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Im Auftrag Seiner Majestät

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Im Auftrag Seiner Majestät
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„Halt!“ rief der Alte den herbeiströmenden Männern entgegen. „Ein jeder hat das Ausgangswort einem von uns dreien zu sagen, aber so leise, daß es der Spion nicht hören kann. So fangen wir ihn doch! Vorwärts!“

Fritz befand sich unter den Vordersten. Wäre er jetzt umgekehrt, so hätte er Verdacht erweckt; man hätte ihn sicher sogleich ergriffen. Er griff in die Tasche, zog sein Messer und ließ sich von den hinter ihm Stehenden ganz willig vorwärts schieben. Bereits hatten mehrere das Paßwort gesagt und gehen dürfen, da kam er vor den alten Rallion zu stehen. Er wollte sich an diesem vorüberdrängen, aber der Graf faßte ihn.

„Halt, Mann, das Wort!“ gebot er.

Fritz beugte sich an des Fragenden Ohr, als ob er es ihm zuflüstern wolle, versuchte aber dabei, sich durch einen plötzlichen Ruck loszureißen. Der Graf jedoch hatte Verdacht gefaßt, hielt ihn bei der Bluse fest und rief:

„Das ist er. Haltet ihn – haltet ihn!“

Sein Sohn, der Oberst, streckte sofort beide Hände nach Fritz aus, ließ sie aber mit einem lauten Aufschrei sinken, denn das Messer des Deutschen war ihm quer über das Gesicht gefahren. Ein Stich in die Hand des Grafen zwang auch diesen, die Bluse fahren zu lassen, und somit war Fritz frei. Obgleich sich die Hände aller nach ihm ausstreckten, gelang es doch keinem, ihn wieder zu fassen. Er sprang davon und in den Wald hinein.

„Ihm nach!“ kommandierte der alte Kapitän.

Jetzt war vom Paßwort keine Rede mehr, denn alle stürmten durch das Tor dem Flüchtigen nach. Dieser aber hatte nicht die mindeste Angst vor seinen Verfolgern. Es galt nur, seinen Kräutersack in Sicherheit zu bringen; denn fand man diesen, so konnte leicht erraten werden, wer der Spion gewesen sei. Er sprang also mit weiten Sätzen an der Mauer hin und dann unter die Bäume hinüber, riß den Sack unter der Buche hervor und eilte noch einige Schritte tiefer in den Wald hinein. Dann aber sagte er sich, daß jedes Geräusch die Franzosen nur auf seine Fährte bringen müsse; er kroch also in ein vor ihm liegendes Dickicht hinein und verhielt sich da ganz ruhig.

Er hörte die Schritte der Verfolger und ihre Rufe. Einige Male war man ihm ziemlich nahe, bald aber lag der Wald in scheinbar ununterbrochener Ruhe da. Doch war Fritz vorsichtig genug, in dem einmal eingenommenen Schlupfwinkel zu verharren. Er legte sich den weichen Sack unter den Kopf, streckte sich so bequem aus, als die Sträucher es gestatteten und dachte, seine Lage überlegend:

„Wo bin ich? Was für ein altes Gemäuer ist diese Ruine? Das muß ich wissen. Wenn ich ausreiße und fortlaufe, bis ich aus dem Wald hinauskomme, werde ich nicht wissen, wo ich gewesen bin. Darum bleibe ich liegen bis morgen früh und sehe mir das Ding bei Tageslicht an.“

Er atmete einige Male tief auf und fuhr dann fort:

„Er war eine verteufelte Suppe, die ich mir da eingebrockt hatte. Ich glaube sicher, diese Kerls wären mir ans Leben gegangen. Und was habe ich davon? Nichts, gar nichts. Der Alte hatte ja kaum die Rede angefangen. Hätte er sie vollenden können, so wüßte ich, was man eigentlich bezweckt. Das ist dumm, sehr dumm. Wer muß nur der alte Schnurrbart sein? Zwei sind verwundet, der eine an der Hand, der andere über das Gesicht. Auf diese Weise kann ich beide wieder erkennen. In die Brust wollte ich nicht stechen, denn ein Menschenleben schont man so lange, als es nur immer geht!“ –

Müller hatte während des ganzen Tages an den Maler denken müssen, der so unvorsichtig gewesen war, sich nach dem Rittmeister von Königsau zu erkundigen. Er hatte am Nachmittage mit Alexander einen Spaziergang gemacht und dann das Abendessen allein auf seinem Zimmer verzehrt. Nachdem dies geschehen war, verlöschte er seine Lampe und wartete. Er wußte, daß der alte Kapitän mit den beiden Rallions ausgegangen war und wollte ihre Zurückkunft vorüberlassen, ehe er ausführte, was er sich vorgenommen hatte; denn es galt, von dem Alten nicht überrascht zu werden.

Die Zeit verging, und der Harrende wurde unruhig. Der Kapitän war mit seinen Begleitern nach dem Eisenwerk gegangen; die dort geltende Arbeitszeit war bereits verflossen, und Müller konnte von seinem Fenster aus sehen, daß man alle Lichter verlöscht hatte. Wo blieben die drei Männer? Jedenfalls hatten sie die heimlichen Niederlagen aufgesucht, um sie einer Inspektion zu unterwerfen. Wo aber befanden sich diese Niederlagen? Es gehörte zur Aufgabe Müllers, dies ausfindig zu machen. Aber konnte er es entdecken, wenn er hier sitzen blieb, um die Rückkehr jener zu erwarten? War es nicht vielleicht besser, in den geheimen Gang einzudringen, in welchem sie sich befinden mußten?

Übrigens hatte er sich vorgenommen, den Maler zu belauschen. Er kannte ja die Einrichtung des Zimmers, welches dieser bewohnte; er hatte ja da den Alten beim Mord an dem Fabrikdirektor beobachtet. Vielleicht war es möglich, über die Person und die Absichten dieses sogenannten Herrn Haller etwas Näheres in Erfahrung zu bringen.

Wartete der Deutsche noch länger, so ging jener vielleicht schlafen, und dann war nichts zu erlangen. Er erhob sich also von seinem Sitz, auf welchem er still im Dunkeln gesessen hatte, und lauschte zum Fenster hinaus. Es herrschte überall die größte Ruhe und Stille. Er wagte also, seinen Gang anzutreten.

Vorher traf er dieselben Vorbereitungen wie früher. Er legte den Buckel ab, verkleidete sich und steckte die beiden Revolver und die Blendlaterne in die Tasche. Dann stieg er zum Fenster hinaus, glitt über das Dach und kletterte am Blitzableiter hinab. Als er am Zimmer des Alten vorüberkam, war es in demselben vollständig dunkel.

In demselben Augenblick aber, als Müller den Fußboden erreichte, legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er drehte sich blitzschnell um und griff nach seiner Waffe.

„Pst, keine Sorge!“ flüsterte es. „Ich tue Ihnen nichts; ich will nur mit Ihnen sprechen.“

„Wer sind Sie?“ fragte Müller.

„Das werden Sie erfahren. Kommen Sie.“

Der Mann sprach nicht den Dialekt der hiesigen Gegend, sondern den des südlichen Frankreichs. Soweit Müller bei der herrschenden Dunkelheit erkennen konnte, trug jener weite Hosen, welche bis an die Knie reichten, eine Jacke, einen Gürtel und auf dem Kopfe einen Fez; er ging also ganz ähnlich wie die Zuaven gekleidet.

„Sind Sie vielleicht Militär?“ fragte Müller.

„In meiner Heimat trägt jeder Mann die Waffe“, antwortete der Fremde.

„Also Zuave oder Türke, nicht wahr?“

„Nein. Aber kommen Sie!“

Müller hielt es für geraten, mit dem geheimnisvollen Mann zu gehen. Wer war es? Was wollte er? Hing seine Anwesenheit mit den Heimlichkeiten dieses Schlosses zusammen? Fast schien es so. Vielleicht konnte man von ihm etwas erfahren.

Der Fremde schritt gerade vom Schloß ab, hinaus nach den Feldern. Dort angekommen, hielt er an einem Rain inne, setzte sich ohne Umstände nieder und sagte:

„Setzen Sie sich; es redet sich so besser!“

Müller folgte dieser Weisung und wartete gespannt auf das, was er hören werde.

„Wer sind Sie?“ fragte der Fremde.

„Warum fragen Sie?“ entgegnete Müller.

„Weil ich wissen muß, wer Sie sind.“

„Vielleicht erfahren Sie es, vielleicht auch nicht. Wer sind denn Sie?“

„Sie erfahren das auch vielleicht. Doch da Sie mir nicht sagen wollen, wer Sie sind, so werden Sie mir wohl sagen, was Sie sind.“

„Unter Umständen werden Sie dies auch erfahren.“

„Ich weiß es bereits.“

„Ah! Nun?“

„Sie sind einer, der in die Fenster anderer Leute steigt, um sich zu holen, was ihm gefällt.“

Ah, dieser Mann hielt den Deutschen für einen Spitzbuben, für einen Einbrecher, weil er gesehen hatte, daß er am Blitzableiter heruntergekommen war, das gab Müller Spaß, und er beschloß, ihn bei diesem Glauben zu lassen.

„Haben Sie etwas dagegen?“ fragte er dann.

„Nein“, antwortete der Fremde. „Sie scheinen ein kühner Mann zu sein.“

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