Im Auftrag Seiner Majestät
- Автор: Май Карл
- Год: 1983
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Im Auftrag Seiner Majestät». Краткое содержание книги:
Er blickte nach der Uhr.
„Fünf Minuten um! Nun?“
„Sie sind ein Teufel!“ ächzte der Alte.
„Pah, was nützt das ewige Verhandeln! Ich warte nicht!“
Bei diesen Worten faßte er den Glockenzug und schellte. Da aber sprang der Alte auf und schrie in entsetzlicher Angst:
„Halt! Halt! Ich unterschreibe!“
„Was ich diktieren werde?“ fragte Müller.
„Ja, alles!“
In diesem Augenblick trat der Diener ein. Der Kapitän blickte voller Angst auf Müller, was dieser sagen werde. Der Deutsche wandte sich nach der Tür und sagte:
„Der Herr Kapitän läßt Ihnen sagen, daß ich als Erzieher des Barons Alexander das Recht beanspruchen kann, an der Familientafel zu speisen. Es ist also von jetzt an für mich dort zu servieren!“
Der Domestik verbeugte sich und schritt hinaus, vor Verwunderung ganz wirr im Kopf. So etwas Unerhörtes war in diesem Haus noch niemals passiert.
„Auch das noch!“ rief der Alte. „Ich wiederhole es. Sie sind ein Teufel!“
„Und Sie ein Satan!“ lachte Müller. „Räsonieren Sie übrigens nicht, sondern schreiben Sie, sonst sehe ich mich veranlaßt, nochmals zu klingeln, und dann stehe ich für nichts.“
„Sie werden das Blatt keinem Menschen zeigen?“
„So lange wir Freunde sind, keinem Menschen.“
„Gut, so diktieren Sie!“
Er nahm einen Bogen Papier her und griff zur Feder. Müller diktierte folgende Zeilen:
„Ich gestehe hiermit ein, daß mein Fabrikdirektor kein Selbstmörder ist, sondern von mir erschossen wurde. Die Banknoten, welche er mir nach meiner Aussage unterschlagen haben soll, hat der Getötete mir fünf Minuten vor dem tödlichen Schuß ausgezahlt.
Ortry, den 19. Mai 1870
Albin Richemonte, Kapitän.“
Der Wortlaut dieses Eingeständnisses gefiel dem Kapitän nicht. Er widersprach, er bat, er drohte; es half ihm nichts, der Deutsche beharrte eisern auf seinem Vorsatz. Endlich hielt er das Papier unterschrieben und untersiegelt in der Hand: er trat zur Klingel und zog daran.
„Um Gottes willen, was wollen Sie noch?“ fragte der Alte besorgt.
„Bleiben Sie ruhig“, antwortete Müller. „Ich beabsichtige nichts Gefährliches.“
Und als der Diener eintrat, befahl er:
„Der Herr Kapitän läßt die gnädige Baronesse und Mademoiselle Nanon zu sich bitten.“
„Aber was sollen denn diese?“ fragte der Alte, als der Diener sich entfernt hatte.
„Sie sollen Ihre Unterschrift rekognoszieren“, antwortete Müller. „Bei Ihnen muß man vorsichtig sein. Sie können sonst alles ableugnen und für gefälscht erklären.“
Der Kapitän hätte den Deutschen erwürgen mögen, aber er mußte seine Wut verbergen. Im stillen aber gelobte er sich Rache.
„Ich werde ihn beobachten, wenn er nachher geht“, dachte er. „Ich werde sehen, wo er das Papier verbirgt. Ich werde es mir holen und die Banknoten an einem anderen Ort verstecken; dann habe ich ihn überlistet, und er ist machtlos.“
Er brachte bei diesem Entschluß weder den Erdspiegel, oder was ja ganz dasselbe war, die Klugheit Müllers in Rechnung.
Es dauerte gar nicht lange, so erschienen die beiden Damen, ganz begierig zu wissen, was der so seltene Ruf zum Kapitän bedeutete. Sie waren erstaunt, Müller bei ihm zu sehen, und ihr Erstaunen wuchs, als dieser sie anredete:
„Mesdemoiselles, ich stehe im Begriff, mir eine sehr große Gefälligkeit von Ihnen zu erbitten. Der Herr Kapitän hat mir hier einen Revers ausgestellt, zu dessen Gültigkeit unbedingt erforderlich ist, daß zwei Personen bezeugen, daß Unterschrift, Siegel und Stempel wirklich von ihm stammen. Würden Sie die Gewogenheit haben, dies durch ein paar Worte und Ihre Unterschrift zu beurkunden?“
„Gern!“ sagte Marion bereitwillig. „Großpapa, du hast das geschrieben, untersiegelt und gestempelt?“
„Ja“, antwortete er, innerlich knirschend. „Aber ihr beide dürft es nicht lesen!“
„Gut so legen wir etwas darauf!“
Sie bedeckte den Inhalt mit einem Papierblatt und schrieb dann zwei Zeilen. Als sie fertig war, schob sie die Schrift der Freundin hin. Diese unterzeichnete, und nun las Marion vor:
„Wir haben geschrieben: ‚Daß diese Unterschrift nebst Stempel und Siegel in Wirklichkeit von der Hand meines Großvaters, des Kapitäns Albin Richemonte, stammen, bescheinigen wir mit unserer Unterschrift. Marion de Sainte-Marie. Nanon Charbonnier.‘ Ist es so richtig?“
„Ganz und gar“, antwortete Müller, indem er sich verbeugte. „Nehmen Sie unseren herzlichen Dank!“
Die Damen sahen, daß sie entlassen seien, dennoch aber fragte Marion den Deutschen:
„Ich höre von Alexander, daß Sie mit uns nach Thionville fahren werden?“
„Ja; er hat mich, sozusagen, zu dieser Tour gepreßt“, antwortete er lächelnd.
„Uns ebenso; doch müssen wir dies schwere Leiden mit Geduld ertragen. Adieu!“
Als sie sich entfernt hatten, erhob sich der Alte und stand in der Überzeugung, daß er seinen Gegner doch noch betrügen werde, in stolzer Haltung da.
„Nun sind wir wohl fertig?“ fragte er.
„Ja, obgleich ich eigentlich noch im Sinne hatte, dafür zu sorgen, daß die Banknoten nicht verschwinden, sondern als Beweis zurückbleiben. Allein derselbe ist nicht mehr nötig. Ihre Unterschrift und diejenige der Damen genügt vollständig.“
„So können Sie gehen!“
Er wendete sich in einer nach seiner Ansicht imponierenden Haltung ab. Müller aber blieb stehen und beobachtete ihn mit stillem Lächeln. Da wandte jener sich rasch wieder um und fragte:
„Nun, ich denke, wir sind fertig!“
„Allerdings, bis auf eine kurze Bemerkung. Ich bin überzeugt, daß Sie mich noch immer zu niedrig taxieren. Ihre persönliche Haltung, Ihr so schnell veränderter Ton sind eine Unvorsichtigkeit, denn sie lassen mich vermuten, daß Sie noch immer glauben, mich überlisten zu können. Ich weiß, in welcher Weise dies nur geschehen kann: Sie werden durch ein gewisses, matt geschliffenes Glas beobachten, wohin ich das Papier lege, und es mir dann stehlen. Sie werden ferner den Noten einen anderen Aufbewahrungsort geben; dann stehe ich macht- und beweislos Ihnen gegenüber, und Sie können mich wie einen Hund vom Hof jagen. Oder Sie machen es noch kürzer: Sie schießen mir eine Kugel durch den Kopf; das ist gründlich gehandelt. Da muß ich Ihnen nun leider sagen, daß ich Ihnen Schach und Matt biete. Ich fahre nachher nach Thionville. Von da aus geht eine Estafette mit diesem Papier nach meiner Heimat, wo dasselbe heilig aufbewahrt werden wird. Widerfährt mir bei Ihnen hier das geringste Leid, so wandert das Papier zum Staatsanwalt. Was dann folgt, das können Sie sich ausmalen, nachdem ich Sie jetzt verlassen habe. Adieu, Herr Kapitän!“
Er ging, aber hinter sich vernahm er noch die vor Wut förmlich herausgekeuchten Worte:
„Hole dich der Teufel! Dieses Geschöpf des Satans ist wahrhaftig allwissend!“
Kurze Zeit später fuhren die beiden Wagen vom Schloß ab nach Thionville, und Müller wurde wirklich von der Baronin eingeladen, in dem ihrigen Platz zu nehmen. –
Gegenüber dem Haus, in welchem Doktor Bertrand sein Domizil aufgeschlagen hatte, befand sich ein Gasthof, welcher besonders von den Angehörigen des Mittelstandes besucht zu werden pflegte. Dort hatte der Zauberer Abu Hassan mit seiner Künstlertruppe Wohnung genommen.
Keiner von seinen Leuten wußte, woher der Chef eigentlich stammte, und keiner kannte die Quellen, aus denen er schöpfte. Mochte die Einnahme eine noch so karge sein, Hassan hatte immer Geld, die Mitglieder seiner Truppe zu befriedigen.
Niemand ahnte, daß er dieses Leben nur gewählt hatte, weil es ihn überall im Land herumführte und ihm reichlich Gelegenheit gab, Nachforschungen anzustellen, ohne dabei auffällig zu werden. Es galt der Entdeckung eines Geheimnisses, der Vergeltung eines Verbrechens. Hassan hatte jahrelang vergebens gesucht, hatte bereits die Hoffnung aufgeben wollen, und nun, nun stand er plötzlich vor dem Anfang des Endes.