Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Die Wangen des Rittmeisters röteten sich denn doch ein wenig, aber er antwortete in einem sehr entschiedenen Ton:
„Ich glaube, niemals Veranlassung gegeben zu haben, mich für plauderhaft und unvorsichtig zu halten!“
Der Graf schien befriedigt zu sein. Er nickte mit dem Kopf und meinte:
„Ich will Ihnen gern glauben. Übrigens ist dieser Lehrer auf jeden Fall ein sehr unbedeutender Mensch, von dem man gar nicht zu sprechen braucht. Hier haben Sie noch einige Legitimationen, welche Ihnen von Nutzen sein werden. Sie wissen: Wie die Arbeit, so der Lohn. Ich hoffe, daß Sie sich Ansprüche auf eine bedeutende Anerkennung erwerben werden, und bin überzeugt, daß sie, von Eifer getrieben, Ortry bereits verlassen haben werden, wenn ich erwache. Darum werden wir uns bereits jetzt verabschieden, mein lieber Lemarch.“
Er reichte demselben die Hand und entfernte sich, nachdem der Rittmeister noch einige Worte gesagt hatte, um zu versichern, daß er alle seine Kräfte anstrengen werde, um seine Aufgabe einer glücklichen Lösung zuzuführen.
Jetzt las Lemarch die Legitimationen durch, warf einen Blick auf die Adressen der Briefe und ging noch einige Minuten im Zimmer auf und ab. Dann hörte Müller ihn die Worte sagen:
„Jetzt aber endlich zur Ruhe. Es ist spät, und ich muß früh erwachen.“
Er schob Briefe und Legitimationen auf dem Tisch zusammen, entkleidete sich und legte sich zu Bett, nachdem er seine Lampe ausgelöscht hatte.
„Also deshalb fragte er mich nach mir!“ dachte Müller. „Diese Herren scheinen zu wissen, daß ich Vertrauen genieße. Dieser Lemarch soll sich an mich schmeicheln und mich zur Verräterei verführen. Bedanke mich, Monsieur! Werde Ihnen den Weg noch besser ebnen, als die vier Briefe es tun werden!“
Er wartete, bis ein ruhiges, schnarchendes Atmen ihm die Überzeugung gab, daß der Franzose fest eingeschlafen sei. Jetzt schob er die Täfelung weiter auf, so daß er eintreten konnte. Er schlich zum Tisch hin, nahm sämtliche Papiere an sich und kehrte in den Gang zurück. Nachdem er die geheime Tür wieder verschlossen hatte, zog er sein Notizbuch und die Laterne hervor und kopierte sämtliche Papiere, die Adressen der Briefe und auch eine Reiseroute, welche sich dabei befand.
Es kam ihm der Gedanke, die Briefe mit in sein Zimmer zu nehmen, um sie zu öffnen, zu kopieren und wieder zu verschließen. Er traute sich die hierzu notwendige Geschicklichkeit wohl zu, aber seine Gefühle sträubten sich dagegen, als Offizier und Edelmann sich einer Entheiligung des Briefgeheimnisses schuldig zu machen. Er kehrte also, nachdem er den Eingang wieder geöffnet, in das Zimmer zurück, legte alles an den früheren Ort zurück und entfernte sich.
Nachdem er die Täfelung geschlossen hatte, stieg er die Treppe hinab und kehrte durch den Gang nach dem Parkhäuschen zurück. Er war mit den Erfolgen des heutigen Abends vollständig zufrieden. Sie gaben ihm Gelegenheit, sich in der Heimat auszuzeichnen und auch seine hiesigen, persönlichen Angelegenheit vorteilhaft zu verfolgen.
Als er das Schloß erreicht hatte und am Blitzableiter emporkletterte, bemerkte er im Zimmer des Alten noch Licht. Er warf einen Blick durch das Fenster und fuhr erschrocken zurück, denn gerade da, hart am Fenster, stand der Kapitän, mit dem Rücken nach ihm gekehrt. Er hatte ein geheimes Fach seines Schreibtisches geöffnet und hielt ein Paket Banknoten in der Hand, deren Nummern er zu mustern schien.
Müller konnte ihm über die Schulter blicken und sah, daß alle diese Noten gezeichnet waren. Er erkannte sehr deutlich die Anfangsbuchstaben der Namen; er prägte sich auch einige der Nummern ein. Es war kein Zweifel, er sah hier die Banknoten, welche der Alte dem Fabrikdirektor abgenommen hatte.
Er beobachtete nun mit größter Spannung jede Bewegung des Kapitäns und sah deutlich, daß dieser die Noten in das geheime Fach zurücklegte und dieses letztere mit einer verborgenen Feder schloß. Er beobachtete alles so genau, daß er überzeugt war, dieses Fach leicht auffinden und öffnen zu können. Dann kletterte er zum Dach empor.
Er sagte sich allerdings, daß es sehr leicht möglich sei, daß er noch eine weitere, für ihn nützlichere Entdeckung machen könnte, wenn er den Alten länger beobachtete; aber wie leicht konnte dieser das Fenster öffnen und heraussehen, und das wäre ja doch das Schlimmste, das Gefährlichste gewesen, was passieren konnte.
In seinem Zimmer angekommen, schrieb Müller zunächst die Banknotennummern auf, welche er sich gemerkt hatte; dann nahm er sein Notizbuch hervor und verfaßte einige Briefe. Als er diese versiegelt hatte, setzte er sich breit vor einige große, leere Bogen hin mit der Miene eines Mannes, der an eine sehr wichtige Arbeit geht. Seine Feder flog über das Papier, die Bogen füllten sich, neue kamen hinzu, und als er geendet hatte, waren so viele Seiten beschrieben, daß er selbst über die bedeutende Zahl derselben erstaunte.
„Das ist schnell genug gegangen“, lächelte er. „Ich habe aber auch niemals eine Arbeit mit solcher Lust gefertigt, wie diese hier. Ich hoffe, sie wird ganz den Eindruck machen, für welchen sie berechnet und geschrieben ist.“
Er legte das Manuskript beiseite. Es enthielt die Unterschrift: ‚Unwiderleglicher Beweis, daß vor Verlauf eines Dezenniums kein Krieg mit Frankreich zu befürchten steht. Auf Veranlassung des großen Generalstabes geliefert von Rittmeister Richard von Königsau‘.
Nun endlich griff er zum letzten Mal zur Feder. Er schrieb folgenden Brief:
„Meine gute Bertha!
Ihr werdet schon längst eine Nachricht von mir erwartet haben und sollt sie auch nächster Tage erhalten, ausführlich, wie ihr es ja von mir gewohnt seid. Jetzt aber habe ich zu solcher Vollständigkeit noch nicht die hinreichende Zeit, ja, ich fand noch nicht einmal die Muße, an die Mutter und an den Großvater zu schreiben.
Diese Zeilen gelten Dir, weil mich die höchste Notwendigkeit drängt, Dir für einen als gewiß zu erwartenden Fall die nötigen Instruktionen zu erteilen. Ein französischer Rittmeister, namens Bernard Lemarch, kommt nämlich als ein Landschaftsmaler Haller nach Berlin, um sich um meine Freundschaft zu bewerben und mich über die Anschauungen unserer Diplomaten und Strategen auszuhorchen. Ich bin überzeugt, daß Frankreich bereits in wenigen Wochen den Krieg erklären wird, und ebenso sicher weiß ich, daß wir imstande sind, den so leichtsinnig hingeworfenen Fehdehandschuh ohne Befürchtung aufzuheben. Aber es handelt sich darum, den geheimen Emissär zu täuschen, geradeso, wie er uns zu betrügen trachtet. Daher übersende ich Dir das beifolgende Manuskript.
Haller, alias Lemarch, beabsichtigt nämlich, sobald seine Bemühungen bei mir erfolglos sein sollten, Deine Zuneigung zu gewinnen, um soviel wie möglich von derselben zu profitieren. Du wirst ihm sagen müssen, daß ich mich in Litauen auf Besuch bei einem alten Verwandten befinde. Infolgedessen wird er sich bei Dir nach meiner Tätigkeit, nach meinen Arbeiten erkundigen, und Du wirst Dir da die Erlaubnis abschmeicheln lassen, das beiliegende Manuskript lesen zu dürfen. Alles übrige überlasse ich Deiner mir so wohlbekannten weiblichen Klugheit, zu der ich alles Vertrauen besitze, und bitte Dich, mich über den Erfolg sofort brieflich zu belehren. Ich stehe mit ähnlichen Arbeiten natürlich umgehend zur Verfügung und ersuche Dich, Deinen Brief an meinen Fritz zu adressieren, nämlich ‚Friedrich Schneeberg, Herboriseur (Kräutersammler) in Kondition bei Herrn Doktor Bertrand in Thionville‘. Er wird ihn mir richtig zuspielen. Hier darf ich es nicht wagen, Briefe aus Berlin zu empfangen.
Indem ich Dich ersuche, Mama und Großpapa von mir herzlichst zu grüßen, verspreche ich ihnen nochmals einen baldigen, langen Brief, umarme Dich, liebe Schwester, und sende Dir den innigsten, brüderlichsten Kuß von Deinem
herzenskranken Richard.
NB. Ich habe meine Dresden–Blasewitzer Dame unerwartet gefunden.“