Die Jüdin von Toledo
- Автор: Фейхтвангер Лион
- Год: 1947
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
Musa, als er einmal mit Rodrigue allein war, fragte ihn, warum eigentlich er Raquel in ihrem Glauben unsicher machen wolle; auch der von Rodrigue verehrte Abaelard lehre doch, man müsse dem fremden Glauben Duldsamkeit entgegenbringen, solange er den Geboten der natürlichen Vernunft und Sittlichkeit nicht zuwiderlaufe. »Bringe ich dir nicht genug Duldsamkeit entgegen, mein verehrter Musa?« fragte der Domherr. »Ich kann dir nicht sagen, welch tiefe Freude es mir wäre, wenn eine mens regalis wie die deine, ein so königlicher Geist, gekrönt würde durch die Gnade. Aber ich bin nicht so überheblich, anzunehmen, daß es mir vergönnt sein sollte, dich zu erleuchten. Es ist mir nicht gegeben, zu eifern, und es liegt mir nicht, den andern zu bestürmen; du weißt es. Wenn ich indes in das sanfte, bildsame, unschuldige Gesicht unserer Raquel blicke, dann spüre ich den Auftrag, um ihre Seele zu kämpfen. Da ich die gute Botschaft weiß, wäre ich ein Sünder, wenn ich sie verschwiege.« Den König machte es ungeduldig, daß seine und Rodrigues Bemühungen um die Seele Raquels eitel blieben.
Er stand mit Raquel vor einem ihrer hebräischen Spruchbänder. Es war Wochen her, daß sie ihm die Sätze vorgelesen und übertragen hatte, aber sein gutes Gedächtnis hatte sie aufbewahrt, daß er sie ihr fast Wort um Wort wiederholen konnte: »Ich bereite deine Straße aus Edelsteinen und deine Häuser aus Kristall. Keiner Waffe, die wider dich gerichtet ist, soll es gelingen, und alle Zunge, so sich wider dich setzet, soll verdammt sein.« Spöttische Verwunderung war in seiner Stimme, die schmalen Lippen hatte er zu einem bösen Lächeln verzogen. »Ich begreife nicht recht«, sagte er, »warum du gerade diesen Spruch hierhergesetzt hast. Willst auch du dich künstlich blind machen? Wo sind sie, eure Straßen aus Edelsteinen? Jetzt seid ihr elend und ohnmächtig schon länger als tausend Jahre und lebt von unserm Mitleid. Wie lange noch wollt ihr eure traurige Nacktheit mit solchen bunten, leer gewordenen Verheißungen aufputzen? Es ist mir leid, daß auch du so verstockt bist.«
Es war das erstemal, daß er so plump auf sie einschalt. Ach, sie hätte auf das falsche und bösartige Gerede gut erwidern können; aber sie wollte keinen Streit. Sie sagte ruhig: »Euer großer Doktor Abaelardus lehrt, es stehe dem Christen an, Duldung zu üben gegen jede vernünftige Religion.« – »Die eure ist aber nicht vernünftig«, schmetterte feindselig der König, »das ist es doch eben.«
Es tat Raquel weh, daß dieser liebste Mensch das Beste, was sie hatte, beschimpfte. Sie hörte im Geist, wie Benjamín den jüdischen Glauben gerade mit Beweisen seiner Vernünftigkeit verteidigte. Aber wenn der kluge, beredte Benjamín den milden Rodrigue nicht hatte überzeugen können, wie sollte sie es vermögen, dem gewalttätigen Alfonso die rechte Deutung des Großen Buches klarzumachen? Und noch dazu in seinem traurigen Latein. Sie schaute ihm ins Gesicht, nachdenklich, mit den großen, blaugrauen Augen. Ja, wahrhaftig, er glaubte, was er da den andern nachredete. Da hatten diese Christen tausend mal tausend Ritter und Knechte hingeschickt in das Heilige Land und hatten es nicht gewinnen können. Und begriffen immer noch nicht, daß das Land ihnen eben nicht bestimmt war. Und da stand auch er, ihr Alfonso, und verhöhnte die Heilsversprechungen derjenigen, denen das Land gehörte. Und sie schaute ihn an, und plötzlich mußte sie lachen über die Blindheit der Menschen, und insbesondere ihres Alfonso.
Hatte schon ihr Schweigen und Schauen ihn aufgebracht, so erregte ihr Lachen seinen vollen Zorn. Unter der gefurchten Stirn leuchteten gefährlich hell seine Augen. »Lache nicht!« herrschte er sie an. »Schweig! Lästere nicht unsern Heiligen Krieg, du Ungläubige!«
Stumm verließ sie das Zimmer.
Zwei Stunden später suchte er sie überall, im Haus und im Garten, und auch sie suchte ihn. Als sie sich fanden, lächelte er verlegen wie ein Junge, auch sie lächelte, sie küßten sich.
Und aus dem Kuß heraus sagte sie: »›Wofern ihr einem grollet, ihr sollet nicht meiden seine Nähe. Aufsuchet ihn und grüßet ihn und sprechet aus euch sänftiglich und ohne scharfer Rede Dorn in jeglichem, was euch an ihm verdrießet. Das ist erneuter Liebe Born. Der Beßre sein wird der von euch, der als der Erste kommt und grüßt.‹ So heißt es im Koran. Wir sind beide gekommen. Keiner ist der Bessere.« Jehuda hatte seit Monaten erlebt, wie sein Sohn in die Gemeinschaft der andern abglitt. Aber als sich Alazar wirklich taufen ließ, packte ihn Schreck wie über ein Unerwartetes.
Jetzt erst übersah er das volle Maß seiner Schuld. Er hatte Alazar nicht genug geliebt, er hatte ihn nicht so geliebt wie Raquel. Alazar hatte seine ganze Kindheit als Moslem unter Moslems verlebt, und er selber hatte ihn, noch ehe er recht verstand, was Judentum war, an den lockenden Hof des Christenkönigs geschickt. Jetzt war sein Sohn zum Verräter geworden, er hatte seine Auserwähltheit verkauft um das Linsengericht der Ritterschaft, er war verloren und hin, ausgetilgt für immer, ausgestrichen aus dem Buche derer, die auferstehen werden beim Jüngsten Gericht.
Jehuda trauerte um ihn als um einen Toten. Sieben Tage hockte er auf der Erde zerrissenen Kleides.
Don Ephraim Bar Abba kam, ihn zu trösten. Dem Párnas graute vor Don Jehuda und seinem maßlosen Schicksal. Keine schrecklichere Heimsuchung hätte ihn treffen können als der Abfall des einzigen Sohnes. Die Abtrünnigen waren von jeher zu den grausamsten Feinden der Juden geworden, und nun war dieser junge Sohn des Jehuda ein solcher Abtrünniger. Aber die Pflicht gebot, den Trauernden zu trösten. Don Ephraim hatte Widerwillen und Schauder überwunden, er war gekommen, er neigte sich hinunter zu Don Jehuda und sprach die Formeclass="underline" »Gelobt seist du, Adonai Unser Gott, gerechter Richter«, und er sandte die zehn besten Männer der Aljama, daß sie die vorgeschriebenen Gebete sprachen.
Nicht nur die Trauer um den Sohn, es drückte Jehuda auch jenes vermessene Gelübde, daß er den fränkischen Flüchtlingen die Grenzen Kastiliens öffnen werde. Die Frist, die er sich bei Strafe des Großen Bannes gesetzt hatte, lief ab. Und er kam nicht mehr an den König heran. Der wird, nun er ihm die beiden Kinder gestohlen hat, das Mädchen erst und jetzt den Sohn, seine Gegenwart noch beflissener vermeiden.
Die Neujahrstage kamen, die dunkel feierlichen Tage des Rosch Haschana, bestimmt zur Gewissensprüfung.
Raquel verbrachte das Fest bei ihrem Vater. Er sprach nicht von dem Abfall Alazars; doch sah sie, wie tief er daran litt. Sie selber hatte die Erschütterung über die Taufe des Bruders nur verhärtet in dem heiligen Willen, ihren Anteil an Gott festzuhalten.
Jehuda bestellte einen Kundigen in sein Haus, daß der das Widderhorn blase, das Schofar, dessen mahnenden Schall an diesem Bußfeste zu hören jeder Jude verpflichtet ist. Denn dies ist der Tag, da Gott alles Geschaffenen gedenkt, da er Gericht hält und die Lose der Menschen bestimmt. Der gellende, schneidende Klang des Hornes erfüllte Raquel mit frommem Schauder, und in ihrer Märchengläubigkeit sah sie, wie die Namen der Gerechten von einer unsichtbaren Hand in das Buch des Lebens und Wohlergehens eingeschrieben wurden und die der Bösen gelöscht. Die Entscheidung aber über diejenigen, die nicht gut noch böse waren, über die weitaus meisten also, blieb aufgeschoben bis zum Versöhnungsfest, damit sie die zehn Tage noch nützten, Buße zu tun.
Am Nachmittag gingen Jehuda und Raquel, wie es der Brauch verlangte, an ein fließendes Wasser. Sie gingen vor die Stadt zum Flusse Tajo. Warfen Brotkrumen in den Fluß, warfen ihre Sünden in den Fluß, daß er sie zum Meer trage, und sprachen die Verse des Propheten: »Wo ist ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und die Untreue erläßt, der seinen Zorn nicht ewiglich festhält, denn er hat Lust daran, barmherzig zu sein. Er erbarmet sich unser, er tilgt aus unsere Schuld, er versenkt unsere Sünde in die Tiefe des Meeres.«
Es dämmerte bereits, als sie wieder zu Hause ankamen. Der Diener brachte Licht. Doch Jehuda winkte ihm, es wieder wegzunehmen, so daß Raquel des Vaters Gesicht nur undeutlich sah, als er zu sprechen anhub. »Die Grabsteine der frühen Ibn Esras«, sagte er, »beweisen, daß wir aus dem Geschlechte König Davids sind. Und nun hat mein Sohn, dein Bruder Alazar, sein königliches Erbteil verraten und vertan. Dein Vater ist nicht ohne Schuld an dem Furchtbaren. Es ist schwere Schuld, ich bereue sie, und ob auch Gottes Gnade tief ist wie das Meer, ich fühle mich nicht entsühnt.« Es war aber das erstemal, daß der Vater ihr von Schuld, Reue und Sühne sprach, und Raquel war gewürgt von Mitleid. Er habe denn auch, fuhr Jehuda fort, Buße auf sich genommen, keine leichte Buße, und er erzählte ihr von seinem Plan, die fränkischen Juden in Kastilien anzusiedeln.