Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Müller las die geschriebenen Zeilen noch einmal durch und verschloß sie dann nebst dem Manuskript in ein geräumiges Kuvert. Als er sich schlafen legte, war die Nacht bereits vorüber, und der Morgen brach herein. Deshalb legte der Fleißige sich nicht in das Bett, sondern auf das Sofa, um beizeiten wieder aufzuwachen.
Seine Verkleidung hatte er natürlich abgelegt, bevor er das Licht anbrannte, da er keinen Augenblick sicher war, von dem alten Kapitän durch die Glastafel belauscht zu werden. Doch hatte er bereits im stillen beschlossen, demselben dieses Beobachten gehörig zu verleiden.
Er mochte kaum ein Stündchen geschlafen haben, als ihn der Schall von Hufschlägen weckte. Er erhob sich und trat an das Fenster. Es war ein Wagen angespannt worden, und soeben stieg der Maler ein, um sich nach dem Bahnhof von Thionville fahren zu lassen. Sein hübsches Gesicht hatte einen sehr unternehmenden, hoffnungsvollen Ausdruck. Er gedachte wohl, mit großen Erfolgen heimzukehren; aber der da oben, von ihm unbemerkt, am Fenster stand, kannte diese Erfolge bereits ganz genau. Er konnte sich auf die geistreiche Schwester verlassen, von der er wußte, daß sie den Franzmann so bedienen werde, wie es der Bruder von ihr erwartete.
Müller nahm wieder auf dem Sofa Platz und schlief zum zweiten Mal ein. Er erwachte wieder vom Schall einer überlauten, kreischenden Musik und warf den ersten Blick auf seine Uhr, es wahr wahrhaftig bereits neun Uhr! Dann sah er durch das Fenster hinunter in den Schloßhof. Dort standen sechs phantastisch gekleidete Musikanten, welche sich bemühten, mit zwei Klarinetten, einem Horn, einer Oboe, einer Posaune und einer Trommel irgendeine Art von Marsch zum Gehör zu bringen. In der Nähe hielten auf Pferden vier theatralisch aufgeputzte Personen, drei Männer und ein Frauenzimmer. Als der Marsch beendet war, erhob der Trommler seine Stimme und verkündete, daß heute nachmittag um zwei Uhr Thionville nebst Umgegend das ungeahnte Glück haben werde, die weltberühmte Künstlertruppe anzustaunen.
Die Leistungen wurden unter der pompösesten Titulatur aufgezählt, und da in dieser Gegend sich nur höchst selten einmal eine solche Gesellschaft sehen ließ, so war es kein Wunder, daß sämtliche Schloßbediensteten zusammenliefen und auch die Herrschaften an das Fenster traten, um die Künstlervagabunden in Augenschein zu nehmen.
Ganz in der Nähe der wunderlich aufgeputzten Reiter stand Alexander. Er hatte seine Freude an den Leuten und fragte, als der Tambour geendet hatte:
„Was kostet das Billet?“
„Numerierte vordere Reihe fünf Franken, hintere Reihe vier Franken, erster Platz drei Franken, zweiter zwei, dritter einen Franken und Stehplatz außerhalb der Barriere einen halben Franken“, antwortete der Mann geläufig. „Wollen Sie einige Billets, gnädiger Herr? Wenn Sie jetzt abonnieren, erhalten Sie die besten Plätze von Nummer eins an!“
Er hatte mit geübtem Auge erkannt, daß der Frager der Sohn der Herrschaft sei, und so einem Lieblingssöhnchen vermögen die Eltern nicht zu widerstehen.
„Fünf Billets vordere Reihe!“ befahl Alexander.
Er hatte gar nicht darauf geachtet, daß die Baronin oben das Fenster öffnete und ihm winkte. Er zog seine Börse, welche trotz seiner Jugend stets wohlgefüllt war, und bezahlte fünfundzwanzig Franken. Die Künstler zogen befriedigt ab.
Nach kurzer Zeit klopfte es an Müllers Tür, und Alexander trat heran. Sein Gesicht war sehr gerötet, ob vor Freude, oder wegen eines anderen Seeleneffekts oder irgendeiner Anstrengung, das ließ sich nicht bestimmen.
„Haben Sie sie gesehen, Monsieur Müller?“ fragte er.
„Wen? Die Künstler?“
„Ja, natürlich!“
„Ich habe sie allerdings gesehen“, antwortete lächelnd der Deutsche, als er die vor Freude blitzenden Augen des Knaben sah.
„Ich habe fünf Billets genommen. Hier ist eins. Sie fahren natürlich mit, Monsieur.“
„Ah! Ich? Wer fährt noch mit?“
„Zunächst Mama –“
„Nicht möglich!“ entfuhr es Müller.
„Warum nicht möglich? Sie zürnte mir; aber was ich will, das will Mama schließlich doch immer auch“, meinte Alexander in stolzem Ton.
„So sind noch zwei Billets übrig.“
„Sie sind bereits verschenkt. Marion und Mademoiselle Nanon fahren mit.“
„Diese beiden?“ fragte Müller erstaunt. „Waren sie sofort einverstanden?“
„Oh, eigentlich nicht. Marion meinte, es schickt sich nicht so recht für uns, diese Art von Schaustellung zu besuchen; aber als Dank für die beiden Buketts vom Heidengrab wolle sie mir ihre Zusage geben. Ist dies nicht sehr lieb von ihr? Mademoiselle Nanon war somit gezwungen, sich ohne allen Widerspruch anzuschließen.“
„Und wenn nun ich widerspreche?“ lächelte Müller.
„Oh, Sie widersprechen nicht“, behauptete Alexander; „das sehe ich Ihrem guten Gesicht ja sofort an. Nicht wahr, ich habe richtig geraten?“
„Ja, ich werde Ihnen die Freude nicht verderben, mein lieber Alexander.“
„Ich danke Ihnen! Und wissen Sie, was Mama Ihnen sagen läßt?“
„Nun?“
„Sie sollen mit ihr und mit mir in einem Wagen Platz nehmen; im anderen fahren Marion und Nanon. Ist das nicht allerliebst von der Mama? Aber ich muß fort, denn bei einer solchen Veranlassung sind tausend Vorbereitungen zu treffen.“
Er eilte fort. Müller war es gar nicht unlieb, diesen Abu Hassan in seinen Kunstleistungen kennenzulernen; aber fast verdutzt machte ihn die Einladung der Baronin, mit in ihrem Wagen Platz zu nehmen. Welchen Grund hatte sie dazu? War es die Anerkennung für die Liebe, welche er Alexander eingeflößt hatte?
Er schritt nachdenklich im Zimmer auf und ab, trat an den Spiegel, um sich zu betrachten, und fand, daß seine künstliche Hautfarbe an Tiefe verloren hatte. Er nahm ein Fläschchen, welches Nußschalenextrakt enthielt, tauchte den Pinsel hinein und bestrich sein Gesicht, Hals und Hände von neuem mit dieser die Haut verdunkelnden Feuchtigkeit, welche, da es leicht ist, mit derselben verschiedene ältermachende Schattierungen anzubringen, nicht wenig dazu beigetragen hatte, sein Äußeres zu verändern.
Hierauf trat er an das Fenster und musterte die draußen liegende Frühlingslandschaft.
„Ah, was ist das?“ fragte er sich. „Da draußen unter der Linde liegt einer. Ist das vielleicht Fritz? Und von der Spitze scheint etwas herabzuhängen, was ich auch noch nie gesehen habe. Ich muß sogleich das Fernrohr nehmen, um mich zu überzeugen.“
Er holte das Fernrohr, öffnete die Fensterflügel und visierte nach der Linde hinüber. Da sah er deutlich seinen Fritz mit dem Fernrohr sitzen. Dieser erkannte auch ihn genau, denn er zog den Hut vom Kopf und grüßte mit demselben. Er hatte jedenfalls etwas Wichtiges zu berichten; dies zeigte seine Gegenwart bei der Linde.
Müller nahm sein weißes Taschentuch und winkte damit, zum Zeichen, daß er kommen werde, und sofort erhob sich Fritz, um nach dem Wald zu gehen.
Auch Müller verließ das Schloß, nachdem er die heute nacht geschriebenen Briefe zu sich gesteckt hatte, und tat, als wolle er ein wenig ausgehen. Er schlenderte langsam dem Park zu, nahm aber dann einen schnelleren Schritt an und eilte dem Wald entgegen, in welchem an der verabredeten Stelle Fritz aus den Büschen trat.
„Guten Morgen, Herr Doktor“, grüßte er freundlich. „Ausgeschlafen?“
„Wenig geschlafen.“
„Ich gar nicht.“
„Gar nicht? Ah, du hast Wache gehalten?“
„Ja, aber nicht da, wo ich sollte.“
„Wo sonst?“
„In einer alten Ruine, wo die Verschwörer zusammenkommen und wo ich beinahe um das Leben gekommen wäre.“
„Du bist nicht klug!“ rief Müller erschrocken. „Du hast dich doch nicht etwa ohne meine Genehmigung in eine Versammlung dieser fanatisierten Franzosen gewagt?“
„Leider doch!“ antwortete Fritz in kläglich-komischem Ton.