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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Mariens Schönheit fiel ihm auf der Stelle auf ... »Mein süßes Kind,« sprach er sie an, »möchten Sie mich nicht den Weg nach Arnouville führen?« – Marie schlug vor dem kecken Blicke des jungen Mannes die Augen nieder und erwiderte schüchtern: »Wenn Sie aus dem Hohlwege heraus sind, brauchen Sie ja bloß den ersten Fußweg rechts entlang zu reiten. Die Kirschenallee, in die Sie dann gelangen, führt Sie direkt nach Arnouville.« – »Vielen Dank, süßes Kind! Aber Sie müssen mir nun noch sagen, ob ich in Arnouville Frau Dubreuils Pachtgut leicht finden werde?«

Unwillkürlich erbebte das Mädchen bei dieser andern Frage, denn sie wurde durch sie an die peinliche Szene erinnert, der sie vor ihrem Abschiede von Arnouville ausgesetzt gewesen war... . »Die Gutsgebäude stoßen an die Allee, die Sie nach Arnoubille führt,« sagte sie schnell.

Nochmals, dankend, sprengte der Vicomte mit seinem Reitknechte davon.

Marien fiel die unbekannte Person ein, für die man so schnell bei Frau Dubreuil den Pavillon hatte herrichten müssen, und die sicher niemand anders war als der junge schöne Herr. Noch ein paar Minuten hallte der Hufschlag der beiden Rosse durch den Hohlweg, dann war alles still. Der Lahme atmete auf, und um seine beiden Genossen von neuem aufmerksam zu machen, rief er, aber noch immer mit gedämpfter Stimme: »Großmutter! Ich bringe ein liebes kleines Ding, das dir auf die Beine helfen will. Bring also Bakel heran!« – »Geschwind, mein Kind!« drängte Marie, »der Reiter hat uns ein paar Minuten geraubt, und ich werde zu Hause erwartet.« – »Gewiß, Balg!« schrie die Eule, über Marien herfallend, »wir warten schon lange zu Hause auf dich,« und mit der einen Hand ihr die Kehle umspannend, daß sie nicht schreien konnte, mit der andern sie unter dem Gesäß packend, um sie am Gehen zu hindern, warf sie die Unglückliche Bakel in die Arme, während der Lahme den grauen Mantel um sie schlug und sie so fest darein hüllte, daß sie sich weder bewegen, noch anders als dumpf stöhnen konnte.

»Nur hurtig zum Wagen hin!« rief die Eule. – »Aber wer soll mich führen?« fragte Bakel mit dumpfer Stimme, die leichte, weiche Last in seinen Herkulesarmen fast zerquetschend, – »Mein Männchen denkt doch an alles,« sagte die Eule, schlug ihren Schal zurück, knüpfte ihr rotes Halstuch ab, drehte es der Länge nach Zusammen und rief Bakel zu: »So! Mach das Maul auf, nimm den Zipfel zwischen die Zähne und beiße fest zu! Der Lahme faßt das andere Ende und wird dich ziehen.« – Wenige Minuten nachher lag Marie in der Droschke, in der die Eule wieder hergefahren war. Trotzdem es Nacht war, wurde der Wagen festgeschlossen; die drei Verbrecher fuhren mit ihrem dem Tode nahen Opfer nach der Ebene Saint-Denis, wo Tom ihrer wartete.

Drittes Kapitel.

Clemence von Harville.

Als Rudolf Frau von Harville aus drohender Gefahr befreit hatte, war er, sehr angegriffen, aus der Rue du Temple nach seiner Wohnung zurückgekehrt, den der armen Familie und dem als Lachtaube bekannten Mädchen zugedachten Besuch auf den andern Tag verschiebend. In der vierten Stunde bekam er einen Brief ... »Ich verdanke Ihnen mein Leben und will Ihnen meinen Dank hierfür nicht schuldig bleiben. Morgen ists mir vielleicht nicht mehr möglich, Ihnen zu danken. Können Sie mir die Ehre erweisen, heute abend zu mir zu kommen, dürften Sie diesen Tag, wie Sie ihn begonnen haben, durch eine edle Tat beschließen. Clemence von Harville.« – So sehr er sich darüber freute, der Marquise einen Dienst erwiesen zu haben, bedrückte es ihn doch, auf diese Weise in einen gewissen Grad vertraulicheren Verkehrs mit ihr getreten zu sein. Die Schönheit und Anmut der Frau hatten auch auf ihn ihren Eindruck nicht verfehlt, und da er die Freundschaft ihres Gemahls nicht aufs Spiel setzen mochte, hatte er es seit einiger Zeit vermieden, sich ihr zu nähern. Auch war ihm die Unterhaltung zwischen Tom und Sarah nicht aus dem Gedächtnis gekommen, die er in dem Gesandtschaftspalais erlauscht hatte. Um ihren Haß und ihre Eifersucht auf sie zu rechtfertigen, hatte Sarah, und nicht ohne allen Grund, behauptet, Frau von Harville hege noch immer, wenn auch vielleicht ohne es sich selbst zu gestehen, ernste Zuneigung zu Rudolf. Sarah war zu klug und zu scharfsinnig, auch eine zu gute Kennerin des menschlichen Herzens, um nicht erraten zu sollen, daß Clemence, von dem Manne, der so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, sich für verschmäht haltend, nur aus Aerger hierüber sich dem Wunsche ihrer Freundin gefügt und, für Herrn Roberts vermeintliches Unglück wohl erwärmt, darüber jedoch Rudolf selbst durchaus nicht vergessen hatte.

Gleich nachdem Rudolf sie auf die Gefahr aufmerksam gemacht hatte, in der sie schwebte, war sie in das fünfte Stockwerk hinaufgeeilt. Dabei hatte sie von einer Windung aus, die die Treppe machte, Karl Robert in einem so anmaßenden Anzuge angesehen, daß sie auf der Stelle erkannt hatte, wie sehr sie sich in dem Manne getäuscht hatte. Herzensgüte hatte sie zu einem Schritte verleitet, der sie ins Verderben stürzen konnte, und nicht sowohl aus Liebe, als vielmehr aus Mitleid hatte sie ihm ein Stelldichein bewilligt, das ihn über die blöde Rolle trösten sollte, in die ihn in ihrem Beisein auf dem Balle im Gesandtschaftspalais ihr Gemahl, der Herzog, versetzt hatte.

Die Standuhr in dem Zimmer verkündete die neunte Stunde. Je näher die für Rudolf bezeichnete Zeit heranrückte, desto höher stieg die Unruhe der Marquise. Aber sie raffte sich auf, gelangte nach einigem Besinnen zu dem Entschlusse, Rudolf ein tiefes Geheimnis mitzuteilen, ein Geheimnis grausamer Natur, und war erfüllt von der Hoffnung, daß sie durch solche Offenheit vielleicht die von ihr so heißersehnte Achtung Rudolfs zurückgewinnen werde. Eine geheime Empfindung weckte auch im Gemüte der Marquise Zweifel an der Aufrichtigkeit von Sarahs Liebe.

Nach Verlauf einiger Minuten trat ein Diener herein, um Frau Ashton mit dem gnädigen Fräulein Tochter zu melden. Die Marquise nickte, und ihr Kind, ein Mädchen von etwa 4 Jahren, kam herein, geführt von der englischen Kinderfrau. Klärchen, ein schwächliches Kind, eilte mit ausgebreiteten Armen auf ihre Mama zu, die sich bei Madame Ashton erkundigte, wie es um die Gesundheit ihres Kindes bestellt sei. – »Es ist ja recht gut gegangen,« antwortete sie, »aber gestern fürchtete ich, der Anfall möchte wiederkehren ...« »Wirklich?« rief die Herzogin ängstlich, ihr Kind ans Herz ziehend, »es ist aber günstig verlaufen?« – »Nun, Klärchen hat heut nachmittag ein bißchen geruht, mochte aber, ohne die Frau Marquise gesehen zu haben, sich nicht schlafen legen.« In diesem Augenblicke öffnete der Kammerdiener beide Flügeltüren und meldete: »Seine königliche Hoheit der Großherzog von Gerolstein!«

Die Marquise wollte ihr Kind seiner Wartefrau übergeben und dieser sagen, sich aus dem Zimmer zu entfernen, aber Rudolf bückte sich lächelnd zu dem Kinde nieder und ersuchte die Marquise, ihm doch die Gelegenheit zur Erneuerung seiner Bekanntschaft mit der kleinen Freundin seines Herzens nicht zu rauben, die ihn, wie er fürchten müsse, wohl schon vergessen habe. Das Kind sah ihn ein paar Augenblicke mit seinem großen schwarzen Augenpaare neugierig an; dann erkannte sie ihn, nickte ihm freundlich zu und küßte ihm die Hand. Die Marquise wie auch Rudolf waren über die Unterredung, die ihnen bevorstand, beide in gewisser Verlegenheit, sahen sie deshalb nicht ungern auf ein paar Minuten durch die Gegenwart des Kindes verschoben. Bald aber führte Madame Ashton, die nicht neugierig erscheinen mochte, Klara hinweg, und Rudolf war mit Clemence allein.

Er fühlte, wie peinlich es der Frau sein müsse, das Gespräch zu beginnen, und brach deshalb das Schweigen ... »Sie sind einem gemeinen Verrate zum Opfer gefallen, Frau Marquise, und wenig fehlte, so wären Sie durch eine abscheuliche Anklage der Gräfin Mac Gregor in Verderben und Unglück gestürzt worden.« – »Meine Ahnung hat mich also nicht getäuscht?« rief Clemence, »aber wie erhielten Eure Hoheit davon Kenntnis?« – »Auf dem Gesandtschaftsballe hat mir ein Zufall Kenntnis von dem Bubenstück gebracht, das der Bruder dieses Weibes im Komplott mit ihr wider Sie plant. Erlassen Sie es mir, Ihnen zu sagen, wie ich dahinter gekommen bin. Um den Verrat dieser Schottin zu vereiteln, erwartete ich Sie in der Rue du Temple.«

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