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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Da aber gab ihm der Himmel selber einen Fingerzeig. Der König nämlich, der erkannt hatte, es werde ihm allein nie gelingen, die Kruste des Unglaubens um Raquels Herz zu brechen, bat ihn um seinen Beistand, er konnte das fromme Verlangen nicht wohl abschlagen und sah sich gezwungen, die Besuche im Castillo fortzusetzen.

Da waren sie denn wieder zusammen in der Rundhalle wie früher, Musa, Raquel, der Domherr und auch der junge Don Benjamín; Rodrigue brachte ihn mit, damit seine Absicht, Raquel zu bekehren, nicht allzu deutlich werde.

Es fiel dem jungen Don Benjamín nicht leicht, seine Unbefangenheit vor Raquel zu wahren. Er hatte in diesen Wochen unablässig nachgedacht über das Schicksal, das ihr auferlegt war, dieses schwere und gefährliche Glück. Erst seitdem sie in die Galiana entrückt war, hatte er erkannt, was sie ihm bedeutete, und Begierde, gemengt mit bitterer Resignation, färbte jetzt und vertiefte wunderlich seine Freundschaft.

Er hatte erwartet, eine sehr veränderte Raquel zu finden. Aber da saß sie und war die frühere. Er war enttäuscht und beglückt und konnte, der sonst so methodische junge Gelehrte, seine Gedanken nicht ordnen. Verstohlen, immer von neuem, prüfte er ihr Gesicht, hörte nur halb hin auf das, was die andern sprachen, und schwieg.

Don Rodrigue seinesteils wartete auf die Gelegenheit, sein Bekehrungswerk zu beginnen. Er war kein Eiferer, jegliche Plumpheit war ihm verhaßt, er wartete auf das rechte Wort, an das er anknüpfen könnte. Seine Minute kam, als Musa sich wieder einmal über sein Lieblingsthema ausließ, daß nämlich allen Völkern ihre Blüte und ihr Altern vom Schicksal vorgeschrieben sei.

Das stimme wohl, meinte der Domherr, aber wie wenige Nationen wollten einsehen, wann ihre Zeit abgelaufen sei. »Da haben wir das Volk der Juden«, dozierte er. »Daß sie sich nach dem Erscheinen des Heilands noch ein Jahrhundert lang oder zwei Jahrhunderte vorgemacht haben, die Heilsverkündigungen ihres Großen Buches seien weiter in Geltung und ihr Reich werde wieder erstehen, das ist schließlich zu begreifen. Nun aber leben sie doch schon über ein Jahrtausend im Elend, und noch immer nicht wollen sie einsehen, daß die Segnungen des Jesaja erfüllt sind eben durch die Ankunft des Heilands. Sie wollen die Zeit überlisten und beharren gegen allen Augenschein in ihrem Irrtum.«

Er schaute weder Raquel an noch Benjamín, er predigte nicht, er unterhielt sich mit Musa, ein Philosoph mit einem andern. Aber Benjamín merkte gut, wohin er zielte, wie er unschuldig fromm und grausam Raquel ihr Judentum verleiden wollte, und Benjamín riß sich los aus seinem Geträume und wurde beredt. »Aber keineswegs wollen wir die Zeit überlisten, hochwürdiger Vater«, verteidigte er seinen und Raquels Glauben, »vielmehr wissen wir: die Zeit ist nicht gegen, sie ist mit uns. Wir deuten die Siegesverheißungen unseres Buches nicht plump wörtlich. Es sind nicht Siege des Schwertes, welche die Propheten uns versprochen haben, und nicht solche Siege sehnen wir herbei. Wir halten nicht viel von Rittern und Kriegsknechten und Belagerungsmaschinen. Deren Erfolge haben keinen Bestand. Unser Erbteil ist das Große Buch. Wir haben uns durch zweitausend Jahre mit ihm befaßt, es hat uns zusammengehalten im Elend und in der Zerstreuung ebenso wie in unserm Glanz, wir allein verstehen es richtig zu deuten. Was es uns verheißt, sind Siege des Geistes, und diese Siege raubt uns kein Kreuzzug und kein Dschihád.«

»Ja«, sagte spöttisch und betrübt Don Rodrigue, »eritis sicut dii, scientes bonum et malum; noch immer glaubt ihr das Wort der Paradiesesschlange. Und weil ihr, ich geb es zu, vor andern mit Verstande gesegnet seid, haltet ihr euch für allwissend. Aber gerade dieser Dünkel macht euch blind und hindert euch, das Handgreifliche zu begreifen. Der Messias ist längst gekommen, die Zeit ist erfüllt, die Segnungen sind da. Alle sehen es, nur ihr wollt es nicht sehen.«

»Ist sie da, die Zeit des Messias?« antwortete bitter Don Benjamín. »Ich sehe nichts davon. Ich sehe nicht, daß ihr eure Schwerter zu Pflügen umschmiedet und eure Speere zu Winzermessern. Ich sehe nicht, daß Alfonso mit dem Kalifen weidet. Unser Messias wird der Welt in Wahrheit den Frieden bringen. Was wißt denn ihr vom Frieden! Frieden, Schalom: ihr versteht ja nicht einmal das Wort! Ihr könnt ja nicht einmal das Wort übersetzen in eure armen Sprachen!«

»Du trittst sehr kriegerisch für den Frieden ein, mein lieber Don Benjamín«, versuchte Musa ihn zu beruhigen.

Benjamín aber hörte nicht auf ihn. Befeuert von der Nähe Doña Raquels, brach er los: »Was ist denn eure armselige Pax, eure Treuga Dei, eure armselige Eirene! Schalom, das ist die Vollendung, das ist die Glückseligkeit, und alles, was nicht Schalom ist, ist böse. Unserm König David war es nicht vergönnt, den Tempel zu bauen, weil er nichts war als ein Eroberer und großer König. Erst Salomo, der Friedenskönig, durfte ihn bauen, weil unter ihm ein jeder in Sicherheit wohnte unter seinem Weinstock und Feigenbaum. Der Altar, über dem eine Waffe geschwungen wird, ist entweiht, er ist Gottes nicht würdig, das ist unsere Lehre. Ihr aber ehrt euern Messias, indem ihr seine Stadt, Jerusalem, die Stadt des Friedens, berennt und zerstört. Wir sind arm und bloß, aber die Narren seid ihr mit all euerm Glanz und Waffenschmuck. Uns ist das Land verheißen, uns gehört es. Und weil es so geschrieben steht, führt ihr Krieg darum, ihr und die Moslems. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so herzzerreißend wäre.«

Die Heftigkeit des jungen Menschen machte den Domherrn nur milder. »Du sprichst von Glückseligkeit, mein Sohn«, sagte er, »und du nennst sie Schalom, und du sagst, sie sei euer Erbteil. Aber auch wir kennen Glückseligkeit. Wir nennen sie anders, doch ist es nicht gleichgültig, welchen Namen wir ihr geben? Ihr heißt sie Schalom, wir heißen sie Glauben, wir heißen sie Gnade.« Und nun mußte der Schamhafte heraussagen, was er sonst still im Busen hielt, er mußte bekennen. »Die Gnade, mein Sohn«, sagte er, »ist nicht eine Verheißung ferner Zukunft, sie ist in der Welt. Ich bin nicht so beredt wie du, ich kann die Gnade nicht erklären. Sie kann nicht durch Anstrengung der Vernunft erlangt oder auch nur gesichtet werden. Sie ist das höchste Geschenk Gottes. Wir können nichts tun als darum beten.« Und stark und aus dem Herzen heraus schloß er: »Ich weiß, daß es die Gnade gibt. Ich bin selig im Glauben. Und ich bete zu Gott, daß er die Gnade auch andern verleihe.«

Von solchen Gesprächen, welcher Glaube der beste sei, war das ganze Abendland voll. Um diese Streitfrage, um den Vorrang des Christentums, wurde der Krieg geführt. Und Leidenschaft brannte durch die Disputationen.

Auch in der stillen Rundhalle des Musa debattierten der Domherr und Don Benjamín noch mehrere Male um den Glauben. Doch zähmte jetzt Benjamín seine Heftigkeit; er wollte seinen verehrten Lehrer Rodrigue nicht nochmals durch wüsten Angriff kränken. Doña Raquel aber bedurfte sichtlich keiner Stärkung im Glauben; Benjamín hatte bei jenem ersten Ausbruch freudig wahrgenommen, mit welcher Teilnahme sie ihm zuhörte. In diesen späteren Diskussionen begnügte er sich also, auf die innere Vernünftigkeit des Judentums hinzuweisen, dessen Gott von seinen Gläubigen kein Opfer des Verstandes verlange. Mit wissenschaftlicher Gelassenheit zitierte er Sätze aus des Dichters Jehuda Halevi schönem Buche »Zur Verteidigung des Gedemütigten Glaubens«, oder er berief sich auf Beweisgründe aus den Werken des großen Mose Ben Maimon, der jetzt in Kairo blühte. Der Domherr aber stellte ihm ebenso gelassen Argumente aus dem Augustin entgegen oder aus dem Abaelard. Raquel sprach selten und stellte selten Fragen. Doch hörte sie hingegeben zu und prägte sich Benjamíns Sätze gut ein. Sie und Benjamín kamen einander wieder sehr nahe.

Benjamín verhehlte sich nicht, daß er sie liebte. Aber er ließ davon nichts merken, er gab sich als Freund. Sie fühlten sich, Raquel und er, jung vor den älteren Männern, sie waren gute Kameraden.

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