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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Frau Dubreuil war annähernd fünfzig Jahre alt, hatte ein freundliches, mildes Gesicht, war insofern eine Seltenheit als Brünette, als sie blaue Augen hatte, und hatte ein sehr einnehmendes Wesen.

Klara ließ Marien den wärmsten Platz am Kamine, drückte ihr wiederholt herzlich die Hände, herzte und küßte und schalt sie, daß sie sich so selten bei ihr sehen lasse. – Frau Georges erkundigte sich bei Frau Dubreuil, in welcher Hinsicht sie ihr dienen könne. – »Ach, meine Liebe, in mancherlei Hinsicht,« antwortete Frau Dubreuil, »und Sie sollen gleich hören. Wie Ihnen wohl nicht unbekannt ist, gehört dieses Besitztum der Frau Herzogin von Lucenay. Wir haben deshalb auch immer mit ihr zu verkehren gehabt, den Pachtschilling an sie abgeführt, und so weiter. Sie ist eine sehr gütige und liebe Dame, die ich noch als Mädchen gekannt habe, als ihr Vater, der selige Fürst von Noirmont, noch hierher kam. Vor kurzem trat sie mit dem Wunsche an uns heran, ihr den Pachtschilling auf ein Halbjahr vorauszuzahlen. Vierzigtausend Franks findet man nicht, wie man immer sagt, gleich immer in der Schieblade, aber es ließ sich doch machen, und wir brachten ihr am andern Tage das Geld nach Paris hinein. Früher mahnte uns die Herzogin nie, wenn wir ein paar Tage im Verzuge blieben; jetzt aber müssen wir, wenn wir nicht erinnert sein wollen, dafür sorgen, daß das Geld am Tage vorm Fälligkeitstage in ihren Händen ist. Nun bekomme ich gestern durch einen expressen Boten das folgende Schreiben von der Frau Herzogin: »Meine liebe Frau Dubreuil! – Sie müssen dafür sorgen, daß übermorgen der kleine Pavillon im Garten imstande ist. Lassen Sie es an nichts fehlen, was die Einrichtung anbetrifft, und der Person, die ich Ihnen als Bewohnerin schicke, lassen Sie dieselbe Aufmerksamkeit und Fürsorge zuteil werden, als wenn Sie mich selbst bei sich hätten. Ich rechne auf Ihre mir so oft bewiesene Ergebenheit. Einen Kuß für mein kleines Patchen. Ihre Ihnen immer gewogene Noirmont von Lucenay.«

»Sie sehen mich nun in der dümmsten Verlegenheit, meine Liebe, denn von besserem Mobiliar habe ich gar nichts; außerdem läßt mich das Schreiben in völliger Unkenntnis darüber, ob die avisierte Person ein Herr oder eine Dame ist. Und danach richtet sich doch die ganze Einrichtung. Sagen Sie mir bloß: Wie verhalte ich mich da am besten?«

»Der Pavillon ist für gewöhnlich unbewohnt?« fragte Frau Georges. – »Ja – verstanden wird darunter das kleine weiße Haus, das allein am Gartenende steht, und das für die Frau Herzogin gebaut wurde, als sie noch Fräulein war. Es hat drei freundliche Stuben. Am Gartenende steht noch die kleine Schweizerei, in der die Frau Herzogin als Kind das Milchmädel spielte. Seit sie vermählt ist, hat sie den Pavillon nur zweimal wieder besucht, das erste Mal vor sechs Jahren, und zwar zu Pferde mit ...« – Aber wie wenn sie sich durch Mariens und Klaras Anwesenheit behindert fühlte, weiter zu sprechen, sagte sie, den Faden abbrechend: »Aber ich rede und rede, und aus der Verlegenheit bringt mich das nicht. Raten Sie mir doch, liebe Freundin, bitte, bitte!« – »Ich an Ihrer Stelle schickte einen vernünftigen Menschen nach Paris ... es ist jetzt elf Uhr. Um ein Uhr kann er in Paris sein, geht zu einem Tapezier, bestellt bei ihm, was für den Pavillon notwendig, mit dem Beding, daß heut abend, spätestens heute nacht alles hier sein müsse. Unmöglich ist's nicht, die Sache zu besorgen, aber Zeit darf nun freilich nicht mehr versäumt werden.« –

»Und was den Zweifel angeht, ob wir einen Herrn oder eine Dame zu erwarten haben?« wandte Frau Dubreuil ein. – »Bestellen Sie so, als ob eine Dame zu erwarten sei. Kommt statt ihrer ein Herr, wird's ihm nur um so besser gefallen.« – »Liebe Freundin, Sie haben, wie immer, das Richtige getroffen.«

Eine Magd meldete, daß das Frühstück aufgetragen sei, und auch, daß die Milchfrau von Rains draußen warte.

– »Die arme Frau!« sagte Frau Dubreuil unwillkürlich.

– »Wer ist denn die Frau, daß sie Ihnen solchen Ausruf entlockt?« fragte Frau Georges. – »Eine fleißige Bäuerin, die vier Kühe hatte und sich davon ernährte, daß sie täglich die Milch nach Paris hinein schaffte. Ihr Mann war Schmied. Sie fuhren letzter Tage einmal zusammen nach Paris, wo er sich Eisen einkaufen wollte, während seine Frau ihre Milchkundschaft besorgte, und wollten sich an einer Straßenecke wieder treffen. Dort fand sie der Mann im Streit mit betrunkenem Volk, das ihr alle Milch verschüttet hatte. Bei der daraus entstehenden Schlägerei wurde der Mann niedergestochen.«

»Das ist ja schrecklich!« rief Frau Georges, »und den Mörder hat die Polizei doch festgenommen?« – »Leider ist er entkommen oder hat nicht festgestellt werden können. Dadurch ist nun die Frau in Not und Bedrängnis gekommen, hat ihr Vieh verkaufen müssen, auch das bißchen Feld, das sie besaß, und da sich der Schloßverwalter von Rains für die arme Frau bei mir verwandt hat, habe ich ihr eine zufällig bei mir offene Stelle angeboten. Die hat sie angenommen und wird nun heute ihren Dienst antreten. Ach, Klara,« sagte sie zu ihrer Tochter, »führe doch die Frau in die Leutestube, während ich dem Oberknecht sagen will, daß er sich auf den Weg nach Paris machen soll.«

»Gewiß, Mütterchen; aber ich kann doch die Marie mitnehmen?« – »Selbstverständlich. Ohne einander könnt ihr beide nun doch einmal nicht sein... Nicht wahr, Frau Georges, man muß den beiden Kindern Zeit zum Plaudern gönnen?«

Kaum hatten die beiden Mädchen den Hof betreten, als ein Ruf des Unwillens erklang, und zwar aus keinem andern als dem Munde der unglücklichen Bäuerin, die keine andere war als die, die täglich die Milch in die Schenke »Zum weißen Kaninchen« gebracht und Marien auf der Stelle wiedererkannt hatte.

Fünfter Teil.

Erstes Kapitel.

Die Milchfrau.

Unter einem Schuppen stand ein Wägelchen, mit einem Esel davor, und drei Kinder waren damit beschäftigt, das geringe Mobiliar abzuladen, das die Bäuerin, die bei Frau Dubreuil ihren Dienst antreten wollte, eben in den Hof gefahren hatte. Die Frau mochte etwa 40 Jahre alt sein und hatte ein grobes Gesicht mit schroffem, resolutem Ausdruck. Sie ging noch in Trauer. Ihr ältester Knabe mochte zwölf Jahre alt sein.

Kaum hatte sie Marien erblickt, als sie einen Schreckensruf ausstieß, mit von Unwillen verzerrten Zügen auf sie zustürzte und die im Hofe beschäftigten Arbeiter mit den Worten aufmerksam machte: »O, das ist ja eine von den Dirnen, die den Mörder meines armen Mannes genau kennen. Ich habe sie wenigstens zwei Dutzend Mal mit ihm zusammen gesehen, kaufte sie doch immer von mir für einen Sou Milch, wenn ich an der Straßenecke vom Weißen Kaninchen hielt. Sie weiß es, wie der Bösewicht heißt, der meinen armen Mann niedergestochen hat, gehört sie doch mit zu der Banditenklique, die in dieser Spelunke ihr Wesen treibt ... Warte, Balg, mir sollst du nicht entgehen!«

Klara, durch diesen unvermuteten Angriff gegen Marien aufs äußerste verblüfft, war sprachlos. Als aber die Bäuerin immer heftiger und böser wurde, wies sie sie mit den Worten zurecht: »Dir muß der Kummer den Verstand getrübt haben. Wovon du sprichst, läßt sich ja nicht zusammenreimen. » – »Aber ich irre mich doch nicht, liebes Fräulein!« erwiderte trotzig die Frau; »nein! Sehen Sie doch nur, wie bleich das elende Weibsstück geworden ist! Aber warte nur! Die Polizei soll dir die Zunge schon lösen! Und wenn du dir einbildest, daß ich dich laufen lassen werde, so bist du arg auf dem Holzwege. Du kommst nicht aus meinen Händen, und wenn ich dich an den Haaren zur Bürgermeisterei schleifen sollte!«

»Unverschämte Kreatur!« rief da Klara außer sich vor Entrüstung, »geh auf der Stelle deines Weges! Wie kannst du dich unterstehen, meiner armen lieben Freundin, meiner Schwester, solchen Schreck einzujagen?«

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