses Schiffes allein reichte, es mit dem gesamten historischen Mayareich aufzunehmen. Und doch mußte er jetzt mit ansehen, wie diese gewaltige Vernichtungsmaschine von einer Handvoll halbnackter, nur mit Blasrohren und Äxten bewaffneter Wilder überrannt wurde.
«Raus hier!«sagte er noch einmal. Er fuhr herum, durchquerte mit zwei, drei gewaltigen Sätzen das Ruderhaus und zerrte Indiana einfach mit sich. Erst nachdem sie die Brücke verlassen und auf den schmalen Metallgang davor hinausgestürzt waren, gelang es Indiana, sich aus seinem Griff zu befreien und seine Hände abzustreifen.
Der Nebel war so dicht, daß er kaum die sprichwörtliche Hand vor Augen sehen konnte. Alles, was weiter als fünf oder sechs Schritte entfernt war, schien sich in graue Unwirklichkeit aufzulösen. Überall rings um sie herum wurde gekämpft, aber Indiana sah nichts anderes als lautlose Schatten, die manchmal aus dem Nebel auftauchten, um sofort wieder von ihm verschlungen zu werden. Einmal krachte ein Schuß unmittelbar in ihrer Nähe; das grell-orangefarbene Mündungsfeuer war allerhöchstens fünf Meter von Indiana und Bentley entfernt. Aber er hörte trotzdem nur einen gedämpften, kaum wahrnehmbaren Laut. Selbst das Poltern ihrer Schritte auf der Metalltreppe, die zum Deck hinunterführte, wurde von diesem Nebel verschluckt.
Indiana blieb hilflos stehen, als sie das Deck erreicht hatten. Beinahe verzweifelt sah er sich um. Er wußte, daß die Tür, nach der er suchte, ganz in seiner Nähe sein mußte — aber der Nebel war hier unten so dicht, daß er einen halben Meter daran vorbeistolpern konnte, ohne sie zu sehen.
Irgend etwas prallte mit einem gedämpften Klirren neben ihm gegen die Metallwand und zerbrach. Indiana gewahrte plötzlich einen Schatten irgendwo in den grauen Schwaden vor sich, warf sich instinktiv zur Seite und spürte, wie ihn ein zweites Blasrohrgeschoß so knapp verfehlte, daß er den Luftzug spüren konnte. Durch die plötzliche Bewegung verlor er auf dem feucht gewordenen Metallboden den Halt. Er fiel, rollte sich über die Schulter ab und kam mit einer kraftvollen Bewegung wieder auf die Füße; gleichzeitig löste er die Peitsche von seinem Gürtel.
Als der Maya heranstürmte, sein Blasrohr wie eine Keule schwingend, traf ihn das geflochtene Ende der Peitschenschnur mit aller Kraft. Der Indio schrie vor Schmerz, krümmte sich und fiel auf die Knie, und Indiana war mit einem blitzschnellen Satz bei ihm und schlug ihm die Faust unter das Kinn. Bewußtlos sackte der Maya nach hinten.
Indiana blieb eine Sekunde stehen, massierte seine schmerzende Rechte und blickte auf den riesigen Mayakrieger hinab. Der Mann war sehr groß und muskulös; aber es war kein solcher Gigant wie der, der ihn in New Orleans umzubringen versucht hatte. Wäre es anders gewesen, dann wäre es jetzt wahrscheinlich Indiana, der bewußtlos oder tot auf dem Rücken lag.
Er verscheuchte den Gedanken, drehte sich herum und versuchte, den Nebel mit Blicken zu durchdringen. Rings um ihn herum tobte der Kampf mit gespenstischer Lautlosigkeit weiter, aber darauf achtete er kaum. Er mußte zu Joana. Wenn sie ihre Kabine verließ und hier heraufkam, um nachzusehen, was der Lärm und die Aufregung zu bedeuten hatten, dann würden die Mayas sie wahrscheinlich umbringen.
Vorerst jedoch fand er nicht einmal den Brückenaufbau wieder, geschweige denn die Tür. Bentley war irgendwo im Nebel verschwunden. Indiana machte einen unsicheren Schritt und blieb erschrocken wieder stehen, als der Nebel einen weiteren, riesigen Schatten ausspie. Aber diesmal wurde er nicht angegriffen — der Indio verschwand ebenso lautlos wieder, wie er aufgetaucht war.
Wie ein Blinder, beide Arme weit ausgestreckt, tastete sich Indiana durch die immer dichter werdenden Schwaden vorwärts. Trotzdem stieß er zweimal schmerzhaft gegen Metall, und einmal ergriffen seine Hände etwas aus Stoff; er hörte einen spitzen Aufschrei, dann wurden seine Arme beiseite geschlagen, und er taumelte zurück und hätte um ein Haar die Balance verloren.
Schließlich stießen seine tastenden Finger auf Widerstand. Aber es war nicht das Metall der Tür, nach der er suchte, sondern feuchtes, geteertes Holz. Indiana machte einen weiteren Schritt und starrte eine Sekunde lang verblüfft auf den unförmigen Schatten, der aus dem Nebel vor ihm aufgetaucht war, ehe er sich eingestand, daß er die Orientierung verloren hatte und statt zurück zur Brücke genau in die entgegengesetzte Richtung gegangen war. Vor ihm lag eines der beiden großen Rettungsboote, die er am Bug des Schiffes gesehen hatte.
Enttäuscht drehte er sich wieder um, tastete einige weitere Sekunden blind im Nebel herum und bekam schließlich etwas zu fassen, das er mit einiger Mühe als die Reling des Schiffes identifizieren konnte. Wenn er sich jetzt nach links und daran entlangtastete, dann mußte er den Weg zur Brücke zurück finden. Indiana war sich schmerzlich der Tatsache bewußt, daß er auf diese Weise weitere kostbare Zeit verlieren mußte, aber die Gefahr, sich in diesem unheimlichen Nebel abermals zu verirren und dabei noch mehr Zeit — oder vielleicht auch sein Leben — zu verlieren, war zu groß.
Über alledem hätte er fast die größte Gefahr vergessen, die über diesem Schiff schwebte.
Aber sie hatte ihn nicht vergessen.
Er hatte sich noch keine fünf Schritte weit an der Reling entlanggetastet, als der Nebel eine weitere riesige Indianergestalt ausspie. Und diesmal kam seine Reaktion zu spät.
Der Maya war nicht mit einem Blasrohr bewaffnet, sondern schwang eine kurzstielige Axt mit einer Schneide aus schwarzem Stein. Indiana wich dem Hieb im allerletzten Moment aus, aber der rasiermesserscharf geschliffene Obsidian hinterließ einen langen, blutigen Kratzer auf seiner Brust, und der Schwung von Indianas eigener verzweifelter Bewegung reichte aus, ihn rücklings gegen die Reling prallen und das Gleichgewicht verlieren zu lassen. Eine halbe Sekunde lang stand er in einer fast grotesken Haltung da, ruderte wild mit den Armen und versuchte, seine Balance wiederzufinden, dann versetzte ihm der Maya einen Stoß vor die Brust, und Indiana schlug einen halben Salto nach hinten und fiel über Bord; für eine halbe, aber entsetzliche Sekunde befand sich der Himmel unter und das Meer über ihm, dann warf sich Indiana mit der Kraft der Verzweiflung weiter herum, vollendete die Drehung und streckte gleichzeitig beide Hände aus. Wie durch ein Wunder bekam er die Reling zu fassen.