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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Er will das Messer zurückziehen. Es widersteht allen Anstrengungen. Und wie die Klinge seines Dolches im Leibe seines Opfers festsitzt, so sitzt auch seine Hand fest am Griffe des Dolches. Da hört er auf den Fliesen des Nebenzimmers Sporen klingen und Säbel klirren ... Näher, und näher kommt das Geräusch. Der Schlüssel wird im Schlosse herumgedreht. Die Tür geht auf ... Und darauf verschwindet die Vision, aber über ihm schwebt die Eule, schlügt mit den Fittichen und kreischt: »Der alte Richard in der Rue du Roule ... dein erster Mord! Mörderchen! Mörderchen! Mörderchen!«

Der Nebel zerteilt sich. Ein ander Bild! ... Der Tag will grauen. Tot am Wege liegt ein Viehhändler. Die zertretene Erde, der aufgerissene Rasen lassen erkennen, daß das Opfer verzweifelten Widerstand geleistet hat. Der Mann hat fünf Wunden in der Brust. Er ist schon tot, und noch immer pfeift er seinen Hunden und ruft laut: »Hierher, Karo, Flink, hierher!« – Und wieder schlägt die Eule, über ihm schwebend, mit den Fittichen, äfft das Röcheln des Sterbenden nach, lacht wieder fünf Mal grell hintereinander und krächzt:

»Der Viehhändler aus Poissy – dein zweiter Mord! – Mörderchen! Mörderchen! Mörderchen!«

Abermals deckt sich die Oberfläche des Blutsees mit Nebeclass="underline" diesmal ist er grünlich und transparent, scheint einem mit Wasser gefüllten Kanäle ähnlich zu sehen... Zuerst sieht man das Kanalbett mit dickem Schlamme bedeckt, der aus unzähligen, mit bloßem Auge nicht unterscheidbaren Reptilien besteht, die sich aber, wie unter einem Mikroskope, vergrößern und entsetzliche Gestalten annehmen, die zu riesenhaften Verhältnissen anwachsen.

Ein Körper plumpst ins Wasser, das ihm ins Gesicht spritzt... Aus einer unendlichen Menge von Blasen, die an die Wasserfläche emporsteigen, sieht er jäh eine Frau aufsteigen, die sich vorm Ertrinken wehrt... Dann sieht er sich selbst und die Eule, ein Kästchen in schwarzer Leinwand schleppend, vom Kanäle hinwegrennen: aber den Todeskampf des Opfers, das er und die Eule in den Kanal geworfen haben, erblickt er von Phase zu Phase ...

Und wieder schwebt über ihm die Eule und flattert mit den Flügeln, und wieder kreischt sie ihm zu: »Die Frau aus dem Kanäle Saint-Martin! – Dein dritter Mord! – Mörderchen! Mörderchen! Mörderchen!«

Eine kräftige, feierliche Stimme ertönt: die Stimme Rudolfs. Bakel erbebt vor Entsetzen. Er lauscht. Die Stimme ist nicht mehr zornig, sondern traurig ... »Armer Elender,« sagte er zu Bakel, »für dich hat die Stunde der Reue noch nicht geschlagen; wann sie schlagen wird, weiß Gott allein. Noch ist das Maß deiner Verbrechen nicht voll, die Strafe für deine Verbrechen nicht voll. Du magst gelitten haben, hast aber nicht gebüßt. Das Werk der Gerechtigkeit wird durch das Schicksal vollendet. Die deine Mitschuldigen waren, sind deine Quäler geworden, denn ein Weib und ein Kind demütigen dich und foltern dich. Durch neue Missetat wolltest du dich betäuben. In greulichem Blutdurst gehst du mit dem Plane um, dein Eheweib zu ermorden. Sie weilt hier, unter dem gleichen Dache mit dir, schläft ohne Schutz in einer Stube, nur wenige Schritte entfernt: du kannst ohne Hindernis zu ihr gelangen, nichts kann sie deiner Wut entreißen, nichts als deine Ohnmacht, deine Blindheit. Was du eben geträumt, könnte, sollte dir eine Lehre sein, könnte dir zur Rettung sein. Was deiner wartet,« schloß Rudolf, »ist ein Schicksal so entsetzlicher Art, daß sich keine schwerere Strafe aussinnen ließe, und wenn du büßen solltest für alle Verbrechen aller Menschen! Wehe, wehe über dich! Das Fatum will, daß du die gräßliche Strafe vernimmst, die deiner wartet, ohne daß du das Geringste tun kannst, ihr zu entgehen ... Vernimm also deine Zukunft...«

Da war es dem Räuber und Mörder, als hätte er das Licht seiner Augen wiedererlangt ... er schlug die Augen auf... er sah ...

Doch was er sah, machte auf ihn einen so furchtbaren Eindruck, daß er einen schrillen Schrei ausstieß und aus dem entsetzlichen Traume auffuhr, der ihn verfolgte ...

Achtes Kapitel.

Ein Brief.

Es schlug eben neun, als Frau Georges leise in Mariens Stube trat, die einen so leisen Schlaf hatte, daß sie auf der Stelle wach wurde. Eine helle Wintersonne warf ihre Strahlen durch die Jalousien und Vorhänge und warf einen goldenen Schein über das Stübchen, dem bleichen und doch so lieblichen Gesichte die ihm fehlende Farbe leihend.

»Nun, Kind,« sagte Frau Georges, »bist du heut nicht schon in aller Frühe aus dem Schlafe geschreckt worden?« – »Nein, liebe Frau Georges.« – »Das ist ja recht gut,« sagte die Frau, »ich dachte nur, du seiest durch den armen Blinden, der gestern um Nachtquartier für sich und seinen Knaben bat, geweckt worden; Chatelain sagte wenigstens, die beiden Leute wollten beizeiten wieder aufbrechen.« – »Ich habe nichts gehört, Frau Georges.« – »Und doch stehst du aus, als ob du recht schlecht geschlafen hättest, deine Augen sind trübe.« – »Ich bin heut nacht von recht garstigen Träumen gequält worden, habe das Weib wiedergesehen, das mich als Kind so schrecklich peinigte, und bin so heftig erschrocken, daß ich keinen Schlaf mehr habe finden können.« – Sie umschlang den Hals ihrer andern Mutter und verbarg das Gesicht an ihrer Brust. »Aber, mein liebes Kind, regt dich das denn jetzt noch auf?« – »Ach, liebe Frau Georges, Sie sind so gütig gegen mich, und es bedrückt mir das Herz schwer, daß ich Ihnen nicht schon gesagt habe, was ich gestern abend dem Herrn Pfarrer gebeichtet habe. Aber er mag es Ihnen morgen sagen. Mir wäre es nicht möglich, alles noch einmal zu beichten.«

Da klopfte es an der Tür, und Claudine trat ein... »Peter ist im Einspänner von Frau Dubreuil aus Arnouville gekommen und hat hier den Brief für Sie mitgebracht. Er sagt, es sei sehr eilig.« – Frau Georges las das Folgende:

»Sie würden mir einen recht großen Gefallen erzeigen, liebe Frau Georges, wenn Sie gleich zu mir kommen könnten. Peter könnte Sie her- und nach Tische gleich wieder heimfahren. Ich weiß tatsächlich nicht, was ich in dem vorliegenden Falle mache; mein Mann ist in Pontoise. Ich habe außer Ihnen und Marien niemand, an den ich mich momentan wenden könnte. Klara küßt ihre liebe kleine Schwester in Gedanken und erwartet sie mit Ungeduld. Kommen Sie, wenn irgend möglich, noch vormittags und nicht später als elf. Ich halte Frühstück bereit.

Ihre aufrichtige Freundin

Dubreuil.«

»Um was mag es sich handeln?« fragte Frau Georges ihr Pflegekind; »glücklicherweise beweist der Ton in dem Briefe, daß nichts Schlimmes geschehen ist.« – »Soll ich mitfahren, Frau Georges?« fragte Marie. – »Das wäre am Ende nicht klug, denn es ist kalt,« erwiderte Frau Georges; »aber ein bißchen Zerstreuung wäre es sicher für dich; und wenn du dich warm anzögest, so könnte man es wohl wagen, Kind.«

Kurz nachher stiegen Frau Georges und Marie in einen jener stattlichen Einspänner, die zur damaligen Zeit unter den reichen Pächtern in der Pariser Gegend Mode waren, und bald rollte der Wagen, von vier kräftigen Pferden gezogen, auf dem von Bouqueval nach Arnouville führenden Wiesenwege entlang. Die großen, zur Besitzung gehörigen Baulichkeiten legten Zeugnis ab von der Größe des Gutes, das Fräulein von Noirmont dem Herzoge von Lucenay durch Heiratsgut in die Ehe gebracht worden war. Peters Peitschenknall meldete Frau Dubreuil die Ankunft ihrer Gäste. Sie eilte ihnen vors Haus entgegen und hieß sie mit aufrichtiger Herzlichkeit willkommen.

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