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Die Jüdin von Toledo

Электронная книга - «Die Jüdin von Toledo». Краткое содержание книги:

Eine tragische Liebesgeschichte
La Fermosa, die Schöne, wird im mittelalterlichen Spanien Raquel, die Tochter des angesehenen Juden Jehuda Ibn Esra, genannt. In König Alfonso VIII. von Kastilien erwacht bald eine tiefe Leidenschaft für die gebildete, schöne junge Frau, und was für Raquel als politisches Opfer im Interesse der Vernunft und des Friedens begann, wächst auch bei ihr zu einer stürmischen Liebe für den mutigen König.
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Don Alfonso spürte Lust, das widerwärtige Gespräch zu beenden. Vielleicht hatte der Jude recht, wahrscheinlich hatte er recht, und schon wollte der König nachgeben. Aber dann überlegte er: was den Juden so frech machte, war nicht das gute Gewicht seiner Argumente, es war ein sehr anderes. »Deine Gründe mögen gut sein«, sagte er gereizt, »aber es gibt auch gute Gegengründe, und du kennst sie.« Jehuda schickte sich an, zu erwidern. Allein Alfonso, ungestüm, kam ihm zuvor. »Ich will nicht länger davon hören«, schmetterte er.

Da aber sah er das blasse, verstörte Gesicht des Juden, er dachte an die Tochter des Mannes mit diesem Gesicht, und: »Laß es gut sein«, fügte er schnell hinzu, »ich werde alles bedenken, nicht nur die Gegengründe, auch deine Gründe.« Und mit der früheren, erzwungenen Lustigkeit schloß er: »Und ich werde auch die Wolle nicht vergessen, in die du mich gesetzt hast.«

Sie trennten sich, der König voll Gnade, der Jude voll gespielter Demut und gespielter Zuversicht, beide voll Mißtrauen.

Drittes Kapitel

Raquel hatte sich all die Zeit her zergrübelt, was es bedeutete, daß Alfonso sie eine ganze Woche lang und länger allein ließ. Nebelhafte Ängste suchten sie heim. Ihr ahnte, daß sein Gott einzugreifen drohte.

Dann kam der Brief, in welchem er ihr in den drei Sprachen seines Landes zujubelte: Morgen, morgen, morgen. Und dann war er da.

Sowie sie einander sahen, tauchten ihnen die Tage der Trennung hinunter. Sie hatten geatmet diese endlose Woche hindurch, nicht gelebt. Jetzt lebten sie. Es gab für sie kein Leben außerhalb der Galiana. Sie hatten sich eine Sondersprache ausgedacht, gemischt aus Latein und Arabisch und voll von kleinen, geheimen Regeln, und sie brauchten keine andere Sprache als diese; aber vielleicht noch besser verstanden sie sich, wenn sie schwiegen.

Trotzdem hatte sich ihnen vieles verändert. Sie waren wissender einer um den andern. Alfonso gewahrte manchmal in Raquels Mienen und Worten jenes verfängliche Etwas, welches sie mit ihrem von Gott verdammten Volke verband, und voll frommer, leise hämischer Freude dachte er an seinen Entschluß, diese Züge ihres Wesens auszumerzen. Sie ihresteils verbarg nicht das Mißfallen, welches ihr seine Liebe zu den großen Hunden einflößte. Einmal geschah es, daß sie mit Widerwillen vor den Tieren zurückwich, die sie gutmütig täppisch ansprangen. Da erzählte er ihr fröhlich und böse: »Wir hispanischen Fürsten lieben unsere Tiere. Meine Väter, die alten Gotenkönige, waren sicher, in ihrem Paradies auch ihre Hunde wiederzufinden. Es wäre sonst kein Paradies gewesen. Sie glaubten offenbar an die Weisheit deines vielgeliebten Musa, daß die Seele des Viehes an den gleichen Ort fährt wie die des Menschen.« Er sah, wie sein Scherz ihr mißfiel, und bereute stürmisch: »Verzeih, Liebste. Du magst meine Hunde nicht, sie machen dir Angst, ich schicke sie weg.« Und da sie abwehrte, steigerte sich sein Eifer, sie zu versöhnen. »Auch meinen Belardo magst du nicht, gib es zu. Auch ihn schicke ich fort.« Er ließ sich nur schwer von seinem Vorhaben abbringen.

Manchmal fiel ihm aufs Herz, er müsse nun darangehen, sie zum wahren Glauben zu bekehren. Aber in ihrer atmenden Nähe erkannte er, daß dieses Unternehmen heikler war, als er sich’s vorgestellt hatte. Sie hatte ja noch nicht einmal begriffen, was ein Ritter war, was er selber war. Das zuerst, die Glorie des Rittertums, mußte er sie spüren machen.

Er bestellte jenen Joglar Juán Velázquez in die Galiana.

Raquel, da sie die einfältig grobe Guitarre des Christen hörte, dachte an die delikaten Harfen, Lauten und Flöten der Araber, an ihre Mismár, Schahrúd und Barbút. Aber ihr schnelles, feines Ohr und ihr offener Sinn machten sie empfänglich für das, was in des Joglars einfachem Dichten und Singen lebendig war. Sie verstand nicht immer die genaue Meinung seines niedrigen Lateins, doch ließ sie sich packen von der heldisch ritterlichen Freude seines Liedes.

Es sang aber Juán Velázquez von den Taten und von dem Sterben des Markgrafen Roland von der Bretagne: wie er im Tale von Ronceval mit einer hoffnungslos kleinen Schar einem Meer von Heiden gegenübersteht, und wie sein Freund Olivier ihm rät, sein mächtiges Horn Olifant zu blasen und das Heer König Karls, des großen Kaisers, zurückzurufen. Wie Roland sich weigert, wie seine Ritter Taten unglaubhafter Tapferkeit verrichten, und wie sie einer nach dem andern erschlagen werden. Und wie Roland, selber verwundet, übers Schlachtfeld geht, seine toten Paladine zu sammeln, um sie dem Erzbischof Turpin zuzutragen zur letzten Einsegnung. Und wie Roland zuletzt, zu spät, in sein wunderbares Horn stößt und Berge und Täler weit erklingen. Und wie er ein zweites Mal verwundet wird, dieses Mal schwer, und wie er, aus langer Ohnmacht aufwachend, sich auf dem weiten Leichenfeld als einzigen noch Lebenden findet. Er merkt, wie ihn der Tod ankommt, vom Haupt steigt er ihm hinunter ins Herz. Da schleppt er sich mit eilender Mühe unter einen Fichtenbaum, legt sich nieder in das grüne Kraut, das Haupt nach Süden gerichtet, nach Spanien, dem Feinde zu, und hebt den rechten Handschuh empor zu Gott. Und der Engel Sankt Gabriel nimmt ihm den Handschuh aus der Hand.

Hingerissen hörte, kindlich staunend, Raquel zu. Dann freilich dachte sie nach und meinte, eines sei ihr unverständlich: warum nämlich der Held Roland nicht rechtzeitig ins Horn stoße; dann hätten doch er und seine Ritter den Feind heil und lebendig besiegt. Den König verdroß der kahle Einwand. Aber da bat Raquel den Sänger, ihr die Verse vom Tode Rolands zu wiederholen, ihre Augen strahlten Ergriffenheit, Begeisterung, und Alfonso war sicher, ihre Seele hatte sich der Größe des Rittertums aufgetan.

Daß es so war, zeigte sich, als sie ihm das Geschenk anschleppte, von dem sie ihm schon andeutend gesprochen hatte: eine arabische Rüstung.

Sie war aus herrlichem, bläulichschwarzem Stahl und mit ihren vielen beweglichen Teilen leicht und elegant, ein wunderbares Gebilde. Alfonsos helle Augen strahlten. Sie half ihm die Rüstung anlegen. Das war ein männliches Geschäft, und es gefiel ihm nicht, daß sie ihm half. Aber er brachte es nicht über sich, sie zurückzuweisen.

So rüstete sie ihn denn, unter Scherzreden, doch begeistert. Er stand da, schwarzbläulich und heldisch, beweglich schmiegten sich die Maschen des Eisenhemdes um die kräftige, atmende Brust, hell schauten die Augen aus den Schlitzen des Visiers. Sie klatschte in die Hände und rief kindisch entzückt: »O mein Liebster, du bist ein Wunder der großen Wunder Gottes!« Und sie ging auf und ab, ging um ihn herum, tänzerisch, im Singsang sprach sie arabische Verse: »O ihr Helden! Ihr tragt das blanke Schwert, ihr schwingt den schlanken Speer. Auf die Feinde einreitet ihr, stürmisch, gewaltig. Welche Freude ist es, euch durchs Lied zu begeistern!«

Lächelnd, tief erfreut hörte er ihr zu. Niemals noch hatte sie ihm kriegerische Verse gesungen. Jetzt war es an dem. Jetzt spürte sie, was ein Krieger war. Jetzt konnte er ihr von dem Großen, von dem Heiligen reden, das sie ihm für immer verbinden wird.

Er fragte sie geradezu, ob sie nicht zusammen mit ihm die Messe hören wolle.

Sie schaute auf. Sie verstand nicht. Vielleicht war das einer seiner wunderlichen Späße. Sie lächelte unsicher. Ihr Lächeln erbitterte ihn. Aber er nahm sich zusammen und sagte kindlich ernst: »Siehst du, liebste Frau, wenn du die Taufe nimmst, dann erlösest du nicht nur deine Seele, du befreist auch mich von schwerer Sünde, und wir können sündenlos und reuelos vereinigt bleiben für immer.« Er sagte das aber so gläubig unschuldigen Gesichtes, daß es sie anrührte.

Dann aber kam ihr die ganze finstere Meinung seiner Worte ins Bewußtsein, und sie war heiß gekränkt. Er war nicht zufrieden mit dem, was sie ihm gab, er wollte ihr kriegerisch dumm und unersättlich ihr unsterbliches Erbteil nehmen. Genügte es ihm nicht, daß sie schon dadurch den Zorn Gottes erregte, daß sie mit dem Ungläubigen sprach und aß und badete und schlief? Ihr lebendiges Gesicht zeigte ihren Kummer und ihre Kränkung.

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